«

»

Nov 30 2012

Industriefreundliche Gehirnwäsche in den bayerischen Schulen?

Gehirnwäsche Titel OHA

Wir müssen Gehirne waschen, bis sie strahlen. (Bild: Jürgen Müller)

Projekt »Mobilfunk und Schule«

„Die Grenzwerte stellen sicher, dass Mobilfunk keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen hervorruft.“

„Mehrere Langzeituntersuchungen sehen keinen Zusammenhang zwischen den höheren Feldern der Handys und Krebs.“

„Es besteht kein Hinweis, dass Krebs ausgelöst oder dass das Blut- bzw. Immunsystem negativ beeinflusst wird.“

„Es gibt keinen Beweis, dass Felder von Mobilfunkantennen krank machen, sofern die Grenzwerte eingehalten werden.“…

Das sind Sätze, die man auf den Folien für das Fach Biologie als Informationsangebot an Lehrer liest. Verfasst von der Industrie? Nein, vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) in Augsburg, einer öffentlichen Behörde, die die Aufgabe der nachhaltigen Nutzung und Sicherung unserer Umwelt hat, so auf der Homepage unter »Wir« aufgeführt.

Weltweit sind diese Aussagen seit vielen Jahren vielfach widerlegt. Seit Jahren warnen weltweit Wissenschaftler und Ärzte vor den negativen gesundheitlichen Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung. Die WHO stufte Mobilfunkstrahlung 2011 als Krebsrisiko ein, der zuständige Ausschuss des Europarates forderte 2011 den besonderen Schutz von Kindern und Jugendlichen und die Mitgliedstaaten auf, das Vorsorge-Prinzip zu respektieren und vieles mehr… Die Folien für den Schulunterricht stehen jedoch weiterhin im Rahmen des Projektes »Mobilfunk und Schule«, das 2005 ins Leben gerufen wurde, den Lehrern für ihren »Unterricht« zur Verfügung. Bei diesem Projekt handelt es sich um eine gemeinsame Initiative dreier bayerischer Ministerien: Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus sowie das zuvor genannte LfU. Die Beamten dreier bayerischer Ministerien arbeiten zum Wohle der Mobilfunk-Branche und um unsere Kinder als brave Konsumenten dieser Branche zuzuführen? Das ist ganz fatal, bedenkt man, dass viele obrigkeitsgläubige Bürger unseren Behörden vertrauen. Wenn doch etwas dran wäre an den Risiken durch Mobilfunkstrahlung, dann müssten unsere Behörden uns doch warnen, so denken viele Bürger und nutzen strahlende Techniken weiterhin.

Der Verfasser der Folien, ein Beamter des LfU, mittlerweile in Pension, hatte schon im Frühjahr 2007 für einen deutschlandweiten Protest gesorgt. Er wurde im bayerischen Fernsehen gezeigt, wie er »Mobilfunk-Unterricht« in einem Augsburger Gymnasium abhielt und demonstrierte, dass er nicht mit dem internationalen Stand des Wissens zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung vertraut war. Der Protest, der in einem unerquicklichen, fruchtlosen Schriftverkehr zwischen den protestierenden Bürgern und dem LfU mündete, war u. a. getragen von den Unterschriften vieler Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte und auch vom Landesverband Bayern des BUND. Im Rahmen dieses Protestes erfuhren die Initiatoren auch von Lehrerfortbildungen durch diesen Beamten des LfU. Die Lehrer erfuhren während der „Fortbildungen“, dass es keine Risiken gibt und dass die bestehenden Grenzwerte unsere Gesundheit schützen. Auch verleiht diese Behörde an Schulen einen sogenannten SAR-Messkopf aus Kunststoff. Dass der Kopf von uns Menschen nicht aus Kunststoff besteht und ein niedriger SAR-Wert die Gesundheit nicht schützt, ist bei dieser Behörde auch noch nicht angekommen.

Die Bemühungen der bayerischen Ministerien um das Wohl der Handy-Branche gingen jedoch ungetrübt weiter bis zum heutigen Tag. Die Broschüre des LfU »Coole Tipps für Handykids«, die seit Jahren an die bayerischen Schüler verteilt wird, nennt keine Gesundheitsrisiken und auf der Rückseite wird gleich zweimal auf die Propagandazentrale der 4 größten deutschen Mobilfunk-Anbieter, das Informationszentrum für Mobilfunk (IZMF), verwiesen. Sollen wir uns nun auch bei der Marketing-Zentrale der vier größten Zigarettenhersteller Informationen über ihre Produkte holen? Was würden wir dort wohl über die gesundheitliche Gefährdung durch Rauchen lesen? Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise?

