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Aug 31 2010

Blick hinter die Kulissen einer bayerischen »Idylle«

Ulrike Ruscher

Abendessen beim Senner auf der Roßalm, ein Nachbar im Almgebiet am Geiglstein/Chiemgau

12 Stunden vor Almauftrieb begann die Saison mit einer Absage

Manche Bauern machen es sich schon leicht, finde ich. Wenn der Almsommer naht, dann rufen sie beim »Almwirtschaftlichen Verein« in Miesbach an und lassen sich ein paar Telefonnummern der Sennerinnen geben. Oder sie sprechen einfach eine Wanderin an. So erging es mir dieses Jahr an der Benediktenwand. Grundsätzlich wird erwartet, dass die Sennerin zu allem Ja und Amen sagt. Es kann auch gut sein, dass seit Jahren nichts mehr in die Ausstattung der Alm investiert wurde. Es gibt kein Waschbecken, allerdings ein Plumpsklo und zumindest eine uralte dreiteilige Matratze. Der Hirtenlohn – z. B. für das Betreuen von 40 Stück Jungvieh und die Pflege der Almwiesen eines Bauern vom Pfis­terberg (bei Benediktbeuern) – beträgt sage und schreibe monatlich 250 €uro. Egal ob davon die laufenden Lebenshaltungskosten wie die Miete im Tal, die Krankenversicherung und Kfz-Kosten für Einkaufsfahrten gedeckt sind. Interessant ist auch, dass die Entlohnung nicht einmal der ausgezahlten »Hirtenprämie« entspricht. Das ist der Zuschuss, den der Bauer je Hektar Weidefläche erhält (z. B. 90 €/ha x 17 ha je Saison = zirka 1530 € je Almsommer).

Hier noch eine weitere Erfahrung aus einem früheren Jahr: Ich stelle mich bei Almbauer L. vor. Er zeigt mir das Vieh und die beiden Almen. Die untere Alm ist das restliche Jahr verpachtet. Und so sieht es dort auch aus: vollgestopft bis obenhin mit Utensilien, die im Schrank und in den Regalen bleiben sollen. Mir wird eine leere Schublade im Bettkasten und ein Abteil im Schrank angeboten. Trotzdem will ich versuchen, mich für zwei Monate dort wohl zu fühlen. Wir sitzen hernach bei Tisch – mein Lebenslauf, den ich vorlege, ist offenbar nicht sehr von Interesse – und verhandeln gleich die Bezahlung. Ich fahre wieder heim. Es gibt nur eine mündliche Zusage und die Vereinbarung, dass ich mich ab Ende Mai bereithalten soll.

Almbauer L. ruft mich aber nicht an, wann genau es losgehen soll. Ich werde unruhig, denke mir dann aber, na ja, die Bauern und Papierkram (Arbeitsverträge!), des passt halt net zam. Den Arbeitsvertrag werde ich dann beim Almauftrieb unterzeichnen können, heißt es. Die Ehefrau ist zwar Bankkauffrau, doch sie hält sich eher raus. Als ich ihnen hinterhertelefoniere, wird vorgeschoben, dass die Kinder meine Bewerbung, also auch die Telefonnummer, vermutlich zum Malen verzogen haben. Und dass man immer noch nicht genau weiß, wann es mit dem Almauftrieb losgeht, weil heuer ein anderer Bauer bestimmt. Der Chef der Alpenvereinshütte weiß offenbar mehr. Von ihm erfahre ich, dass es am Mittwoch losgehen soll. Auf seiner Hütte ganz in der Nähe könnte ich noch 10 Stunden am Wochenende bedienen, um weitere Kosten zu decken – eine optimale Kombination!

