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Feb 29 2012

Leben auf Haiti – Eindrücke und Erlebnisse (2)

Carola Dempfle

Carola Dempfle

Zwei Prozent der Insel sind auf haitianischer Seite noch bewaldet, gegenber 50 Prozent in der dominikanischen Republik. Wortwörtlich eine grüne Grenze passiert, wer an einem der Grenzübergänge in den Ostteil der Insel fährt. Die Grenze selbst ist eine normale Staatsgrenze, die mit Visa- und Handelsbestimmungen die beiden benachbarten Staaten auseinanderzuhalten sucht. Während Menschen, vor allem haitianische Billiglohn-Arbeiter die Trennung legal und illegal überwinden, sind Mentalität sowie wirtschaftlicher und politischer Status der beiden Nachbarn sehr unterschiedlich.

Wie kann das sein? Die Ausgangssituation und weitere Geschichte der ursprünglich vereinten Insel Hispaniola waren ungleich. Die Dominikaner sind mehrheitlich Nachfahren von spanischen Einwanderern und haben sich mit den Sklaven vermischt. Auf haitianischer Seite besteht die heutige Bevölkerung zu 95 Prozent aus den Nachfahren der ehemaligen Sklaven. Sklavenbesitzer und Bourgeoisie der ehemaligen französischen Kolonie wurden während des Unabhängigkeitskriegs fast alle getötet. Damit wurde jedoch gleichzeitig der gebildete Teil der Bevölkerung ausgelöscht. Auf den historischen Befreiungsakt sind die Haitianer zu Recht stolz. Nicht bekannt, seine erste große Niederlage hat Napoleon in Haiti erlitten. Geblieben ist den Haitianern davon leider die Erfahrung, dass Aufstand und Gewalt Erfolg haben. So ist die Geschichte des Landes nach 1804 eine Reihung von Militärregierungen und Diktatoren. Selbst Aristide, der Ablöser der letzten berüchtigten Diktaturdynastie aus Papa Doc und Baby Doc, ein ehemaliger Armenpriester, ist am Ende selbst zum Diktator mutiert.

Der seit Mai 2011 regierende Präsident Michel Martelly war Popmusiker und wurde auch gewählt, weil er keine Verbindungen mit der verfilzten Politikklasse hatte. Nur kann man mit Musikfreunden kein Land regieren. Seine Suche nach politischen Mehrheiten war entsprechend langwierig, hat zu Entscheidungsblockaden geführt und nicht unerheblich zu den Verzögerungen der humanitären Hilfe beigetragen.

Wie sehr heutige Gewohnheiten der Haitianer noch immer mit Überlebensstrategien und Anforderungen aus der Zeit der Unterdrückung übereinstimmen, beeindruckt mich. Im Folgenden beschreibe ich Tendenzen, deren Deutung auf eigenen Schlüssen beruht, doch in meinen Gesprächen mit den Leuten bisher noch nicht widerlegt wurde.

Individualismus: Solidarität innerhalb einer Gemeinschaft oder Gruppe finde ich viel weniger als in Afrika. Sie scheint beinahe schon, ähnlich wie bei uns, reduziert auf die direkte Familie.

Dass Kinder bei ihren Eltern aufwachsen, ist nicht unbedingt Standard. Oft schicken Eltern ihre Kinder schon zum Besuch einer besseren Grundschule in die Stadt, wo sie dann bei Verwandten oder in kirchlichen Häusern leben. Meine Mitbewohnerin in Porte au Prince und drei ihrer Geschwister waren seit ihrer frühen Jugend in einem kirchlichen Pensionat. Wenn Eltern Arbeit finden, bleiben die Kinder zurück. Die Bewohner unserer beiden Berghäuser werden von zwei Köchinnen aus Porte au Prince versorgt. Ihre vier bzw. sechs Kinder bleiben in der Stadt unten und sehen ihre Mütter nach ein bis zwei Wochen an den Wochenenden. Ein Kollege hat eins seiner beiden Kinder bei seiner Schwägerin, das andere ist mit seiner Mutter in Kanada. Ein weiterer Kollege hat vor kurzem erst seine ganze Familie nach Montreal umgezogen. Nach Abzug aller Kosten sei das Leben dort billiger und besser. Das, so hat er erzählt, wäre vor allem den enorm hohen Schulgebühren in Haiti geschuldet. Gemeinschaftsarbeit hat wenig Tradition. Kooperationsformen oder gemeinschaftliche Organisation müssen mühsam aufgebaut werden. In meinem Projekt ist das verstärkt so, da die Bauern nicht in Dörfern wohnen, sondern einzeln im Wald verstreut ihre Häuschen samt Garten (illegal) platziert haben. Mehrere Jahre schon bemühen sich meine Kollegen, eine für das Projekt nötige Bauernorganisation aufzubauen.

Informationen weitergeben: Auf eigentlich konkrete Fragen eine griffige Auskunft zu erhalten, erlebe ich nur gelegentlich. „Das kommt darauf an“, „ich weiß nicht“ oder „ich bin nicht zuständig“ höre ich häufig. Verständlich wird diese Eigenart, wenn man bedenkt, dass noch bis in die Diktaturen der letzten Jahre jede noch so unbedeutende Auskunft ein Todesurteil für jemanden anderen bedeuten konnte.

Hinnehmen von Widrigkeiten oder unkomfortabler Umstände – das, würde ich sagen, können die Menschen in Haiti perfekt. Für unabänderliche Bedingungen hilft dieses Können enorm.

Für eigentlich erreichbare Veränderungen reduziert sie dagegen den Antrieb. Ich kann wirklich sagen, dass die Leute um mich herum sehr motiviert sind mitzuarbeiten. Sie würden ihre Lage gerne verbessern, aber erreichen in vielen kleinen Dingen einfach nicht den Punkt, an dem unsereins ohne Nachdenken aktiv und vor allem kreativ wird. Hier bekommt unser deutsches, selbst oft kritisiertes Nörglertum eine unerwartet positive Seite. Auf den Punkt gebracht: ich bin überzeugt, für Haitianer ist Verändern und Entwickeln nicht eine Frage des Wollens, sondern des Könnens.

Haiti Schule

Schule in meinem Projektgebiet

Nicht-Können ist jedoch nicht nur in der Kultur begründet. Es ist erheblich eine Folge der Abwesenheit von Schulen. Auf dem Land ist Schule, wenn überhaupt vorhanden, meist eine sehr dürftige Einrichtung. Zwei Stunden Fußmarsch um zu lernen in überfüllten Räumen oder unter Wellblechdächern ohne Wände. Mit 40 bis 60 Schülern pro Lehrer ist Didaktik reduziert auf Vormachen und Nachmachen. Eigeninitiative oder Kreativität lassen sich damit schlecht lehren und lernen. Beides Kompetenzen, die für Problemlösefähigkeiten wichtig wären.

Andererseits, vielleicht dank der großen Kluft zwischen Arm und Reich, eine Minderheit besitzt ein hohes Bildungsniveau. Es gibt durchaus eine intellektuelle Szene. Ihr Beitrag zur Entwicklung ist insofern beschränkt, als sie mangels Lebensqualität, Entwicklungschancen und Insellage sich meist schon lange im Ausland befindet.

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