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Jul 31 2016

Geht doch! – Die »ARGE Heumilch« in Österreich zeigt: Es gibt bessere Alternativen!

Wolfgang Fischer

Wolfgang Fischer

Mehrfach habe ich im OHA den Niedergang der bäuerlichen Milchviehwirtschaft beklagt (»Es stinkt zum Himmel – Bäuerliche Landwirtschaft im Pfaffenwinkel auf dem Rückzug« (OHA Nr. 415 vom Juni 2016) und »Keine Milchkühe auf der Wiese – dafür Silage in Plastikbeuteln« (OHA Nr. 404 vom Juli 2015).

Dort habe ich begründet, warum ich es unverantwortlich empfinde, die Milchbauern des Allgäus dem Wettbewerb auf den Weltmärkten auszusetzen, wo sie aufgrund der bei uns vorherrschenden topografischen, klimatischen und strukturellen Gegebenheiten auf Dauer keine Überlebenschance haben. (Man denke nur daran, dass die durchschnittliche Betriebsgröße eines Milchviehbetriebs in den USA 450 ha beträgt!) Vor einem Jahr schlug ich als »Ausweg aus der Modernisierungsfalle« vor, dass die Allgäuer Bauern sich vom aussichtslosen Rennen mit Konkurrenten verabschieden, die längst keine Bauern mehr, sondern nach den Regeln industrieller Produktion handelnde Unternehmer sind, und angeregt, statt dessen auf Marktnischen für Produkte hoher Qualität zu setzen. Meine Schlussfolgerung war: „Was wir brauchen, ist eine Allianz von Bauern, Naturschützern und Verbrauchern, wenn eine der schönsten Kulturlandschaften Europas nicht zugrunde gehen soll!“

Kürzlich bin ich nun beim Einkauf im V-Markt in Lechbruck auf eine Broschüre der »ARGE Heumilch Österreich« gestoßen, in der beschrieben wird, wie ein alternatives Konzept zur derzeitigen Devise »Wachse oder weiche!« aussehen kann und welche Vorteile dies für die Bauern, die Verbraucher und die Umwelt hat.

Unter dem »Dach« der ARGE Heumilch Österreich haben sich seit 2004 rund 8000 Heumilchbauern (von denen 95 % in ausgewiesenen Bergregionen wirtschaften) sowie etwa 60 Molkereien, Sennereien und Käsereien vereinigt. Sie alle unterliegen dem »Heumilch-Regulativ« (das an das EU-Gütesiegel »garantiert traditionelle Spezialität« gebunden ist) und nur sie dürfen ihre Produkte mit dem eigens geschaffenen Heumilch-Logo auszeichnen. Wichtige Kriterien des Regulativs sind: Strenges Verbot von vergorenen Futtermitteln wie Silage, Begrenzung der Anzahl der Tiere auf den Weiden, Bewirtschaftung von Biodiversitätsflächen, um die Artenvielfalt der Pflanzen auf den Weideflächen zu fördern, vollständiger Verzicht auf Gentechnik. Die Richtlinien wurden von den Heumilchbauern und Heumilch verarbeitenden Unternehmen selbst entwickelt, ihre Einhaltung wird von unabhängigen Kontrollstellen gewährleistet.

(Näheres unter www.heumilch.at)

Jährlich werden so über 400 Millionen Liter Heumilch produziert, das sind 15 Prozent der gesamten in Österreich angelieferten Milchmenge (europaweit liegt der Anteil bei nur 3 Prozent). Heumilch ist also ein (hochwertiges) Nischenprodukt. Das verschafft den Heumilchbauern bei der derzeitigen Milchkrise einen Vorteil, denn sie erhalten – wie mir die ARGE auf Anfrage mitteilte – einen Heumilchzuschlag von über 5 Cent/kg, bei Bio-Heumilch sogar von 15 Cent/kg. So liegt der jährliche Mehrerlös für die angeschlossenen Bauern bei insgesamt über 18 Millionen Euro pro Jahr!

Nicht nur die Bauern, auch die Verbraucher haben von dieser Art der Milcherzeugung große Vorteile: Das artenreiche Futter trägt maßgeblich zu gutem Geschmack und hoher Qualität der Milch bei. Durch den konsequenten Verzicht auf vergorene Futtermittel kann z. B. Käse ohne Zusatz von Konservierungsmitteln und ohne intensive mechanische Behandlung hergestellt werden. Artenreiches Futter wirkt sich auch auf das Fettsäurespektrum der Milch aus, so haben Studien gezeigt, dass Heumilchprodukte einen rund doppelt so hohen Wert an Omega-3-Fettsäuren und konjugierten Linolsäuren wie herkömmliche Milchprodukte aufweisen.

Unschätzbar sind schließlich die positiven Auswirkungen der Heumilch-Erzeugung auf die Umwelt – und damit für uns alle:

  1. Die mosaikartige Bewirtschaftung und die Ausbringung von Festmist fördert die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren und trägt wesentlich zum Erhalt der Kulturlandschaft bei;
  2. die Gefahr von Erdrutschen, Murenabgängen und Überschwemmungen wird vermindert;
  3. nachhaltige Grünlandnutzung hat keine Bodenverdichtung zur Folge und führt zu hohem Humusgehalt im Boden: Dadurch werden enorme Mengen an Kohlendioxyd gespeichert, was der Klimaerwärmung entgegen wirkt;
  4. lokal erzeugtes Grünfutter (anstelle zugekaufter Futtermittel) trägt zur Schonung der »Ressource Wasser« bei;
  5. es werden weniger Lebensmittel wie Getreide, Mais und Soja verfüttert, die auch für die Ernährung des Menschen geeignet sind (In der Industrialisierten Landwirtschaft frisst eine Kuh die Menge an Getreide, von der sich drei Menschen ernähren könnten!).

Politik und Wissenschaft in Österreich unterstützen die Heumilch-Initiative nach Kräften – ein ähnliches Engagement wird in Deutschland erst neuerdings erkennbar. Bei uns führen Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände oder die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ABL) seit Jahrzehnten einen aussichtslos scheinenden Abwehrkampf gegen den Wachstumswahn, der auch den Agrarsektor im Griff hat.

Spät – hoffentlich nicht zu spät – hat der bayerische Landwirtschaftsminister Brunner (CSU) im Jahr 2015 allerdings mit verbesserten Fördermaßnahmen auch bei uns einen auf Nachhaltigkeit zielenden Strategiewechsel angedeutet. Mit der Umstellungsprämie im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms (KULAP) von 350€/ha in den ersten beiden Jahren der Umstellung und der neuen Beibehaltungsprämie von 273€/ha sind ab 2015 bessere politische Rahmenbedingungen zur Umstellung auf Ökologischen Landbau gegeben, von denen auch die Erzeuger von Heumilch profitieren können.

Die ARGE Heumilch im nahen Tirol erinnert uns daran, dass ein Bauernhof mehr ist als eine Fabrik: Er ist auch ein Kulturgut! Über Jahrhunderte haben Familienhöfe das Leben der Dörfer und das Bild der Landschaft geprägt. Mit jedem Bauernhof, der stirbt, stirbt auch ein Stück vom Ideal der respektvollen, umweltschonenden Herstellung unserer Lebensmittel. Ob die Politiker, der Handel, die Verbraucher und möglichst viele Bauern selbst sich dessen bewusst werden und entsprechend handeln – bevor es endgültig zu spät ist? Fraglich ist allerdings, ob nach Inkrafttreten der CETA- und TTIP-Verträge nachhaltige, standortgerechte und umweltschonende Landwirtschaft überhaupt noch möglich sein wird.

Wolfgang Fischer

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