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Apr 30 2011

Fukushima: Das Restrisiko wird real

Erhard Seiler

Erhard Seiler

Katastrophe in Japan

Unser Mitgefühl sollte zuerst den Menschen in Japan gelten, die von der Dreifach-Katastrophe Erdbeben, Tsunami und Atomdesaster getroffen sind, bevor wir uns Sorgen über die Auswirkungen hier machen. Trotzdem ist es notwendig, Schlüsse für unser Land zu ziehen.

Restrisiko

Laut Wikipedia wird als Restrisiko „die Gefährdung bezeichnet, die einer Tätigkeit, einer Methode, einem Verfahren oder einem (technischen) Prozess nach dem Stand der Wissenschaft selbst bei Anwendung aller theoretisch möglichen Sicherheitsvorkehrungen noch anhaftet“. Risiko wird definiert als Schadenshöhe mal Eintrittswahrscheinlichkeit. In der Nukleartechnik werden im allgemeinen Risiken, deren Wahrscheinlichkeit kleiner als 10-7, also eins durch zehn Millionen pro Jahr sind als »hypothetisch« angesehen. Interessanterweise ist das in etwa so viel wie die Wahrscheinlichkeit, sechs Richtige im Lotto zu haben (was ja bekanntlich öfters vorkommt). Das wirkliche Problem steckt aber im Begriff der Wahrscheinlichkeit. Beim Lotto lässt sich diese leicht abschätzen, indem man allen 49 Zahlen die gleiche Wahrscheinlichkeit gezogen zu werden zuschreibt. Allgemeiner schätzt man die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses durch die statistische Häufigkeit seines Eintretens ab; deren Bestimmung erfordert viele Wiederholungen eines Experiments.

Zum Glück gibt es keine solchen Versuchsreihen für Nuklearunfälle; die Wahrscheinlichkeiten werden daher rein theoretisch »berechnet«; letztlich handelt es sich um subjektive Einschätzungen. Zum Beispiel hätte man in Japan die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens der Stärke 9 bis vor kurzem wohl als praktisch Null eingeschätzt, und die Wahrscheinlichkeit eines solchen Bebens kombiniert mit einem Tsunami noch viel geringer.

Fazit: Die „wissenschaftlichen“ Berechnungen von solchen Risiken seltener Ereignisse sind nicht sehr wissenschaftlich. Das ist auch der Grund, warum AKWs nur bis zu einer bestimmten Schadenshöhe versichert sind: das finanzielle Risiko einer unbegrenzten Versicherung wäre für keine Versicherungsgesellschaft kalkulierbar. Was über das versicherte Limit hinausgeht, das trägt der Staat, also wir alle.

Ein neues Tschernobyl?

Es ist zu früh, um sagen zu können, wie schlimm sich die Nuklearkatastrophe in Japan noch entwickeln wird. Man kann aber glücklicherweise erwarten, dass sie nicht die Ausmaße der Tschernobyl-Katastrophe erreichen wird.

In Tschernobyl handelte sich um ein „Durchgehen“ des Reaktors; die nukleare Kettenreaktion geriet außer Kontrolle und der Reaktor produzierte kurzfristig das Hundertfache seiner normalen Energieleistung. Man kann diesen Unfall durchaus als eine kleine Nuklearexplosion ansehen. Bei der Explosion und den anschließenden Graphitbränden wurden die radioaktiven Spaltprodukte aus dem Kern viele Kilometer hoch geschleudert und die radioaktive Wolke erreichte praktisch jeden Punkt auf der Nordhalbkugel.

In Japan wurde dagegen zwar die Kettenreaktion sofort gestoppt. Ein Kernreaktor kann allerdings nicht wie eine Lampe einfach ausgeschaltet werden; er produziert weiterhin Energie in Form von Wärme, und zwar genug, um die Brennelemente so aufzuheizen, dass sie schmelzen. Daher muss der Reaktorkern weiter gekühlt werden; das ist es, was in Fuku­shima so schwierig ist, weil erstens die Stromversorgung für die Pumpen ausfiel, zweitens die Dieselgeneratoren, die ersatzweise Strom liefern sollten, sehr schnell ausfielen und drittens vermutlich infolge des teilweisen Schmelzens der Brennstäbe das Kühlwasser nicht mehr richtig zirkulieren kann.

Durch die mehrfachen Explosionen ist bereits eine erheblich Menge radioaktives Material in die Umwelt gelangt. Die Ursache für die Explosionen ist die Tatsache, dass bei hohen Temperaturen (wegen unzureichender Kühlung) das Zirkonium-Metall der Brennstab-Umhüllung mit dem Wasser chemisch reagiert und Wasserstoff freisetzt. Vermischt mit dem Sauerstoff der Luft ergibt sich das hochexplosive Knallgas. Die Explosionen in Fukushima waren zwar heftig, aber doch nicht mit der gewaltigen Explosion von Tschernobyl vergleichbar.

Was kann passieren?

Im schlimmsten Fall kommt es zu einer vollen Kernschmelze, bei der der hochradioaktive Kern durch alle Barrieren (Reaktordruckbehälter, Containment und Reaktorgebäude) bis in den Boden durchschmilzt. Das Gift kann dann ins Grundwasser oder ins Meer gelangen, wo es zu einer Dampf-Explosion führen kann – in jedem Fall ist es dann in der Biosphäre. Die Fantasie reicht nicht aus sich vorzustellen, was dann alles geschehen kann.

