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Okt 31 2016

Krankenhauskeime – der Preis fürs billige Schnitzel?

Foto: ödp/DemmerschmidtVeranstaltung mit ödp-Expertin Angelika Demmerschmidt in Seehausen

Seehausen/Landkreis GAP – „Heute werden mehr Antibiotika an gesunde Tiere als an kranke Menschen verabreicht.“ Angelika Demmerschmidt, Referentin des ÖDP-Europaabgeordneten Prof. Dr. Klaus Buchner, bezeichnete die Massentierhaltung als Brutstätte für gefährliche Antibiotika-Resistenzen. In ihrem Vortrag im Gasthof Stern stellte sie den Zusammenhang zwischen industrieller Massentierhaltung und gefährlich zunehmenden Resistenzen anschaulich dar und kam zu dem Fazit: „Es ist ein Skandal, dass die Politik weiterhin zulässt, dass hochpotente Antibiotika massenweise präventiv bei gesunden Tieren zum Einsatz kommen, während sie bei schwerkranken Menschen zunehmend nicht mehr wirken.“

Zu Beginn ihres mit vielen Zahlen und Studien fundierten Vortrags skizzierte Angelika Demmerschmidt, was die heutige industrielle Massentierhaltung ausmache: „Tiere werden in qualvoller Enge gehalten, in kürzester Zeit schlachtreif gemästet – und das unter tonnenweisem Einsatz von Antibiotika.“ Ziel heutiger »Agrarfabriken« sei eine möglichst große und rasche Menge an Fleisch, Eiern und Milch. Aktuell würden beispielsweise fast 100 Millionen Hühner zur Fleischproduktion und rund 40 Millionen Legehennen gehalten. Der Platz für jedes Huhn sei oft kleiner als ein A4-Blatt, ihr Schlachtgewicht werde bereits nach 35 Tagen erreicht. Aber auch bei Rindern und Schweinen werde das Maximum an Profit angestrebt – so wurde die Milchleistung von Kühen seit den 1960er Jahren verdoppelt.

Diese Massentierhaltung funktioniere jedoch nur mit dem „Masseneinsatz von Antibiotika“. Meldungen, wonach die Antibiotika neuerdings um einige hundert Tonnen gedrosselt sind, seien irreführend, denn es würden anstelle der „einfachen“ Antibiotika deutlich mehr von den hochwirksamen Reserve-Antibiotika verabreicht, vor allem auch vorbeugend. „Das ist genauso, als würden alle Kinder in einer Schule Reserve-Antibiotika bekommen, obwohl nur zwei oder drei krank sind. Ein vollkommen absurdes System, welches dringend geändert werden muss. Sonst gehen wir durch zunehmende Antibiotika-Resistenzen zurück in ein medizinisches Mittelalter“, befürchtet die ÖDP-Expertin. Dieser massenhafte Einsatz führe zu Unwirksamkeiten, den Antibiotika-Resistenzen. Die sogenannten »Killerkeime«, bekannt geworden u. a. als »Krankenhauskeime«, führten oft zu schwierigen gesundheitlichen Problemen, vieltausendfach sogar zum Tod. Häufigster resistenter Keim ist der MRSA (Methicillin-resistant Staphylococcus aureus); aber es gebe noch viele weitere resistente Keime, etwa ESBL-bildende Enterobakterien.

„Da rollt eine gewaltige Lawine auf uns zu“, warnte die Referentin. Gemäß Laboruntersuchungen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wurden in 88 % der bei Discountern gekauften Putenfleisch-Proben antibiotikaresistente Keime gefunden (Meldung vom 12.1.2015). „Wer will solches Fleisch essen, das man eigentlich nur noch mit Handschuhen anfassen möchte?“ 80 bis 90 Prozent der Schweinezüchter und 40 bis 45 Prozent der Tierärzte seien heutzutage Träger von MRSA-Keimen. Die Zahlen seien zunehmend alarmierend: Schätzungen zufolge führten Antibiotika-Resistenzen weltweit zu rund 700.000, allein in Deutschland zu 30.000 bis 40.000 Todesfällen. Schon gewöhnliche Infektionen und kleine Verletzungen könnten künftig wieder tödlich sein; Resistenzen könnten in nicht allzu ferner Zukunft „unsere besten Arzneien unwirksam machen“.

Es sei Zeit für drastische politische Maßnahmen, aber auch für verantwortliches Handeln aller Verbraucher. Die Initiative »Klaus graust’s« (www.klausgrausts.eu) des ÖDP-Europaabgeordneten Klaus Buchner setzt sich u. a. für ein Verbot des Einsatzes von Reserve-Antibiotika und überhaupt von Antibiotika bei gesunden Tieren ein, zudem für schärfere Auflagen, Kontrollen und Strafen bei Nicht-Einhaltung. Arzneimittelverkauf müsse von tierärztlichen Behandlungen getrennt, Großmast-Anlagen dürften nicht mehr gefördert werden. Vorrangiges Ziel müsse eine artgerechte, bäuerliche, ökologische Landwirtschaft sein. „Wir müssen die industrielle Massentierhaltung wieder abschaffen. Es geht dabei nicht mehr »nur« um das Wohl der Tiere, sondern inzwischen auch um das der Menschen.“

Raphael Mankau

 

1 Kommentar

  1. Dirk Kutsche

    „artgerechte, bäuerliche, ökologische Landwirtschaft“, was für eine Augenwischerei. Artgerecht ist nur die Freiheit. Kein Tier stirbt freiwillig. Das Tierleid bei einigen wenigen „Ökobauern“ ist auch nur gering besser. Ein Kalb wird seiner Mutter nach der Geburt entrissen, weil es sonst ja die Milch, die für ihn bestimmt ist, den Menschen, die es nicht nötig haben, Muttermilch einer fremden Spezies zu trinken, wegnimmt. Ihr könnt das Wort ruhig mal hinschreiben und auf der Zunge zergehen lassen: das einzige was hilft: Vegan leben. Es ist einfach, es ist kein Verzicht, nicht mal auf schlechte Angewohnheiten. Und es bringt maximalen Mehrwert. Denn den Tieren ist es scheißegal, warum sie nicht gegessen werden.

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