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Jun 30 2017

»Die etablierten Eliten« & »die da oben« Wer ist das eigentlich?

Wolfgang Fischer

Kürzlich stolperte ich in einer angesehenen – und nach eigener Einschätzung „zeitkritischen“ – Zeitung aus dem Pfaffenwinkel über folgenden Satz: „Ist jetzt etwa die Deutungshoheit bzw. Meinungsmache der etablierten Eliten in Gefahr?“ Da fragte ich mich: Wer ist mit »etablierten Eliten« wohl gemeint? Und was unterscheidet die etablierten von den nicht-etablierten Eliten?

Denn es wird hier eine Gruppe von Mitmenschen pauschal mit dem Etikett »Elite« versehen, wer konkret dazu gehört und – vor allem – WARUM, bleibt offen. Gehört zur Elite schon jeder, der mal eine Universität besucht hat? (Man erinnere sich: Bei den Nationalsozialisten war das Wort »Intellektueller« ein Schimpfwort, bei US-Präsident Trump ist es ebenso!).

Oder gehören zur Elite jene, die eine Einladung zur Bundesversammlung erhalten? (Das wären dann etwa Bundestrainer Yogi Löw oder Drag-Queen Olivia Jones). Gehören zur Elite all jene, die mehr Geld verdienen und in der Öffentlichkeit bekannter sind als ich? Der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke spricht von „Pseudo-Eliten“, die er gerne durch die „Tat-Elite“ (eine Selbstbezeichnung der SS) ersetzen würde. Mancher würde vielleicht auch schlicht antworten, „Elite, das sind DIE DA OBEN!“ Aber dann ergeben sich für mich neue Fragen: Wie weit »oben« muss man sein, um zur Elite zu gehören? In der Logik derjenigen, die das »System« (der repräsentativen Demokratie) ablehnen, gehört ja schon ein nach derzeitigem Wahlrecht gewählter Stadtrat einer Kleinstadt wie Schongau zur »etablierten Elite« – oder fängt die erst ab Kreistag aufwärts an? Vielleicht bekäme ich aber auch zur Antwort, »etablierte Elite«, das seien ganz allgemein »DIE Politiker« und »DIE Wirtschaftsbosse«. Aber auch das bringt kein Licht ins Dunkel: Gibt es nicht auf allen Ebenen PolitikerInnen, die jahrelang mit einem 12-Stunden-Arbeitstag sieben Tage in der Woche ihr Privatleben und ihre Gesundheit opfern – bei einer Vergütung, über die ein halbwegs talentierter Fußballspieler oder ein mittelmäßiger Schlagersänger nur mitleidig lachen kann? Und gehört der Leiter und Eigentümer eines mittelständischen Familienunternehmens (wie etwa Hirschvogel) zur »etablierten Elite«? Oder sind damit die Zocker an der Börse gemeint? Wenn ja: Warum sagt man das dann nicht? Gern zählt man auch die »Leitmedien« (vulgo: »Lügenpresse«) zur »etablierten Elite« – ungeachtet der Tatsache, dass z. B. die sog. »Panama-Papers« (die die Machenschaften professioneller Steuerhinterzieher aufgedeckt haben) von Journalisten der »Süddeutschen Zeitung«, des WDR und des NDR veröffentlicht wurden.

Ich bin nicht naiv und weiß, dass es schamlos raffgierige Manager wie Winterkorn (VW) oder Ackermann (Deutsche Bank) gibt. Ich weiß auch, dass etwa in der BILD-Zeitung ein gewisser Herr Wagner haarsträubende Kommentare veröffentlicht, dass karriere- und machtgeile Politiker Intrigen spinnen, korrumpierbar sind und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen (in Regensburg ließ sich all dies gerade wieder beobachten!).

