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Jun 30 2011

118 Flüchtlingslager in Bayern

Zwei der Flüchtlingslager wurden „ausgezeichet“: In Schongau und Coburg herrschen die schlimmsten Zustände

Der Bayerische Flüchtlingsrat hat das Flüchtlingslager in Schongau gemeinsam mit dem Coburger als die krassesten Lager in Bayern bezeichnet. Der Pressesprecher der Regierung von Oberbayern, Heinrich Schuster, fand die Aussagen des Flüchtlingsrates gut zum (nahegelegenen) Märchenwald passend und ließ sich nach einem Besuch des Heims noch zu der Stammtischparole hinreißen, dass die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber kein Hotel mit Sternen sei … (Quelle: Schongauer Nachrichten 12. Mai 2011)

Diese „Preisverleihung“ und Berichterstattung brachte uns dazu, in unseren Archiven und Erinnerungen zu wühlen. Und dies kam dabei zu Tage:

Als 1991 von der Stadt Schongau geplant wurde, im Gewerbegebiet an der Dießener Straße ein Asylheim der Regierung von Oberbayern errichten zu lassen, stellte die Alternative Liste Schongau im Stadtrat den Antrag, das frei werdende Altenheim an der Lechtorstraße (das abgerissen werden sollte) als Gemeinschaftsunterkunft zur Verfügung zu stellen. Begründet wurde der Antrag u. a. damit, dass ein Personenkreis, der ohnehin am Rande der Gesellschaft steht, nicht an den Rand der Stadt platziert werden soll. Dies fand jedoch im Rat keinerlei Unterstützung und so wurden im Industriegebiet zwei sogenannte Behelfsbauten der Firma Plenk errichtet. Im Werbeprospekt der Firma hieß es dazu: „Plenk Behelfsbauten entsprechen in Konzeption und Ausführung den aktuellen Arbeitsstätten-Verordnungen.“ Kurz zuvor hatte es allerdings im Behelfspostamt gleicher Bauart an der Sonnenstraße in Schongau ein Problem mit Formaldehyd-Ausdünstungen gegeben. Zudem gibt es für Wohnräume wesentlich niedrigere Grenzwerte als für Arbeitsstätten. Hinzu kommt, dass der Begriff Behelfsbauten ja schon aussagt, dass diese Baracken reine Übergangslösungen sein sollten, was auch der Stadtratsbeschluss zeigt, der eine Pachtdauer von fünf Jahren mit einer Option von zwei weiteren Jahren vorsah.

Bei unseren häufigen Besuchen im Asylheim in den ersten acht Jahren konnten wir viele bleibende Eindrücke sammeln:

  • Geräusche und Gespräche aus den Nachbarzimmern waren zu hören, als gäbe es keine Wände dazwischen
  • bei so vielen Bewohnern (damals 80) waren nach kurzer Zeit die Gemeinschafts-Toiletten, -Duschen und -Küchen in unzumutbarem Zustand
  • schon damals gab es Kakerlaken und die damit verbundenen Kammerjäger-Gift-Einsätze
  • schon damals war das laute Bellen der Hunde aus dem naheliegenden Tierheim unerträglich, vor allem nachts
  • und schon damals war die Entfernung zu Geschäften, Bahnhof und vor allem auch zu Ärzten und Kinderärzten ein großes Problem.

Nur eines fiel uns bei der Berichterstattung positiv auf. Früher waren die 12-Quadratmeter-Zimmer mit 4 Personen belegt; jetzt heißt es, sie seien für 2 Personen gedacht.

Dem Pressesprecher der Regierung von Oberbayern können wir nur empfehlen, mal zu Testzwecken den Platz eines Asylbewerbers zu belegen – und sei es auch nur für eine Woche. Es wäre für uns hochinteressant zu erfahren, ob er danach die Aussagen des Bayerischen Flüchtlingsrats immer noch für Märchen hält.

Renate und Sigi Müller

Weitere Infos u. a. zur Situation von Flüchtlingen in Bayern finden Sie auf der Seite des Bayerischen Flüchtlingsrat im Internet.

www.fluechtlingsrat-bayern.de

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