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Mrz 31 2011

Das vergessene Fundament der BRD

Hans Hahn

Hans Hahn

Wer über kein sauberes Wasser verfüge, der müsse eben mit schmutzigem vorlieb nehmen, sagte Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Welche tiefbraune Brühe am Anfang der westdeutschen Republik stand, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer erinnert sich noch an Adenauers Staatssekretär Globke? Der 1898 in Düsseldorf geborene Hans Maria Globke trat 1922 in die Zentrumspartei ein, weshalb ihm später die beantragte Mitgliedschaft in der NSDAP verwehrt wurde. Das hinderte ihn aber nicht daran, aktiv an der Verfolgung der Juden mitzuwirken. Der Jurist Dr. Globke war ab 1934 im Reichsinnenministerium tätig. Als Koreferent beschäftigte er sich u. a. auch mit „allgemeinen Rassenfragen“. Zusammen mit seinem Vorgesetzten, Staatssekretär Stuckart, sorgte er für eine Verschärfung der Rassengesetze, in denen nicht nur der eigentliche Geschlechtsverkehr mit Juden bestraft werden sollte, sondern auch „beischlafähnliche Handlungen, z. B. gegenseitige Onanie“. Ebenfalls gemeinsam mit Stuckart verfasste er einen einschlägigen Kommentar zu den Nürnberger Rassengesetzen, wobei Stuckart nur die Einleitung beisteuerte.

In Adenauers Regierung stieg Globke vom Ministerialdirigent zum Staatssekretär auf. Er war Mitglied im engsten Führungszirkel um Adenauer und zog im Hintergrund die Fäden. 1963 verlieh ihm Bundespräsident Heinrich Lübke das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Anfang der 1950er Jahre traf sich der nordrhein-westfälische FDP-Landtags- und spätere Bundestagsabgeordnete Dr. Ernst Achenbach mit Werner Naumann, ehedem SS-Hauptsturmführer. Naumann verfügte über gute Kontakte zu ehemaligen NS-Funktionsträgern. Die beiden planten, die nordrhein-westfälische FDP durch ehemalige NS-Funktionäre zu unterwandern, „um den Nationalsozialisten…einen Einfluss auf das politische Geschehen zu ermöglichen“. Das notierte Naumann jedenfalls in seinem Tagebuch. Tatsächlich gelang es, zahlreiche Nazis in der FDP unterzubringen. Etwa den Landesgeschäftsführer Heinz Wilke, HJ-Führer und Chefredakteur einer HJ-Zeitschrift, Siegfried Zoglmann,[1] SS-Obersturmführer oder Wolfgang Diewege, Abteilung Rundfunk in Göppels Propagandaministerium.

Die Vorgänge in der nordrhein-westfälischen FPD blieben auch der britischen Hohen Kommission nicht verborgen. Nachdem weder der FDP-Bundesvorstand noch die Bundesregierung auf Warnungen reagierten, griff die Hohe Kommission selbst ein. Im Januar 1953 wurden Naumann und seine Kameraden festgenommen. Im März 1953 übernahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen. Bereits im Juli 1953 wurde Naumann entlassen und das Ermittlungsverfahren eingestellt. Achenbach blieb bis 1976 Bundestagsabgeordneter.

Eine besonders interessante Geschichte ist die des im Juni 2010 verstorbenen Prof. Dr. Dr. Hans Joachim Sewering, 1955 bis 1991(!) Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, 1973 bis 1978 Präsident der Bundesärztekammer, Träger diverser Ehrentitel und Orden.

Am 1. November 1933 trat der 1916 in Bochum geborene Sewering der SS bei und ein Jahr später wurde er Mitglied der NSDAP.

Ab 1942 war Sewering am Krankenhaus in Schönbrunn tätig. Von dort wurden mehr als 900 behinderte Menschen nach Haar-Eglfing abtransportiert und dort im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms ermordet. Darunter war auch die 14-jährige Babette Fröwis, die mit Luminal ermordet wurde. Am 26. Oktober 1943 stellte Dr. Sewering ihr ein »Ärztliches Zeugnis« aus, in dem er ihr Epilepsie und ereth. Idiotie bescheinigte und überwies sie nach Haar-Eglfing. Bis zuletzt erklärte Sewering, dass er von den Vorgängen in Haar-Eglfing nichts gewusst habe. Das ist allerdings wenig glaubhaft. Der Anstaltspfarrer von Haar, Josef Radecker berichtete regelmäßig an das Erzbischöfliche Ordinariat des Kardinal von Faulhaber.[2] Die Schwestern in Schönbrunn waren informiert, warum sollte der Arzt Dr. Sewering nichts gewusst haben?