Aber bevor man undifferenziert »die Eliten« verantwortlich macht, sollte man sich daran erinnern, dass wir es in solchen Fällen – unabhängig von Ideologien und politischem System – mit Menschen zu tun haben, die ihre dunklen Seiten ausleben, wenn wir Bürger sie nicht in die Schranken weisen. Karl Marx hat es wieder mal auf den Punkt gebracht: „Revolutionen können vieles verändern – nur den Menschen nicht!“ Alles, was wir heutzutage mit Recht kritisieren am Verhalten Einzelner, gab es schon immer und überall – und noch viel schlimmer: Im alten Rom ebenso wie im Vatikan der Renaissance-Päpste und am Hof der russischen Zaren; der NS-Bonze Göring liebte es, in Saus und Braus zu leben, die SED-Nomenklatura der DDR vergnügte sich in luxuriösen Datschen, Erdogan lässt sich einen Palast mit mehr als 1000 Zimmern bauen und der neue amerikanische Präsident versorgt seine Verwandtschaft mit hohen Regierungsposten …

Vor dem Hintergrund dieser Beispiele geht es – finde ich – hierzulande relativ gesittet zu. (Man stelle sich nur einmal vor, wie es einer Zeitung wie dem OHA, der seit Jahrzehnten gegen die »etablierten Eliten« anschreibt, derzeit in den USA, in Russland oder der Türkei erginge!) Dass dies so bleibt – und möglichst besser wird – liegt an jedem, an jeder Einzelnen von uns! Dazu gehört nicht zuletzt, dass wir die in unserer Verfassung zur Kontrolle von Macht vorgesehenen Institutionen (Parteien, Parlamente, Gerichte, Medien) nicht durch pauschale Diffamierungen schwächen, sondern uns für deren Erhalt und Stärkung einsetzen. Gerade in Wahlkampfzeiten wie diesen gilt: Achten wir auf unsere Sprache, schüren wir nicht Misstrauen und Hass, indem wir gedankenlos (oder gar bösartig) Menschen in vorurteilsbeladene Schubladen stecken, sondern nennen wir Ross und Reiter, wo es nötig ist. Und: Begründen wir unser Urteil in jedem Einzelfall mit harten Fakten! Kurz: Halten wir es mit Bert Brecht: „Die Wahrheit ist immer konkret!“

Freilich, es ist bequem, jegliche Verantwortung für Missstände auf »die da oben« abzuschieben und gleichzeitig die »etablierten Eliten« dafür in Haftung zu nehmen, wenn nicht alles so läuft, wie man/frau es persönlich gerne hätte! Wer es vorzieht, »Volkes Stimme« (Frage: Wer ist das Volk?) zu folgen, wer das Regieren per Dekret dem mühevollen parlamentarischen Prozess vorzieht, der sollte bedenken, dass in der Menschheitsgeschichte nur ganz wenige Alleinherrscher die Kontrolle über ihre dunkle Seite (Gier, Hass, Herrschsucht, Mordlust) behielten, nachdem ihnen die Bürger ihr Schicksal anvertraut hatten! Wer pauschal gegen »etablierte Eliten« polemisiert, verstärkt den Ruf nach einem »starken Mann«, ein Blick auf »starke Männer« wie Trump, Erdogan oder Putin sollte aber genügen, um das Leben in einer parlamentarischen Demokratie vorzuziehen.

Wolfgang Fischer, Prem

3 Kommentare

  1. Bernhard Pangerl

    Die „etablierten Eliten“ unterscheiden sich von „nicht etablierten Eliten“ durch Entzug oder Zulassung des Wortes. Der Unterschied zwischen Argumentierenden und Rechthaberei ist daran zu erkennen, dass es Eigenschaft der Argumentierenden ist, sowohl Argumente vorzutragen, wie den Anderen zu Wort kommen zu lassen, und es Eigenschaft der Rechthaberei ist, als Gegenargument einem das Wort zu entziehen.

    Aus gegebenem Anlass erkläre ich hier öffentlich, dass ich keinerlei Interesse daran habe, als „Ehemaliger“ aus der Versenkung aufzutauchen, und mitbestimmen zu wollen, was der OHA heute zu sein hat. Es würde mich aber erfreuen, wenn mir als Leser der Online-Ausgabe aus der Ferne gestattet würde, in aller Öffentlichkeit als Leserzuschrift meinem Wunsch öffentlich Ausdruck verleihen zu dürfen, dass ich es begrüßen würde, eines Tages wieder in jenem OHA lesen zu können, der er vor Übernahme der Zeitung durch die politische Partei ALS einmal war.

