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Apr 30 2016

»Flüchtlingskrise«: Deutschland verändert sich

Wolfgang Fischer

Wolfgang Fischer

Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Pfaffenwinkel

Ich kann mich an kein Ereignis erinnern, das die Menschen in diesem Land mehr aufgewühlt und beschäftigt hätte als der dramatische Zustrom Schutz suchender Mi­granten seit letztem Sommer.

Nicht einmal der Fall der Mauer Ende der 1980er Jahre war – zumindest im Gebiet der »alten« Bundesrepublik – ähnlich allgegenwärtig wie die aktuelle »Flüchtlingskrise«. Das Thema beherrscht nun schon seit Monaten die Gespräche im Familien- und Freundeskreis, ebenso wie die Talkshows im Fernsehen und die Kommentarspalten in den Zeitungen. Man ahnt, dass sich Deutschland verändert, verändern MUSS, angesichts der Zuwanderung von über einer Million Geflüchteter aus uns fremden Kulturen und sehr unterschiedlichen Ländern. Für eine endgültige Antwort auf die Frage, wie es in unserem Land in 20 Jahren aussehen wird, ist es sicherlich noch zu früh. Aber eine vorläufige Einschätzung aus der Sicht eines in der Flüchtlingshilfe engagierten OHA-Lesers sei gewagt und – um es gleich zu sagen – sie fällt positiv aus: Noch nie habe ich so viele Beispiele von Empathie, Solidarität und Verantwortung wahrgenommen, wie in den letzten Wochen und Monaten! Alles Eigenschaften, die eine freie und lebendige Gesellschaft ausmachen und die in krassem Gegensatz stehen zur individuellen Selbstoptimierung, zur »Geiz ist geil«-Mentalität und kollektiven Verblödung der letzten Jahrzehnte.

2016_04_CollageDie spontanen Gesten einer bis dahin unvorstellbaren »Willkommenskultur« am Münch­ner Hauptbahnhof vom vergangenen September haben sich inzwischen verfestigt, haben zu einer anhaltenden Hilfsbereitschaft geführt und ein »Wir-Gefühl« entstehen lassen. Hierfür kann ich viele Beispiele aus meinem Umfeld anführen: Da ist die Inhaberin eines Schuhgeschäfts, die unserem Helferkreis 30 Paar Schuhe für Geflüchtete schenkt, da sind die Betreiber eines Cafés, die einen Raum als Begegnungsstätte von Geflüchteten und Bürgern zur Verfügung stellen, da ist der junge Fahrradmechaniker, der in seiner Freizeit gespendete Fahrräder repariert, da ist der IT-Experte, der Computer in einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Raum installiert und mit nützlicher Software ausstattet und da ist der Schreiner, der einem Asylanten aus Eritrea hilft, sich einen Herzenswunsch zu erfüllen: Den Bau einer Krar, der traditionellen Laute, auf der er dann in seiner Unterkunft musizieren kann. Kirchengemeinden stellen kostenlos Räume und Büroeinrichtungen zur Verfügung, Vereine bieten Geflüchteten Gelegenheit, Sport zu treiben. Eine Fahrschule gibt – natürlich unentgeltlich – Verkehrsunterricht. Und da sind die zahllosen ehrenamtlichen Helfer (und vor allem Helferinnen), die Sprachkurse durchführen, Kinder betreuen, Patenschaften für Familien übernehmen, Weihnachts- und Osterfeiern oder auch Ausflüge in die Umgebung organisieren, Geflüchtete zu Ärzten und Kliniken fahren, ihnen beim Ausfüllen von Formularen helfen oder sie auf Behördengängen begleiten, Sachspenden einsammeln und verteilen usw. Für manche der HelferInnen ist dieses Engagement inzwischen zu einem »Full-Time-Job« geworden.

Es ist aber auch noch etwas anderes zu beobachten: Es hat sich ein neues Verhältnis zwischen Bürgern und Staat entwickelt. Auch dafür gibt es viele Beispiele: Bürgermeister sprechen regelmäßig mit den Helferkreisen, die Landratsämter kommunizieren ebenfalls intensiv mit den Ehrenamtlichen (auf deren Hilfe sie ja auch sehr angewiesen sind), auch die Organisationen der Zivilgesellschaft (wie etwa Caritas, Diakonie, VHS oder das Kolpingwerk) sind eng in die Zusammenarbeit eingebunden, genau so wie etwa die Polizei. Was ich dabei als neu empfinde, ist der freundliche, respektvolle Umgang miteinander: Polizisten sind (wieder) »Freund und Helfer«, die Ehrenamtlichen werden in den Ämtern nicht als Antrag- und Bittsteller behandelt, sondern als Mitbürger und Partner bei der Bewältigung einer gemein­samen Aufgabe! In diese gemeinsame Aufgabe bringt sich auch das hiesige Gewerbe ein, bietet Praktika, Lehrstellen und Arbeitsplätze für Geflüchtete – mit einem Wort: Unsere Gesellschaft wächst in einer »Aktion Gemeinsinn« zusammen!

Und noch etwas glaube ich beobachten zu können: Der Umgang mit der Not der Geflüchteten hat bei vielen von uns etwas geweckt, was verloren gegangen schien: Mitgefühl, Freundlichkeit und Nächstenliebe. Ist es ein Zufall, dass Bürgervereine auf Gemeindeebene gerade in letzter Zeit vermehrt Zuspruch erfahren, wie etwa der Bürgerverein am Lech e. V., der in den Gemeinden Lechbruck, Steingaden, Prem und Bernbeuren nachbarschaftliche Hilfe aller Art für bedürftige Bürger anbietet? Ich erlebe ganz allgemein einen freundlicheren Ton, wenn ich mit Menschen zu tun habe, in Geschäften, auf der Straße, in Büros. Das gemeinsame Engagement für Geflüchtete hat auch schon neue persönliche Beziehungen, ja Freundschaften entstehen lassen. Mit einem Wort: Die Menschen sind sich näher gekommen.

Schließlich ist noch erwähnenswert, dass Deutschland »politischer« geworden und aus seiner wohlfühligen Selbstgefälligkeit erwacht ist, in der allenfalls der Steuer­betrug einiger Prominenter oder das Ergebnis von Casting-Shows für erregte Diskussionen sorgten. Jetzt geht es – ausgelöst von der Flüchtlingsdebatte – um Fragen des demografischen Wandels, Folgen der Globalisierung, um Frauenrechte, Fluchtursachen, Bildungsdefizite usw. Aus der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen erwachsen uns Fragen wie: „Was ist christlich?“, „Was ist deutsch?“, „Welche Werte machen unsere Identität aus?“ All dies kann einer lebendigen Demokratie nur gut tun und wird uns befähigen, mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fertig zu werden.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass es viele Mitbürger gibt, die ängstlich, feindselig und hasserfüllt auf die Geflüchteten reagieren. Ich hoffe, dass sich daraus keine dauerhafte Spaltung unserer Gesellschaft ergibt, denn »Entwicklung« bedeutet immer Veränderung – wer Veränderungen scheut, wird auf der Strecke bleiben. Das gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft eines Landes. So betrachtet, deuten meine Beobachtungen aus dem Pfaffenwinkel darauf hin, dass unser Land auf gutem Weg ist.

Wolfgang Fischer

 

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