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Sep 30 2017

Bavarica patria amissa est? Kap.1 »Verlust der Ästhetik«

Ein geschichtsträchtiger bayerischer Ort inmitten von Hügeln & Wäldern
(Foto: Sigi Müller)

Geneigten Betrachtern oberbayrischer Landschaftsmalereien der vorindustriellen Jahrhunderte, wird gewahr, dass Menschen und deren landschaftliche Gestaltung und Behausungen sich zu jener Zeit in unspektakulärer Harmonie ins Gesamtbild einfügen.

Wege, heckenbegrenzte Felder und Äcker, Obstwiesen, vereinzelte Wäldchen, Bauernkaten, Heuschober, Guts- und Gasthöfe unterwerfen sich der natürlichen Topographie, schmiegen sich an Erhebungen, mäandern mit den Bachläufen.

Da, wo Hügel, Fels und Tal besonderen Wetterschutz versprechen, drängen sich einzelne Behausungen und Gebäude in bunten und lebendigen Knäueln zu kleinen Dörfern.

Und selbst da, wo einzelne Dörfer längst zu Städten zusammengewachsen sind, folgen sie (trotz ihrer dichteren und höheren Baukörper) noch der Ästhetik der sie umgebenden Landschaft.

Die Architektur sucht stets die Spiegelung natürlicher Proportionen (sie deutet den rechten Winkel eher nur an), die Baustoffe entsprechen den Vorkommen ihrer unmittelbaren Umgebung.

Die Gärten zieren heimische Kräuter, Gemüsebeete, Blüten- und Beerenstauden und ihre lustig unregelmäßigen Zäune erscheinen eher als freundlich-bestimmte Aufforderung zur Achtsamkeit.

Dort, wo nicht naturbelassen, deutet die Farbgebung der Gebäudeanstriche, der Verzierungen, der Dacheindeckungen einen fröhlichen Kontrapunkt an, setzt sich in der Farbe von Hausrat, Schmuck und Bekleidung der Menschen fort und zeugt so von Lust und Freude an Konservierung und Wiedergabe natürlicher Farbenpracht. Aus der Entfernung einem Klatschmohnfeld oder einer Blütenwiese gleichend; stets unaufdringlich, harmonisch in das Landschaftsbild geworfen.

Zeugnisse von Respekt und Demut des Menschen gegenüber der Natur (als der Grundlage seiner Existenz), deren Pflege und Bewahrung er auch als Dienst an seinem Schöpfer versteht.

Selbst nach Einsetzen der ersten industriellen Revolution, bis hinein ins beginnende 20. Jahrhundert, bemühen sich Architektur, Infrastruktur- und Landschaftsgestaltung noch um ästhetische Gestaltung von Zweckbauwerken (Kraftwerke, Fabriken, Eisenbahntrassen, Brücken …) und deren weitestgehend harmonische Einbettung in ihre Topographie.

Die zerstörende Feuersbrunst zweier fürchterlicher Weltkriege setzte dieser gewachsenen Kultur ein jähes Ende. Wiederaufbau von Infrastruktur, Wohnraum und ausreichende Ernährung für die Bevölkerung hatte nunmehr oberste Priorität. Dorf-/Stadtplanung und Architektur hatten sich (nachvollziehbar) dem Zweck unterzuordnen und Landschaften den geforderten Ertragssteigerungen, was 1953 im Erlass des Flurbereinigungsgesetzes gipfelte. Dies wurde zur Stunde der Schreibtischplaner, der Bau- und Agraringenieure.

In den Folgejahren wurde nahezu die gesamte ländliche Struktur mit brachialer Gewalt von Grund auf umgekrempelt. Landwirtschaftliche Kleinflächen wurden zu endlosen Feldern zusammengelegt und maschinengerecht eingeebnet, Hecken, Wäldchen und Alleen wurden beseitigt, Feuchtflächen trockengelegt; Wege und Flüsse wurden begradigt, Bäche verschwanden in Rohren. Durch Wälder, Dörfer, Städte wurden in breiten Schneisen Schnellverkehrstraßen verlegt. Die Architektur machte die Not zur Tugend, folgte der geforderten Zweckmäßigkeit und bezeichnete diesen Stil fortan als »Moderne«. Tatsächlich erwiesen sich diese gewaltigen Eingriffe in Natur, gewachsene Strukturen und Landschaftsbild im Sinne der Zweckmäßigkeit als überwältigender Erfolg.

Dank zunehmendem Einsatz leistungsstarker Agrarmaschinen, Turbo-Saatgut und großzügiger Verwendung von Kunstdünger, Herbiziden und Pestiziden stiegen die landwirtschaftlichen Erträge um ein Vielfaches. An den Stadträndern wuchsen riesige Gebäudekomplexe mit neuem Wohnraum für die Werktätigen der aufblühenden Wirtschaft und das neue Verkehrswegenetz ermöglichte nun auch die Ansiedlung von Industrie im ländlichen Raum. Dies wiederum bescherte der eingesessenen Bevölkerung einen zunächst bescheidenen Wohlstand und erlaubte ihr, ihre (im Kern meist gut erhaltenen) »alten« Bauernhäuser im neuen Stil der Moderne »aufzurüsten« oder aber – im Rahmen der ländlichen Entwicklungsstrategie – (im gleichen Stil) auf ausgewiesenen Neubausiedlungen gleich neu zu errichten.

Das »Wirtschaftswunder« war vollbracht. Die vormalige Ästhetik und Harmonie der Landschaft, die bunte Vielfalt der Natur jedoch war unwiederbringlich verloren.

Zu spät, zu halbherzig die Proteste und die Kritik an der hemmungslos ausufernden Flurbereinigungswut der Fachbehörden; zu groß die Verlockungen für Industrie, Bauwirtschaft und Bauernstand; zu stark der Einfluss ihrer Lobbyisten; zu schwach die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung; zu zerstritten und dilettantisch die Umwelt- und Naturschutzverbände; zu gierig und gleichgültig der »neue Mensch der Moderne«.
Einmal gebrochen, ließ sich der Damm nicht mehr schließen.

Der fortschreitende Prozess einer rücksichtslosen Vergewaltigung von Natur und Landschaft, der stil- und geschmacklosen Stadt- und Dorfbildentwicklung, der peinlichen Versuche von Architekten und Bauherrn, phantasielos-einfältigen Siedlungshäusern mittels einiger billiger Attribute uniformen (»Neo«)-Landhauscharakter zu verleihen, wurde seit den 1970er Jahren von Dieter Wieland in dessen TV-Reihe »Topographie« sehr eindrucksvoll mahnend dokumentiert (BR-Mediathek).

Geholfen hat es freilich nichts. Heute lebt der Mensch im »Innenbereich« von Dörfern und Städten; Landschaft und Natur hingegen befinden sich im »Außenbereich«.

(Hierüber in meinem nächsten Artikel)

Bertie Hogeweg, Reichling

 

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