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Mai 31 2016

AUFGELESEN – Gedanken zum Islam & Christentum

Wolfgang Fischer

Wolfgang Fischer

Immer wieder treffen wir auf Menschen, die allen Ernstes die Auffassung vertreten, »der Islam« sei – im Gegensatz zum Christentum – aggressiv und intolerant und daher seien die Terrorakte der letzten Zeit aus der Religion zu erklären. Wer sich ernsthaft mit derartigen Thesen auseinandersetzen will, dem empfehle ich das großartige Buch von Navid Kermani, einem der größten deutschen Schriftsteller der Gegenwart (Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2015), mit dem Titel, »Ungläubiges Staunen. Über das Christentum«.

Kermani, Kind iranischer Eltern und selbst Moslem, zitiert beispielsweise die »Neunundneunzig schönsten Namen Gottes«, den »islamischen Rosenkranz«, der den christlichen Mönch Franz von Assisi zu seinem berühmten »Lobpreis Gottes« inspiriert hat:

„Du bist die Liebe, Du bist die Weisheit, Du bist die Demut, Du bist die Geduld, Du bist die Schönheit, Du bist der Schutz, Du bist die Milde, Du bist die Ruhe, Du bist die Freude und das Frohlocken, Du bist unsere Hoffnung, Du bist die Gerechtigkeit“ … Von Hass, Mord oder Verachtung Andersgläubiger keine einzige Silbe.

Gleichzeitig finden sich bei Kermani – der dabei weit davon entfernt ist, die »Sünden« der verschiedenen Religionen gegeneinander aufzurechnen – Hinweise auf alles andere als friedliche Einstellungen der christlichen Kirche. So hatte nach dem Beschluss des Dritten Laterankonzils von 1179 der christliche Umgang mit dem Islam auf päpstliche Weisung zu lauten, „Unrat austilgen!“ Und in einem weitverbreiteten Werbelied für den zweiten Kreuzzug hieß es in Anspielung auf Psalm 137,9: „Gesegnet ist, wer deine kleinen Kinder an Steinen zerschmettert, gesegnet die Dolche, die die Ritter Christi führen.“ Seit der Kreuzzugsbulle »Quia maior« von 1213 kann man, so Navid Kermani, von „ritualisierter Einübung von Hass“ (gegen Juden und Moslems) sprechen.

Wenn man Navid Kermanis Buch liest, wird einem bewusst, wie absurd die These ist, dass sich der menschenverachtende Terror unserer Tage mit »dem Islam« erklären lässt. Wollte man sich auf eine derartige Argumentation einlassen, müsste man auch »das Christentum« für die Massaker der Kreuzzügler an den Sarazenen, für den von christlichen Eroberern verübten Genozid in Lateinamerika oder – aktuell – für Brandanschläge und Morde an Zuwanderern durch selbsternannte Verteidiger des christlichen Abendlandes im Gewand von PEGIDA verantwortlich machen.

Nein, es geht sowohl bei den religiös begründeten Terroranschlägen des IS als auch bei den im Namen des Christentums verübten Verbrechen nicht um Religion, sondern um Macht, Einfluss und die Durchsetzung sonstiger, ganz weltlicher Interessen! Die Religion wird vorgeschoben und soll die wahren Beweggründe verschleiern.

Wolfgang Fischer

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