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Feb 28 2015

Denk ich an PEGIDA in der Nacht…

Das »VOLK« lässt grüßen: Einheit ade – Spaltung juchhe! (Cartoon: Hubert Pfeffer)

Das »VOLK« lässt grüßen: Einheit ade – Spaltung juchhe! (Cartoon: Hubert Pfeffer)

Wolfgang Fischer

Wolfgang Fischer

… dann bin ich um den Schlaf gebracht.
(Frei nach H. Heine)

PEGIDA macht mir Angst. Nicht, weil da wöchentlich mehrere tausend Menschen demonstrieren, sondern weil immer öfter zu hören und zu lesen ist, dass es sich doch keineswegs um Rechtsradikale, sondern um Bürger mit einem berechtigten Anliegen handele. Und wenn mir kürzlich selbst ein guter Freund, den ich jahrzehntelang politisch im links-liberalen Spektrum verortet hatte, eingesteht, er sei „auch ein bisschen PEGIDA“, dann kommt mir eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum in den Sinn: Diese Ausstellung zeigte, wie aus einer Sekte rechtsradikaler Wirrköpfe in dem Moment eine ernste Gefahr für Staat und Gesellschaft wurde, in dem immer mehr »Normalbürger« den Demagogen auf den Leim gingen.

Es ist also an der Zeit, sich intensiver mit PEGIDA zu beschäftigen.

PEGIDA bezeichnet sich selbst als eine »Bewegung«. Eine ähnliche »Bewegung« hatten wir schon einmal, ihre Hauptstadt war seinerzeit München. Heute ist Dresden »Hauptstadt der Bewegung«.

PEGIDA steht bekanntlich für »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«. Wer verstehen will, welch giftiges ideologisches Gebräu sich hinter diesem Slogan verbirgt, sollte sich die einzelnen Komponenten dieses Schlachtrufs einmal näher anschauen:

Das »P« steht also für Patriotismus. Das Wort kommt aus dem Lateinischen »patria«, Vaterland. Der Begriff ist (leider) so oft instrumentalisiert und missbraucht worden, dass er bei mir heftiges Unbehagen hervorruft. Ich assoziiere ihn mit Kriegerdenkmälern, auf denen um ihre toten Söhne weinende Mütter oder heldenhaft in die Schlacht ziehende junge Männer zu sehen sind und auf denen Sprüche stehen wie, „Süss und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“.

Wenn nun auf den Patriotismus ein »E«, für »Europa«, folgt, stutze ich: Haben die »PEGIDA«-Anhänger tatsächlich den (deutschen) Nationalstaat überwunden, stehen sie für ein »Vaterland Europa« ein? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Und: Wie viele Griechen, Kroaten, Engländer, Italiener oder Franzosen haben sie wohl gefragt, ob sie in ihrem Namen auf die Straße gehen sollen? Aber es ist wohl eher so, dass sie lediglich alle Europäer ungefragt für ihre Zwecke vereinnahmen, so wie sie ungeniert „Wir sind das Volk“ brüllen – ungeachtet der Tatsache, dass die Zahl der Gegendemonstranten (derzeit noch) die eigene um ein Mehrfaches übersteigt. Und wie viele der PEGIDA-Demonstranten treten wohl für ein solidarisches Europa ein und wären bereit, Transferzahlungen an ärmere europäische Länder aus deutschen Steuergeldern zuzustimmen? Wenn ich an die europakritischen Äußerungen aus der rechten Ecke im Zusammenhang mit der Eurokrise denke, vermute ich wohl zu Recht, die Zahl wäre überschaubar.

Der Buchstabe »G« (»gegen«) signalisiert: „Ein unterdrücktes Volk steht auf, es wehrt sich!“ Der Slogan wurde vor Jahrzehnten auch schon im Berliner Sportpalast auf Nazi-Kundgebungen gebrüllt und ist auf den Dresdner Montagsdemonstrationen in allen möglichen Variationen auf Schildern zu lesen.

Wogegen stehen die selbst ernannten Patrioten auf? Das »I« gibt die Antwort: Gegen die »Islamisierung«! Als ob Minarette die Kirchen, das Kopftuch den Minirock, der Ruf des Muezzin das Glockengeläut, der Ramadan Weihnachten verdrängt hätten! Wie viele der PEGIDA-Anhänger sind wohl konkret von »Islamisierung« betroffen? Wenn sie (berechtigte) Angst vor durchgeknallten Terroristen haben, die im Namen des Islam Mord und Totschlag planen, dann sollen sie das sagen, nicht aber eine ganze Religionsgemeinschaft mit großer kultureller und zivilisatorischer Tradition an den Pranger stellen! Sie sollten bedenken, dass eine (deutsche!) Terrortruppe wie der NSU zehn Jahre lang in Deutschland lebende Mitbürger moslemischen Glaubens ermordet hat, ohne dass PEGIDA sich hierüber erregt hätte! Und ein prominentes Mitglied der RAF-Terroristen der 1970er Jahre (verantwortlich für mehrere Morde inklusive Flugzeugentführung) war deutschstämmige Pfarrerstochter! Nein, PEGIDA geht es darum, einen Sündenbock zu haben, der für all ihre Ängste vor den Folgen der Globalisierung, den Frust über den eigenen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg sowie für ihre unbestreitbaren Zukunftsängste verantwortlich gemacht werden kann. So, wie in den 1930er Jahren, als »der Jude« für all das Elend der Weltwirtschaftskrise an den Pranger gestellt wurde.