  2. Wolfgang E. Fischer

    Manchmal sieht man die Dinge aus der Ferne offenbar noch klarer, als aus der Nähe:
    Ja, beim OHA ist immer weniger zu erklennen, wofür er steht – abgesehen davon, dass er lokalen Mandatsträgern oder solchen die es gerne werden wollten eine will kommene Platt form bietet: Schaue ich auf die Inhalte, würde ich den OHA heute nicht mehr in die Nähe von Zeitunge wie etwa der TAZ verorten, sondern ihn als Mischung zwischen „Schongauer Nachchrichten“ ( auch, was den Umgang mit unliebsamen Leserbriefen betrifft ), „Lechkurier“, Kreisboten“ und „Apotheken-Umschau“ charakterisieren.

    1. Bernhard Pangerl

      Die genannten Zeitungen kennen den Unterschied zwischen einer sachlichen und persönlichen Ebene. Siehe hierzu die Ausführungen von Prof. Dr. Mausfeld zu sachlicher und persönlicher Ebene:

      http://www.nachdenkseiten.de/?p=34504

      Ich zitiere zu „sachlicher Ebene“:

      „Bei der Formulierung dessen, was eigentlich das Problem darstellt, müssen wir uns jedoch vor historischen und ideologischen Verkürzungen hüten. Wir sollten uns also derjenigen Aspekte des Problems bewußt sein, für die „wir“ – also europäische Staaten und ihre Bürger – politische Verantwortung für die gegenwärtige Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten tragen. Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 steht stellvertretend hierfür. Wir haben seitdem große Teile des Nahen und Mittleren Ostens in seinen gewachsenen kulturellen Strukturen und in seinen funktionierenden Nationalstaaten zerstört, wir haben ganze Staaten zusammengebombt, den Islam radikalisiert und in dem Vakuum Organisationen wie die Taliban und den IS entstehen lassen und sogar gefördert.

      Die Probleme, mit denen die Opfer unserer Verwüstungen zu kämpfen haben, schreiben wir nun ihnen selber zu, da wir unsere Verbrechen – einschließlich des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges auf den Irak – längst dem gezielten Erinnerungsverlust unserer kollektiven Gedächtnisse überantwortet haben oder sie gar zu Akten unserer altruistischen „Zivilisationsförderung“ umdeklariert haben.

      Mehr als 100 Jahre haben wir Gewalt exportiert – zum ökonomischen Nutzen der daran beteiligten Täter-Nationen und zur Steigerung des Lebensstandards ihrer Bevölkerungen. Nun erreichen erstmals einige Konsequenzen unserer Untaten europäischen Boden, und nun beschweren wir uns darüber, dass die Opfer uns mit den Folgen unserer Untaten in unserem eigenen Lebensbereich behelligen.

      Doch man kann nicht zum eigenen Nutzen Tretminen und Giftgas exportieren und sich dann darüber beklagen, dass man durch Explosionslärm und Giftgestank gestört wird. Ein Blick auf die Geschichte sollte also klarmachen, dass man nicht in internationalem Maßstab Untaten begehen kann und sich dann in nationalem Rahmen gegen ihre Folgen abschotten kann. Wer dennoch entsprechende Lösungen vorschlägt, macht sich genau jener Heuchelei und Doppelmoral schuldig, die man im Falle anderer globaler Akteure zu Recht anprangert.“

      Und zu „Diffamierung“ (persönliche Ebene):

      „Wir müssen also die sachliche Ebene moralischer und politischer Leitideale klar von einer personellen Ebene trennen. Man wird dann auch innerhalb von Organisationsformen, die sich als links verstehen, Personen finden, die Überzeugungen vertreten, die den genannten Leitidealen widersprechen. Es gibt also Personen, die sich als links bezeichnen und gleichwohl chauvinistische, nationalistische oder kulturell-rassistische Positionen vertreten … Für die Neutralisierung der Vertreter ernsthaft linker Positionen sind Ausgrenzungskriterien wichtig, die für die Öffentlichkeit zumindest vordergründig eine gewisse Plausibilität haben. In der Sache ist der Spielraum für solche Ausgrenzungskriterien sehr beschränkt und reicht kaum darüber hinaus, die genannten Leitideale als utopisch, unrealistisch oder weltfremd zu diffamieren. Eine solche Diffamierung ist bereits eine recht wirksame Methode, den öffentlichen Denkbereich auf „vernünftige“, also systemstabilisierende Ziele zu begrenzen.“

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