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Mai 31 2011

Der alles zerstörende Systemfehler

Herwarth Stadler

Herwarth Stadler

In unserer westlichen Wirtschaftsordnung ist Zinseszins der alles zerstörende Fehler im System. Der »Point of no return« ist längst überschritten, und nur wenige Ohnmächtige merken es, weil sie noch nicht verlernt haben, selbständig zu denken und bei sich selbst freie (Fernseh-)Zeit einsparen, um die so gewonnene Zeit wenigstens für das Recherchieren[1] zum Thema zu verwenden. Dabei haben bereits die Religionsgründer in grauer Vorzeit gewusst, dass das System der Zinsen vom Teufel in die Welt gebracht worden ist, weshalb sie alle, gleichgültig ob Jesus, Mohammed oder Buddha, eine religiöse Verbotsregel für Zinsnahme schon vor Jahrtausenden eingeführt haben. Erst mit der Aufklärung und dem Beginn der Industrialisierung fiel für das Christentum diese Schranke; wohl unter dem Gedanken, dass ein voraus gehendes Ansparen des Geldkapitals für die notwendige Umwandlung in langjährig gebundenes Sachkapital einer schnellen Entwicklung wegen der jeweils mehr oder weniger langen Zeitdauer sehr hinderlich wäre.

Dass das selbst anerkannte so genannte »Nobel«preisträger[2] der Wirt­schafts­wissenschaften aus den Augen verloren haben, beweist deren neoliberaler »Papst«, J. M. Keynes, der das Zinseszinsproblem in seinen ersten Schriften erwähnt, jedoch nicht weiter verfolgte. Seine Adepten ließen es danach gerne als Randnotiz unter den Tisch fallen. Dass das allgemein nicht wahrgenommen wurde, brachten die Zeitläufte so mit sich, denn die Tagesereignisse waren viel drängender: Die Nationalstaaten wollten Großmächte werden, die die Aufteilung der Erde[3] unter sich vorantrieben. Dabei schreckten sie auch nicht vor Bruder- ­und Weltkriegen[4] zurück, um ihre egoistischen Ziele zu verwirklichen, zerstörten dabei ständig sehr viel Sachkapital,[5] so dass die anfallenden Zinsüberschüsse vom Wiederaufbau aufgesogen wurden. Die Besitzer dieser Finanzmittel waren die alleinigen Gewinner, denn inzwischen konnte sich in den 60er Jahren neben den realen Volkswirtschaften eine global abgehobene Finanzkapital-Weltwirtschaft etablieren. Die benötigten Geldmittel für den Wiederaufbau und das andauernde Wachstum borgten sich die einzelnen Staaten und großen Konzerne durch Verschuldung im voraus vom Finanzmarkt, der unendlich zu wachsen in der Lage war – es sei denn, eine Inflation[6] oder Währungsreform vernichtete einen Teil der vorhandenen Geldmengen.

Da wir jedoch seit dem zweiten Weltkrieg keine so mächtigen, in der Weltwirt­schaft sich auswirkenden Eruptionen mehr hatten, konnte der Systemfehler »Zinseszins« nach dem Wiederaufbau der zerstörten Sachwerte sein exponentiell, also krebsartig wucherndes Unwesen entfalten: Das bekannteste (Theorie-)Beispiel ist der so genannte »Josephspfennig«.[7] Der neoliberalen Ideologie ist es zu verdanken, dass das einfache Naturgesetz missachtet wird, das besagt, dass aufgrund begrenzter Ressourcen auf unserer Erde ein fortdauerndes materielles Wachstum unmöglich ist. Dass unser tradiertes Bankensystem in den letzten drei Jahren nichts dazugelernt hat, ist offensichtlich geworden, weil im Jahr 2009 allein für Boni weltweit 187 Mrd.$ ausgeschüttet wurden.[8] Nicht ohne Warnsignal müsste uns stutzig machen, dass die US-Noten(Staats)­bank seit 2006 keine $-Geldmenge M3 mehr veröffentlicht, weil hier für alle eindeutig sichtbar würde, wie sprunghaft die wuchernden Finanzkapital-­Geld­mittel zunehmen. Inzwischen schätzt man unwidersprochen, dass sie bereits 5- bis 8-mal so groß sind wie das so genannte Welt-Sozialprodukt (WSP) und an den weltweiten Finanzmarkt-Börsen einen jährlichen Umsatz von über 360 Bio. $ (1012) generieren.[9] Das hat dazu geführt, dass für die vergangenen zwei Jahrzehnte ein jährlicher Zuwachs (nach Steuern!) von 8,36%[10] festgestellt werden konnte.

