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Mai 31 2013

Die Nebelschwaden um die Arbeitszeit

Herwarth Stadler

Herwarth Stadler

Da geistern die waghalsigsten Zahlen und Begriffe durch die politischen Reden und (Wirtschafts-)Zeitungsartikel. Die einen (fast 8 Millionen) haben zu wenig Arbeit und würden gern mehr arbeiten, weil sie nicht von ihrer bezahlten (monetarisierten) Arbeit leben können, die anderen arbeiten viel zu viel, sind gestresst und werden krank. In einem jüngsten Arbeitskampf bietet ein großes Unternehmen (Arbeit»geber«?) seinen Arbeit»nehmern« (?Begriffsmanipulation?)[1] beim Lohn und Gehalt eine sogenannte »Nullrunde« für zwei Jahre zuzüglich einer kostenlosen zusätzlichen Arbeitsstunde an – die reine Provokation in den Augen der Gewerkschaften, die im letzten Jahrzehnt bei der Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 35/37 auf 40/42 Stunden wegen der sich häufenden ökonomischen Krisen nolens volens mitmachten. Es stimmt ja, dass im Arbeitsgesetz seit einem halben Jahrhundert immer noch die 48-Stunden-Arbeitswoche an 6 Werktagen festgeschrieben ist. Wenn man aber die statistischen Zahlen auswertet, ergibt sich rein rechnerisch, dass wir in 2011 als abhängig Beschäftigte (36,6 Millionen) im Schnitt alle nur 30,2 Stunden je Woche bezahlte Arbeit geleistet haben, während die so genannten selbständigen Erwerbspersonen (4,5 Millionen) auf rund 43 Arbeitsstunden je Woche als Mittelwert kommen.

André Gide, französischer Schriftsteller (1869- 1951), hat den Satz hinterlassen: „Alles ist schon einmal gesagt worden, aber da niemand zuhört, muss man es immer wieder von neuem sagen.“ Das heißt also: beharrlich dicke Bretter bohren! Die Wachstumsideologie und ihre Anhänger aller Couleur hat trotz zunehmender und lauter werdender Warnungen seit mehr als 4 Jahrzehnten nicht hingehört, wenn die Wissenschaft erklärt, dass wir auf einer endlichen Erdkugel leben, die kurz vor dem Kollaps ihre Runden um die Sonne dreht. Politisch »gelb« kennt nur das einfallslos monotone „Wachstum – Wachstum – Wachstum!“ um der Profite willen, »rot« sorgt sich um die Arbeitsplätze und -löhne, »grün« träumt von einem Green-Wachstum, trotz schwindender Ressourcen, und »schwarz« bangt um die Stimmenmehrheit ohne richtige Zukunftsrezepte zu haben. Trotz sich seit Jahrzehnten weltweit, vom falschen Wirtschaftssystem (neoliberaler Kapitalismus der Friedman-Schule) verursachten, sich häufenden Krisen gilt die Regierungs-Parole: „Weiter so!“ Seit 5 Jahren stecken wir in einer Megakrise 2007 – 201x und die Superreichen (0,1%) häufen noch immer die Profite aus der Tätigkeit von 7 Mrd. Menschen und Finanzmarkt-Spekulationen auf ihre Konten, während zeitgleich der Mittelstand (in Deutschland 4,8 Millionen Erwerbspersonen) genauso real verloren hat wie die 36 Millionen abhängig Beschäftigten und rund 20 Millionen Rentner*Innen, ganz zu schweigen von den 6 Milliarden Menschen in den unterentwickelten, ausgebeuteten Ländern auf allen Kontinenten.

