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Jul 31 2010

30 Jahre Müllpolitik im Landkreis

Landrat Friedrich Zeller

Dr. Zeller: „Hätte sich der Widerstand … nicht formiert, müssten wir heute alles teuer bezahlen.“

Dezentral und überschaubar – besser als zentral und groß – Dank an Bürgerinitiative

Drei Jahrzehnte Kampf für ein besseres Müllkonzept haben sich gelohnt. Der »Bürgerinitiative gegen eine Müllverbrennung in Peißenberg« will ich danken, denn die BI hat viel dazu beigetragen, dass wir heute im Landkreis Weilheim-Schongau unseren Hausmüll vorbildlich entsorgen.

Vor 30 Jahren mussten die aufgeklärten Bürger mutiger sein als heute, um eine BI zu starten und dauerhaft zu führen. Hans Schütz hat in der März-Ausgabe des OHA die vielen Persönlichkeiten genannt, die sich mutig gegen eine zentrale und gigantische Müllverbrennung in der Mitte unseres Landkreises gestemmt haben. Diesen Bürgerinnen und Bürgern sei aus einem Rückblick von 30 Jahren im Namen des Landkreises Weilheim-Schongau herzlich gedankt.

Jedes politische Thema hat seine Zeit. Und so war es die Amtszeit meines Vorvorgängers Manfred Blaschke (und dessen Gegenspielers Sepp Klasen), in der das Müllthema leidenschaftlich und nicht immer sachlich ausgefochten wurde. Diese Auseinandersetzung kenne ich nur vom Hörensagen, kann mir aber lebhaft vorstellen, wie sie abgelaufen ist.

Wo stehen wir heute?

  1. Der Landkreis verfügt mit seiner Erbenschwanger Verwertungs- und Abfallentsorgungs GmbH über eine vorbildliche Entsorgung unseres Hausmülls: Trennen und verwerten, mechanisch-biologisch behandeln sowie sicher deponieren, das sind die Grundprinzipien des Erfolges!
  2. Das Wichtigste sind die Bürgerinnen und Bürger, genauer der aufgeklärte „Abfallbürger“, der den von ihm selbst erzeugten Abfall säuberlich trennt. Notwendig ist deshalb, dass wir die Bürger kontinuierlich aufklären, was und wie zu trennen ist.
  3. Die Zusammenarbeit mit dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hat sich bewährt: Mit den Mitgliedern unseres Verwaltungsrates besuchte ich vor kurzem die Kompostieranlage Quarzbichl, wohin die Bio-Abfälle (braune Tonne) auch unseres Landkreises gebracht werden. Hinten kommt dann Kompost für den Garten- und Landschaftsbau heraus. Die Quarzbichler prüfen zurzeit, ob sie vor die Kompostierung eine Vergärungs-Anlage bauen sollten, um das entstehende Gas aus den Bioabfällen in einer weiteren Stufe zu verstromen. Die Qualität der Verwertung wür­de also erneut steigen.
  4. In unserer mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlage (MBA) wird im Gegenzug auch der Tölzer Hausmüll eingebracht, was zu einer optimalen Auslastung führt. Die MBA in Erbenschwang wird Jahr um Jahr technisch verfeinert und aufgerüstet. So hat unsere EVA GmbH in den vergangenen fünf Jahren 4,28 Millionen EURO investiert, um den Restabfall weiter zu stabilisieren und die zu deponierende Abfallmenge weiter zu senken.
    Nachdem der Bürger schon zu Hause ordentlich getrennt hat, werden in unserer MBA nochmals Metalle und heizwertreiche Bestandteile u.a. aus Kunststoffen, Textilien und Papieren ausgesiebt. Von einer Tonne Hausmüll, die vorne zugeführt wird, werden 730 Kilogramm verwertet bzw. organisch abgebaut und nur 270 Kilogramm der Deponie zugeführt. Einer thermischen Verwertung zugeführt (also verbrannt) werden somit nicht 100 Prozent, wie damals für Peißenberg geplant, sondern nur 46 Prozent. Und das ist keine heterogene Masse, sondern energiereiche Fraktionen, die dem Heizwert von Braunkohle entsprechen (so genannte Ersatzbrennstoffe).
  5. Weil wir keine gigantische Müllverbrennung im Landkreis haben, zahlt unser »Abfallbürger« auch keine gigantischen Gebühren. Unser System des Trennens, Behandelns und Deponierens ist zwar wenig spektakulär, dafür aber wirtschaftlich. Die Müllgebühren für unseren Bürger befinden sich im unteren bayerischen Durchschnitt. Von 87 entsorgungspflichtigen Gebietskörperschaften stehen wir auf Platz 21.

Hätte sich der Widerstand gegen eine Verbrennung vor 30 Jahren und vor 16 Jahren gegen ein Großentsorgungszentrum nicht formiert, müssten wir heute alles teuer bezahlen.

Welche Lehren können wir aus 30 Jahren Müllpolitik ziehen?

  1. Dezentral und überschaubar ist besser als zentral und groß.
  2. Wer Müll verursacht, soll auch für seine Beseitigung gerade stehen. Es ist also eine Sache der Bürger selbst.
    Im übrigen: Alle Bürgerinnen und Bürger sind an unserem Abfallwirtschaftsbetrieb beteiligt. Die EVA GmbH gehört nämlich zu 100 % dem Landkreis, also uns allen!
  3. »Das bessere Müllkonzept« unseres Landkreises ist der beste Ausdruck der kommunalen Selbstverwaltung. Zu keiner Zeit und bei keinem inhaltlichen Punkt wäre je zu erkennen gewesen, dass ein Privater diese Aufgabe hätte besser erledigen können. Die Bürger dürfen sich also die Aufgaben der kommunalen Infrastruktur nicht aus der Hand nehmen lassen. Weder von der Europäischen Union, noch von den Lobbyisten einer reinen Marktwirtschaft.
  4. Die Zusammenarbeit mit umliegenden Landkreisen lohnt sich, denn für manche Aufgaben ist der Landkreis alleine zu klein.
  5. Bestehende Konzepte können und müssen Schritt für Schritt fortentwickelt werden. Die technische Entwicklung schreitet voran und bringt es mit sich, dass Müllanlagen ständig optimiert und konzeptionell angepasst werden können. Solide vorzugehen und langfristig gute Entscheidungen sind kurzfristigen Überlegungen und Vorteilen vorzuziehen.
  6. Alt-Deponien belasten uns nach wir vor (zuständig sind in der Regel die Landkreise oder die örtlichen Gemeinden). Jede Alt-Deponie bedarf eines eigenen Nachsorge-Konzeptes. Die Lehre ist: Wer kein Konzept zur dauerhaften und schadlosen Deponierung hat, darf auch keinen Müll produzieren, vor allem keinen atomaren. Müll ist heute kein (politisches) Thema mehr. Gut aber, dass die BI Peißenberg Müll vor 30 Jahren zum Thema gemacht hat. So können wir heute mit Stolz vom vorbildlichen Müllkonzept in unserem Landkreis sprechen.

Vielen Dank dafür!

Ihr Dr. Friedrich Zeller, Landrat

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