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Okt 31 2016

FLUCHT-GESCHICHTEN: Ein besonders schweres Schicksal Assad Ibrahim, ein Palästinenser aus Syrien

Assad Ibrahim (Foto: Christian Saling)

Assad Ibrahim (Foto: Christian Saling)

Die Palästinenser aus den Flüchtlingslagern in den arabischen Staaten rund um Israel (vor allem Libanon, Syrien und Jordanien) gehören zu einem gewissen Teil zu den besonders tragischen Opfern der traurigen Geschichte des Nahen Ostens der letzten 70 Jahre. Nach  Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat wurden sie in den arabischen Staaten nicht etwa integriert, sondern zu einem großen Teil als Verfügungsmasse für die Politik der jeweiligen Staaten instrumentalisiert. Viele von ihnen erhielten nie die Staatsangehörigkeit des Fluchtlandes. So sah sich Ibrahim nach seiner Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg mit der Tatsache konfrontiert, dass er als Staatenloser gilt und damit sozusagen zur rechtlosesten Kategorie Ausländer bei uns. Ohne einen Pass ist der Mensch bei uns nämlich gar nichts wert.

Ibrahim wurde in Tyros im Libanon geboren. Sein Vater fiel als er zwei Jahre alt war einem der zahlreichen Konflikte mit Israel zum Opfer und die Familie floh im libanesischen Bürgerkrieg nach Syrien. Ibrahim ging neun Jahre zur Schule und arbeitete anschließend als Verkäufer und Elektriker, ohne das Handwerk nach unseren Vorstellungen erlernt zu haben. Die zur Ausübung des Berufs notwendigen Kenntnisse erarbeitete er sich als Handlanger eines älteren Elektrikers …

Vor drei Jahren floh Ibrahim aus Damaskus in die Türkei und anschließend nach Libyen. In Tripolis verkaufte er Schokolade aus einem mobilen Kiosk heraus. Nachdem die Lage in Libyen immer unhaltbarer wurde, entschloss er sich zur Flucht über das Mittelmeer. Zwölfhundert Dollar musste er an einen Schlepper zahlen. Auf der zehnstündigen Reise nach Italien zusammen mit ein paar hundert anderen hatte er Glück, das Wetter war schön, das Meer ruhig und das Flüchtlingsboot einigermaßen seetüchtig. Am Ende seiner Odyssee kam er in München an und schließlich vor zirka einem Jahr in Lechbruck.

Hier bewohnt der 36-Jährige als ältester eine Wohnung zusammen mit vier Leidensgenossen. Mit einem jungen Landsmann teilt er sich das Zimmer. Insgesamt funktioniert die Wohngemeinschaft. Allenfalls die unterschiedlichen Musikgeschmäcker begründen kleinere Konflikte. Eritreische Gitarrenmusik und Gesang trifft auf afghanische Volksmusik, trifft auf syrische Schlager … Vor ein paar Wochen lebten drei kurdische Musikliebhaber in der WG. Man kann sich vorstellen, dass vor allem Lautstärkefragen gelegentlich Probleme bereiten, wenn einer der Bewohner seine Ruhe haben möchte oder lernen muss.

Und lernen muss Ibrahim viel, vor allem Deutsch. Ein wenig konnte er Englisch, aber die deutsche Sprache ist seine erste wirkliche Fremdsprache. Seinen Angaben zufolge bereitet ihm weniger die Grammatik Schwierigkeiten als das Lernen von neuem Wortschatz. Hier fühlt er sich in seinem A2-Kurs in Roßhaupten von der schieren Menge der Wörter manchmal überfordert. Wenn man sich länger mit Ibrahim unterhält und entsprechend Geduld hat, merkt man, dass er ganz ordentlich versteht und mit zunehmender Dauer des Gesprächs auch sicherer im eigenen Ausdruck wird. Leider hat auch er wenig Gelegenheit außerhalb des Kurses Deutsch zu sprechen, auch wenn er das mit seinen Wohngenossen als gemeinsames Kommunikationsmittel auf sehr einfachem Niveau immer wieder machen muss …

Im Unterschied zu anderen Flüchtlingen kann sich Ibrahim durchaus vorstellen, in Lechbruck zu bleiben. Ihm gefällt die Ruhe und Natur. Sein Fahrrad nutzt er zu gelegentlichen Ausflügen, über das Klima hier will er sich allerdings lieber nicht äußern. Nach dem Ende seines Integrationskurses im Dezember 2016 möchte Ibrahim gerne arbeiten oder eine Ausbildung machen, wobei er, was die Berufsrichtung angeht, nicht wählerisch ist. Eine eigene Wohnung oder die Gründung einer eigenen Familie sind Zukunftsträume.

Die größten Sorgen machen Ibrahim das Schicksal seiner Mutter und das seiner Geschwister, die – siehe den Anfang des Artikels – wieder einmal in einem Flüchtlingslager im Libanon gelandet sind. Seit drei Jahren ist der Kontakt auf gelegentliche Telefongespräche beschränkt …

Mit seiner ruhigen und trotz seines harten Schicksals offenen Art hat Ibrahim schnell die Sympathien der Lechbrucker Asylhelfer gewonnen.

Auch weiterhin sind wir auf die Unterstützung durch die Lechbrucker angewiesen. Zu Schulzeiten finden montags und donnerstags im Lechbrucker evangelischen Gemeindezentrum Sprachkurse mit Sprechstunde für Asylbewerber statt (14:30 bis 16:30), während derer Spenden und Mithilfe gerne angenommen werden. Auch die Bereitschaft zu gelegentlichen Fahrdiensten,  z. B. zur Arbeitsagentur nach Füssen oder Marktoberdorf und Ähnliches wäre hochwillkommen.

Christian Saling

 

Unser Spendenkonto:
VR Bank Kaufbeuren-Ostallgäu
Verwendungszweck: Hilfe für Asylbewerber
IBAN: DE81 7346 0046 0307 3005 22

Ansprechpartner:
Monika Christe, Lechbruck, Am Falchen 44b, Tel. 08862 / 911577
Irene Scholl, Prem-Gründl, Enzianweg 16, Tel. 08862 / 932714

 

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