Atomkraft JapanTatsächlich versuchen aber die Techniker vor Ort, dies unbedingt zu vermeiden, indem sie mit improvisierten Mitteln und unter Lebensgefahr Meerwasser in die Reaktoren zu pressen versuchen; nach einiger Zeit wird dann, da das Wasser kocht und verdampft, der Druck im Innern zu groß. Das zwingt die Techniker dann dazu, den radioaktiven Dampf ins Freie zu entlassen, ein Verfahren, das den schönen Namen »feed and bleed« trägt. Auf jeden Fall gelangen auch auf diese Weise erhebliche Mengen an Radioaktivität in die Umwelt, selbst wenn man damit die totale Kernschmelze verhindern kann.

Weitere, vielleicht sogar größere Gefahrenherde sind die sogenannten Abklingbecken. Das sind Wasserbecken mit abgebrannten Brennelementen, die sich zwar im Reaktorgebäude, nicht aber im Sicherheitsbehälter (»Containment«) befinden. Sie enthalten insgesamt eine größere Menge Radioaktivität als die Reaktoren selbst. In einem solchen Becken des AKW Fukushima ist schon ein Brand ausgebrochen, da die Brennstäbe nicht mehr von Wasser bedeckt waren, das zur Kühlung notwendig ist. Hier sind keine Barrieren zur Atmosphäre mehr vorhanden, die aus den Brennelementen entweichende Radioaktivität zurückhalten könnten. Falls die Brennelemente schmelzen, gibt es sogar die Gefahr, dass die nukleare Kettenreaktion wieder anspringt, mit dann wirklich dramatischen Auswirkungen; selbst die Betreiberfirma TEPCO schließt die Gefahr nicht aus.

Solche Abklingbecken gibt es auch bei den deutschen Atomkraftwerken; da man nicht weiß, wohin mit dem Müll, wurde entschieden, sie dichter zu bestücken (sogenannte Kompaktlager). Sie sind bei einem Teil der Reaktoren (den Siedewasser-Reaktoren) nicht innerhalb des Sicherheitsbehälters, und damit überhaupt nicht gegen »Einwirkungen von außen« wie z. B. Flugzeugabstürze geschützt; wegen der dichteren Packung müssen auch sie ständig gekühlt werden.

Was bedeutet das für uns hier?

Die Lage ist dramatisch für Japan; wir können den Menschen dort nur wünschen, dass die schlimmsten Konsequenzen nicht eintreten. Wir hier sollten uns dagegen nicht vor allem Sorgen machen, ob wir noch Milch trinken oder Spinat und Sushi essen dürfen; für uns bleibt die Notwendigkeit, den richtigen Schluss zu ziehen. Da das Restrisiko nicht kalkulierbar und offensichtlich real ist, kann die Konsequenz nur heißen: Ausstieg aus der Atomkernenergie so schnell wie möglich. Ein »Moratorium der Laufzeit-Verlängerung« reicht nicht; wenn die Wahlen vorbei sind, wird wieder das Profitinteresse der großen AKW-Betreiber im Vordergrund stehen. In bemerkenswerter Offenheit hat Wirtschaftsminister Brüderle den Spitzen der deutschen Industrie das Moratorium damit erklärt, dass in Zeiten des Wahlkampfs „die Entscheidungen nicht immer rational seien“.

Dr. Erhard Seiler, Physiker, früherer wissenschaftlicher Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Physik (Werner-Heisenberg-Institut), München

 

 

Sigi Müller

Sigi Müller

Zum Moratorium der Bundesregierung

Volksverdummung hat bei Atomkatastrophen oberste Priorität

Alles muss jetzt neu diskutiert werden. Wir brauchen eine Neubewertung der ach so friedlichen Nutzung der Atomenergie. Umweltminister Röttgen spottet über die Uralt-Antworten der Atomgegner, denn die Atomkatastrophe in Japan sorge für eine Zäsur und erfordere das Überdenken alter ideologischer Positionen. Und noch was: Bloß keine Parteipolitik! Ein Lernprozess sei das. Jetzt müsse „alles nochmal auf den Prüfstand“, heißt eine der ständig wiederholten Phrasen im Unionslager, obwohl doch bei uns alles – abgesehen von dem bisher zu vernachlässigendem Restrisiko – so wahnsinnig sicher ist. Kaum war die Verlängerung der Laufzeiten der „sichersten Kernkraftwerke der Welt“ beschlossen, lässt jetzt nach Fukushima die schwarzgelbe Regierung drei Monate lang prüfen, ob wirklich alles so sicher ist, wie sie selbst stets behauptet hat. Ganz nach dem Motto: Jeder kann mal einen dummen Fehler machen, sich irren, denn irren ist menschlich. FDP-Brüderle plauderte aus, dass es beim Moratorium nur um Schadensbegrenzung mit Blick auf die Landtagswahlen ging. Kurz danach musste Atomlaufzeitverlängerer und Stuttgart-21-Durchpeitscher Mappus und die CDU in Baden-Württemberg einer ganz neuen Grün/Rot-Koalition Platz machen.

Sigi Müller

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