Das »A« schließlich steht für »Abendland«. Das soll gerettet werden. »Abendland«, noch so ein verschwurbelter Begriff, ein Mythos aus der Mottenkiste politischer Brandstifter! Was meinen die PEGIDA-Anhänger wohl, wenn sie von »Abendland« reden? Meinen sie damit die christlichen Kathedralen, die – außer an Weihnachten – leer stehen? Meinen sie die Kreuzzüge, mit denen Christen den Orient mit unvorstellbarer Grausamkeit überzogen? Meinen sie den von »Abendländern« verübten Genozid in Nord- und Südamerika? Denken sie daran, dass zum »Abendland« auch Auschwitz und zwei schreckliche Weltkriege gehören? Oder denken sie, wenn sie vom »Abendland« fantasieren, eher an Dschungelcamp, Coca-Cola, McDonalds, Facebook oder Amazon? Was konkret also soll gerettet werden? Ganz im Sinne von Bert Brecht, der die Auffassung vertrat: „Die Wahrheit ist konkret!“

Fazit: Wer aus solch einem Gemisch aus Vorurteilen, verschwommenen Mythen und Ressentiments eine »Bewegung« wie PEGIDA bastelt (NS-Reichspropagandaminister Josef Goebbels hätte das kaum besser gekonnt), darf sich nicht wundern, wenn dies Ewig-Gestrige anzieht wie Motten das Licht. Wenn PEGIDA-Demonstranten zu Tausenden „Lügenpresse halt die Fresse“ schreien, ist das für mich die Sprache des damaligen NS-Kampfblattes »Der Stürmer«, und ich sehe vor meinem geistigen Auge randalierende SA-Trupps durch die Straßen ziehen… Und der lauthals verkündete pauschale Angriff auf »die Politiker« und politische Institutionen der Bundesrepublik erinnert mich an die Zeiten, als das Parlament der Weimarer Republik als »Quasselbude« diffamiert wurde.
Lutz Bachmann, der Initiator von PEGIDA, ist ja inzwischen zurückgetreten. Dieser im November 2014 zum Vorsitzenden der Bewegung gewählte Anführer kann in der Tat schwerlich als lupenreiner Vertreter abendländischer Hochkultur bezeichnet werden.[1]

Wer nun angesichts all dessen mit dem Hinweis auf viele »normale«, angesehen Bürger, die bei PEGIDA mitlaufen, argumentiert, dem muss ich entgegenhalten, dass die zwielichtige Erscheinung eines halbgebildeten Rassisten und Volksverhetzers schon einmal zahlreiche Vertreter des ach so ehrenwerten Bürgertums – Wissenschaftler, Künstler, Wirtschaftsführer – nicht davon abgehalten hat, sich der NSDAP anzuschließen. Akademische Bildung und politischer Analphabetismus schließen sich offenbar nicht aus. Denn wer sich heute angesichts sozialer Schieflagen, Umweltzerstörung, Entsolidarisierung der Gesellschaft usw. berechtigte Sorgen macht, sollte als politisch denkender Mensch die wahren Ursachen derartiger Fehlentwicklungen bekämpfen – nicht aber das Heil in unreflektierter Hetze auf künstlich aufgebaute Sündenböcke suchen! Denn für keines der genannten Übel ist schließlich der Islam verantwortlich zu machen!

Dass aktuell immer mehr Menschen es offenbar vorziehen, aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit rechtspopulistischen Verheißungen Gehör zu schenken, macht mir Sorge und Angst. Die Parallelen zum Ende der Weimarer Republik sind allzu offensichtlich!

„Denk ich an PEGIDA in der Nacht…“

Wolfgang Fischer

 

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Bachmann ist durch die Begehung von zahlreichen, unterschiedlichen Straftaten (u. a. Körperverletzung, Einbruch und Diebstahl) mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten und wurde unter anderem 1998 zu drei Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt. Kurz nach der Verurteilung entzog er sich jedoch der Justiz und flüchtete nach Südafrika, wo er zwei Jahre lang unter falschem Namen lebte, aber schließlich von der Einwanderungsbehörde identifiziert und nach Deutschland abgeschoben wurde. Nach zwei Jahren Haft in Deutschland wurde er vorzeitig auf Bewährung entlassen. 2008 wurden bei ihm 40 Gramm Kokain und ein weiteres Mal 54 Gramm gefunden. Dieser Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz (Deutschland) wurde mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung, die im Februar 2015 ausläuft, geahndet. Im Mai 2014 wurde Bachmann vom Amtsgericht Dresden zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 20 Euro verurteilt, weil er keinen Unterhalt für seinen Sohn gezahlt hatte. Quelle: WIKIPEDIA

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