Am 7. September 1946 wurde Sewering vom US-Militärgericht in Dachau als Mitläufer eingestuft und kam mit einer Strafe von 1.500 Mark davon. So konnte er im Nachkriegsdeutschland eine beispiellose Karriere machen.

Schon bald nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur wurde Deutschland als Verbündeter im kalten Krieg gebraucht. Die Entnazifizierung wurde eingestellt, denn bei der Wahl ihrer Verbündeten waren die USA noch nie wählerisch. Ein Beispiel dafür ist Klaus Barbie, „der Schlächter von Lyon“, der in Frankreich 1947 in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Im selben Jahr wurde er Agent des CIC. 1951 emigrierte er unter dem Namen Klaus Altmann mit Hilfe der Amerikaner nach Bolivien. Ab 1966 war Barbie alias Altmann auch als Informant für den BND tätig, dessen Agenten ihm eine „kerndeutsche Gesinnung“ bescheinigten. Den westdeutschen Diensten waren auch die Aufenthaltsorte von Eichmann, Mengele und anderen gesuchten Verbrechern bekannt.[3]

In Westdeutschland bildeten sich schnell Seilschaften aus den alten NS-Eliten. Prof. Ingo Müller, Autor des Buches „Furchtbare Juristen“ spricht von einem „Strafvereitelungskartell“.[4] Auch für verurteilte Täter hatten die „furchtbaren Juristen“ der BRD viel Verständnis. Eine wahre Begnadigungsorgie sorgte für die schnelle Freilassung von verurteilten Mördern. Die beiden Mittäter der Penzberger Mordnacht, Ohm und Bauernfeind wurden bereits 1956 bzw. 1950 vorzeitig entlassen.

Einen ganz anderen Umgang pflegten die „furchtbaren Juristen“ traditionsgemäß mit Kommunisten. Die Urteile gegen Kommunisten lagen zwischen 1951 und 1968 fast siebenmal so hoch, wie gegen NS-Täter (999 NS-Täter, 6.758 Kommunisten). Anders als die NS-Täter hatten die Kommunisten jedoch nicht Millionen Tote zu verantworten.[5] Unter den verurteilten Kommunisten waren nicht wenige, die erst wenige Jahre zuvor aus den Zuchthäusern und KZ’s der Nazis entlassen worden waren. Es handelte sich um eine Gesinnungsjustiz, wie sie heute an der SED-Diktatur zu Recht kritisiert wird.

Die NS-Täterschaft beschränkte sich aber leider nicht, wie oft behauptet, auf eine kleine Nazi-Minderheit. Wie der SPIEGEL (Nr. 2/11, Seite 29) berichtet, beteiligten sich auch Polizisten, Volkssturmmänner, Hitlerjungen und „ganz normale Zivilisten“ am Morden. Nur wenige wurden je zur Rechenschaft gezogen. Der Ungeist spukte noch lange in allen gesellschaftlichen Bereichen, von den Universitäten, der Justiz, der Politik bis ins Private. Viele Ansichten haben bis heute Bestand.

 

Literatur: Conze, Frei, Hayes, Zimmermann: „Das Amt und die Vergangenheit – Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“, Karl Blessing Verlag

Quellen: Wikipedia, antifa, Magazin der VVN-BdA

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Siegfried Zoglmann, 1954 – 1958 MdL NRW, 1957 – 1976 MdB, erst FDP (parlament. Geschäftsführer), dann CSU
  2. siehe auch: R. Reiser, „Kardinal Michael von Faulhaber – Des Kaisers und des Führers Schutzpatron“ (Buchendorfer, 2000)
  3. SPIEGEL Nr. 3/11, Seite 3
  4. Ingo Müller, „Furchtbare Juristen – Die unbewältigte Vergangenheit unserer Justiz“ (Kindler)
  5. SPIEGEL Nr. 2/09 (Zeitgeschichte)

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