Hoffentlich werden die Regierungen beim zu erwartenden nächsten Crash nicht wieder als »Retter der systemrelevanten Großbanken« auftreten, denn sie haben es nicht verdient, von uns Steuerzahlern abermals gerettet zu werden, indem unsere Enkel noch ihr Leben lang dafür werden blechen müssen. Vielmehr müssen wir als einig Volk der betroffenen 90 Prozent aufstehen und uns unserer Haut wehren, vor allem dagegen, dass wir das verantwortungslose Treiben der unersättlichen 10% Reichen und 1% Super-Reichen auf Ewigkeit sicherstellen sollen. Was zu tun ist? – darüber werde ich demnächst berichten.

Herwarth Stadler

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. z. B.: Schriften von Silvio Gesell (*1862, +1930; 1919 bayr. Finanzminister); Zeitschrift »Humane Wirtschaft« in mehreren Jahrgängen; selbst J.P. Keynes erwähnt es als Problem in seinen Schriften; Helmut Creutz, das Geldsyndrom, u.a.m.
  2. Die Nobelpreise werden nur an Naturwissenschaftler verliehen; das Komitee in Schweden weigert sich beharrlich, den internationalen Preis für Wirtschaftswissenschaften als solchen anzuerkennen; er ist tatsächlich eine Stiftung der internationalen Großbanken, die zur selben Zeit (November) ihren Preis verleihen wie die Nobelpreise, um den Schein zu erwecken.
  3. Jahrhunderte des Kolonialismus; von den Kaufmanns-Imperien der Genueser, Venezianer und Niederländer zu den Staatskolonien – Spanien, die Briten und Frankreich unter Napoleon sowie die »verspäteten« Italiener und Deutschen unter den Hohenzollern.
  4. Amerika: Nord- gegen Südstaaten – Sklavenbefreiung –, Russisch-Japanischer Krieg – Vorherrschaft im Gelben Meer – und die beiden verheerenden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts in Europa – Vormachtstellung.
  5. Wir erleben derzeit die schrecklichen Zerstörungen von Sachkapital auf den Japanischen Inseln durch Naturkatastrophen und den SUPERGAU, dessen Wiederherstellung schiebt den Zeitpunkt der vom Zinseszins ausgehenden Katastrophe jedoch nur hin­aus.
  6. wie in Deutschland 1921 bis 23 (das Geldvermögen wurde um 10-9 verkürzt) und am 21. Juni 1948 (Bar- und Buchgeld um 9/10 sowie Immobilien mit einer Lastenausgleichshypothek herangezogen).
  7. s. Günter Hannich, Börsencrash und Wirtschaftskrise – Der Weg in den Dritten Weltkrieg, 1990, Rottenburg, 20054, 22f. Bis 1990 wäre aus 1 Cent Anlagekapital bei einem konservativem Zinssatz von 5% (insgesamt) 123 Mrd. Erdkugeln aus Gold geworden. Auch Margit Kennedy argumentiert mit der Exponentialfunktion von Zins und Zinseszins in ihrem Buch »Geld ohne Zinsen und Inflation – Ein Tauschmittel, das jedem dient«.
  8. Der Münchner Merkur vom 15.10.2010 meldete für die USA allein 137 Mrd.$;
  9. Eine Tobinsteuer würde je 1‰-Satz erhebliche Mittel einbringen. 2007 etwa das 40-fache des WSP.
  10. …, was so viel bedeutet, dass es zu einer Verdoppelung alle 8 Jahre und 8 Monate kommt, in 25 Jahren also auf das 8-fache. Kanzlerin Merkel hat sich auf dem Bankentag Ende März so geäußert.

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