Denn die Verhandlung mit Almbauer L. ergibt, dass ihm am liebsten wäre, mich für 400 Euro anzumelden und weitere 200 Euro schwarz zu zahlen. D. h. ich muss mich selbst um die Einzahlung der Sozialversicherungsbeiträge kümmern. Herr L. will nicht darauf eingehen, mich geringfügig (über 400 €) zu beschäftigen, obwohl er beim Jungviehverkauf im Herbst gut verdient. Ich willige trotzdem ein. Was soll’s. Immerhin bin ich ihm 2.500 Euro für die vier Almmonate wert. Dies entspricht angeblich dem Zuschuss aus dem Landschaftskulturprogramm. Ein Auto werde ich trotzdem brauchen, denn der Weg von Valepp nach Schliersee zum Einkaufen frischer Lebensmittel ist weit, und eine Milchkuh gibt’s weit und breit auch nicht.

Möglichst immer verfügbar zu sein, wenn mal wieder eine Kuh geklaut wird oder Ähnliches, wär dem Bauer ganz recht. Pro Tag werden lediglich 1 bis 1,5 Arbeitsstunden veranschlagt für „nach dem Jungvieh schaun bzw. suchen und Unkraut ausstechen“, heißt es. Von den sonstigen Tätigkeiten wie Wundenpflege der verletzten Tiere, ein stieriges Jungvieh zum Besamenlassen in den Stall treiben, Holz hacken, Zäune richten, Brunnentröge reinigen usw. ganz zu schweigen.

Es ist Dienstag, ein Tag vor Almauftrieb. Ich bin gerade dabei, mein letztes Teil ins Auto zu packen. Das Telefon klingelt. Der Almbauer L. ist dran und sagt mir kurzerhand ab. Eigentlich unvorstellbar: Da kommt um 17 Uhr – also 12 Stunden vor dem geplanten Almauftrieb (morgens um 5 Uhr wegen der Hitze und des weiten Weges) – eine Absage. Grund dafür ist angeblich, „dass der Vater jetzt doch hoch geht!“.

Zunächst glaubte ich, es handele sich dabei um einen schlechten Witz. Dann bricht für mich die Welt zusammen. Erst arrangiere ich mich mit allem und dann werde ich einfach „aus dem Feld gekickt“. Inzwischen hatte ich ja den anderen Arbeitgebern abgesagt. Alle meine Vorbereitungen für die Katz? Die Puste war jetzt echt raus. Und ich lief wieder mal zum Arbeitsamt!

Nun frage ich mich: Wie kann es sein, dass es für uns Arbeitnehmer auf der Alm keinen ausreichenden Schutz gibt? Auch die Bauern bräuchten mehr Unterstützung, damit sie mit den Formalitäten zurechtkommen, vor allem wenn es um die offizielle Anmeldung der MitarbeiterInnen geht.

Die Sennerinnen in der Schweiz haben mehr Sicherheit. Dort funktioniert es direkt vorbildlich. Es gibt offizielle Verträge, und wenn man sich nicht daran hält, dann muss jede Seite eine Aufwandsentschädigung (z. B. für die Besorgung eines Ersatzes) bezahlen.

Näheres dazu unter www.zalp.ch

Was ist die Arbeit eines Einzelnen eigentlich noch wert? Wie soll es auf den Almen weitergehen? Mit ausländischen Kräften? Das kann nicht die Lösung sein. Ich schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, dass die Wertschätzung unserer Arbeit in Bayern steigt und die Bedingungen für uns Sennerinnen verbessert werden. Jetzt schon werden manche Sennerinnen erst am Saisonende ausbezahlt.

Es ist wenig hilfreich, wenn der eingangs erwähnte »Almwirtschaftliche Verein« im Internet schreibt: „Mit Idealismus und der rechten Einstellung erwirbt man während des Almsommers Schätze, die länger halten als jeder Euro“. Davon kann frau leider nicht runterbeißen.

Und es ist längst an der Zeit, sich zusammenzutun und für gute Arbeitsverträge und eine angemessene Entlohnung zu kämpfen.

Ulrike Ruscher

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