Wir müssen – endlich – uns besinnen, einhalten und uns nicht nur mental darauf vorbereiten, sondern echt beginnen umzukehren und den Weg in die Bedarfsdeckungs-Wirtschaftsform (genannt »Postwachstumsökonomie«, PWÖ) ernsthaft zu beschreiten beginnen. Wir wären da nicht allein, denn seit Jahren gibt es bereits überall Gruppen der »Transitions-Town«-Bewegung – in unserer Nähe in Dießen, Augsburg und München. Im Alpenraum breitet sich die Bewegung der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) erfolgreich aus. Regionalgeld-Vereinigungen sprießen wie Pilze nach warmen Sommerregen vielerorts aus dem Boden. Die Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg hat einen Lehrstuhl mit Forschungsumfeld zu diesem Thema eingerichtet, mit reger Publizierungstätigkeit nicht nur des leitenden Professors Nico Paech; sein letztes Büchlein »Befreiung von Überfluss« ist seit kurzem auf dem Markt. Dort reißt er die Arbeitsproblematik nur kurz an (Schema auf Seite 151 des obigen Titels): In der monetarisierten (bezahlten) Wochen-Arbeitszeit gibt es nur mehr 20 Wochenstunden für alle zu tun; das entspricht 920 Jahresarbeitsstunden oder einer Lebensarbeitszeit von rund 40 000 Stunden. Die hat vor 50 Jahren bereits der französische Wissenschaftler Professor Fourastier vorausgesagt, wenn die Effizienzsteigerung auch den die Arbeit Leistenden zugute kommen würde. Der hatte noch nicht den Forschungsbericht von Meadows an den Club-of-Rome (1970/dt.1972) auf seinem Schreibtisch liegen und Kenntnis von den Forschungen um den begrenzten »Fußabdruck« jedes Menschen von 2,7 t CO2 zum Weltklima-Erhalt. Wir Deutsche befleißigen uns derzeit in der Wirtschaftspolitik, unsere 11,2 t CO2 noch weiter zu steigern (Wachstum) – welch ein Irrsinn!

Weil der Mensch ein »homo faber« ist, wird er nicht im Nichtstun versumpfen, wie Pessimisten orakeln, sondern einen Teil der gewonnenen Zeit (20 Wochenstunden) sinnvoll zu nutzen wissen: In einem Gemeinschaftsgarten zur Selbstversorgung mit frischem Obst und Gemüse beitragen (Transition-Town-Bewegung), in Gemeinschaftswerkstätten Gerät und Gebrauchsgegenstände reparieren, oder einer künstlerischen Tätigkeit nachgehen und während der Jahrzehnte der Nachwuchspflege Erziehungs- und Hausarbeiten übernehmen. Bei 20 Stunden (Vollzeit-)Erwerbsarbeit an drei Werktagen oder 4 Tagen zum Teilzeit-Geldverdienen kein wirkliches Problem. Und/oder ehrenamtliche Gemeinschaftssorge im Verein, Kommunalparlament, in einer Bürger-Genossenschaft bzw. Gemeinschaftseinrichtung oder Kirchengemeinde leisten. Das ist endlich Schichtarbeit zum Nutzen der Menschen. Die Jahresarbeitszeit kann auch in limitierter Blockform – beispielsweise auf einer Baustelle oder in firmeninternen Projekt-Arbeitsteams – mit 23 Wochen/Jahr á 40 Stunden oder 26 W./a á 35h erfüllt werden. Unangetastet bleiben stets 6 Wochen Erholungsurlaub. Bezahlte Feiertage gibt es nicht mehr, weil die 3 bis 5 effektiv mit Voll- oder Teilzeit-Arbeit zugebrachten Werktage immer noch mindestens den 6. als Ausweichtermin bereithalten. Selbst der großgeschriebenen Fort- und Weiterbildung und der Höherqualifizierung dienenden mehrwöchigen Kurse und monatelangen Fachstudien-Semestern (von komprimierten 4 Monaten Dauer) lassen sich so elegant variabel gestalten. Überhaupt wird Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie ein bis zweimal Umqualifizierung im rund 50-jährigen Arbeitsleben eine steigende Rolle spielen. Dazu wären die die 40 000 Std. übersteigenden rund 3 500 h eines Beschäftigten-Lebens bestens geeignet, wenn man weiter davon ausgeht, dass der Übergang in den Ruhestand erst mit 67 erfolgen darf. In diesem Gesamt-Zusammenhang wird auch bereits von einer Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) diskutiert.

Ist das nun Spinnerei im Wolkenkuckucksheim? Nein, bestimmt nicht! Sondern ganz nüchterne Beschreibung einer Zukunft, die wir in den nächsten 10, 20 Jahren in die Wirklichkeit umgesetzt haben müssen, wollen wir eine einigermaßen intakte Erde unseren Kindern und Enkeln übergeben. Also: Packen wir’s als Zielvorgabe an! Mit einer fairen Beteiligung am Effizienzzuwachs ist das sogar mit vollem Lohnausgleich finanzierbar.

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Wer gibt nun Arbeit und Leistung her, wer nimmt sie an? – eindeutig: es sind die abhängig Beschäftigten, Arbeiter*Innen und Angestellten, die ihre Leistung hergeben. Wer nimmt die Arbeit an? – das Unternehmen!, es ist ein Arbeitsplatz-Anbieter gegen Entgelt, woraus es zugleich ableitet, den ganzen Profit für sich allein zu beanspruchen; keinesfalls ist das Unternehmen eines, das seine Arbeit hergibt.

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