Im Rahmen der Initiative »Wissen­schaf(f)t Vertrauen« arbeitet das LfU sogar ganz offen mit der Industrie zusammen. Es handelt sich um eine 2009 durchgeführte Initiative des IZMF unter der Schirmherrschaft des LfU. Wer weiß denn schon, wer der »gemeinnützige« Verein IZMF ist? Und »gemeinnützig« klingt doch ziemlich seriös, nicht wahr? Wenn man sich näher mit diesem »Verein« beschäftigt, dann fragt man sich, wie diese »Marketingzentrale« überhaupt den Status der »Gemeinnützigkeit« erhalten konnte. Wieder einmal ein Entgegenkommen von industriefreundlichen Behörden? Die Geschäftsführerin des IZMF war langjährige Sprecherin und Medienberaterin des SPD-Parteivorstandes und lehrt, neben ihrer Arbeit als Mobilfunk-Lobbyistin, politische Kommunikation an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Im Rahmen der o.g. deutschlandweit durchgeführten Initiative durften auch Kemptener Stadträte und Verwaltungsangestellte im Rahmen eines Workshops an einer industriefreundlichen »Gehirnwäsche« teilnehmen. Ergebnis dieser Veranstaltung war z. B., dass in den Ordnern an die Kemptener Schulen, ausgehend von der Stadt Kempten, auch das umfangreiche Schulmaterial des IZMF landete. Denn das Thema sei umstritten, es gäbe keine wissenschaftlichen Beweise, deswegen müsse man neutral informieren, so der Oberbürgermeister der Stadt Kempten auf einer kürzlich abgehaltenen CSU-Bürgerveranstaltung. Dass er nicht auf dem aktuellen Stand des Wissens ist, scheint ihn und seine CSU-Kolleginnen und -Kollegen leider nicht zu interessieren, obwohl ihnen umfangreiches Material von Kemptener Kritikern vorliegt. Weil sie alle der politisch vorgegebenen Linie des früheren bayerischen Staatsministers Erwin Huber treu bleiben wollen? „Wir werden alles dafür tun, was uns Gott erlaubt, und auch manches, was er verbietet, um diese Innovation voranzubringen“, so Erwin Huber als Leiter der bayrischen Staatskanzlei zur Bereitschaft des Freistaats Bayern, die Innovation UMTS mit staatlicher Hilfe schneller voran zu bringen in »Die Welt« vom 16.10.2002.

Die Finger der Mobilfunk-Branche reichen jedoch noch weiter in die Schulen hinein, sogar bis hinein in Deutschbücher und in Deutsch-Tests für die Pisa-Studie. Im Deutschbuch für die Gymnasien in Bayern des Cornelsen-Verlages findet man auf der S. 106 zum Thema »Konjunktiv« das Kapitel „Das Handy auf der Anklagebank“ mit durchaus kritischen Beiträgen. Zwischen den Zeilen tauchen aber immer wieder bedenkliche Formulierungen auf, wie z. B. „Angst vor einer möglichen Gesundheitsgefährdung“. Diese Formulierung ist eine bekannte Redewendung, derer sich unsere öffentlichen Behörden seit Jahren gerne bedienen, um Kritiker als psychisch gestörte Spinner abzustempeln. Dass gesundheitliche Risiken wissenschaftlich belegt sind, wird den Schülern vorenthalten. Als besonders bedenklich erscheint auf der Seite 109 die 6-fache Wiederholung der Aussage: „gegenüber der Industrie sind wir machtlos“ in verschiedenen Varianten. Zufall, dass genau dieser Satz wiederholt wird?

Anke Kern

Anke Kern

Für den Jahrgangsstufentest Deutsch 2010, der für die »Pisa-Studie« herangezogen wurde, wurde ein Text mit dem Titel „Ein Handy? Nein danke“ zur Bearbeitung gewählt. Der Text ist insgesamt sehr gemischt und gibt auch einige gute kritische Anmerkungen zum Thema Handy wider. Durch das aufmerksame Lesen der Aufgaben zur Bearbeitung des Textes ist jedoch die geschickt versteckte indirekte Werbung bzw. Manipulation zu erkennen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele, wie es sie in Bayern und in Deutschland wohl zahlreich gibt. Immer mehr werden die modernen, hochfrequente Strahlung emittierenden Medien in den Schulunterricht selbst eingebaut. Abgesehen von den Mobilfunkmasten, die überwiegend in der Nähe von Schulen stehen, dort, wo die Hauptkunden sind, neben all den eingeschalteten Handys, trotz Handyverbot an den bayerischen Schulen, werden die Schulen immer mehr zu krankmachenden Orten. Zum Wohle des Wirtschaftswachstums und zur Beruhigung der Märkte.

Anke Kern, Kempten

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte bleiben Sie sachlich. Beiträge mit beleidigenden oder herabwürdigenden Inhalten oder Aufrufen zu Straftaten werden ebenso gelöscht wie solche, die keinen Bezug zum Thema haben. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht!

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>