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Mai 31 2012

Leserbrief zum Beitrag »Joachim Gauck, der Präsident der Herzen?«

Leserbrief zum Beitrag »Joachim Gauck, der Präsident der Herzen?«, APRIL-OHA, Seite 14, von Maria Möhrle

 

Sehr geehrte Frau Möhrle,

wahrscheinlich bezichtigen wir uns jetzt gegenseitig, Beiträge geschrieben zu haben, die eigentlich in der Reißwolf-Rubrik hätten landen mssen. Dennoch möchte ich einigen Ihrer Argumente Kontra geben.

Fangen wir zunächst an einer Stelle an, an der ich meine Wissenslücken unumwunden zugeben muss: Leider weiß ich nicht, was Sie in den späten achtziger Jahren getan haben, und vor allem, wo Sie das getan haben. Dass Sie Herrn Gauck unterstellen, er sei »nicht bereit (…) für Gerechtigkeit zu kämpfen«, lasse ich als Argument nur zu, wenn Sie selbst damals als DDR-Brgerin engagierter für Freiheit gekämpft haben, als Herr Gauck. Dass er kein Sozialexperte sei … Nun, sind denn in der von Ihnen so hochgelobten Partei Die Linke alle Politiker samt und sonders Sozialexperten? Ich vermute, nein.

Machen wir weiter mit einer Widerlegung, die Sie mit Sicherheit nicht mehr hören können, oder postwendend als Schwachsinn abtun werden. Gaucks Zitate, insbesondere jenes über Sarrazin, sind aus dem Zusammenhang gerissen. Ich gestehe, den kompletten Zusammenhang nicht mehr hundertprozentig nachzeichnen zu können, wage mich aber dennoch zu folgender Behauptung: Als Herr Gauck Herrn Sarrazin »mutig« nannte, hatte er vom unsäglichen Buch noch nicht einmal den Klappentext gelesen, und traf seine Aussage allein vom Hörensagen. Später hat er sich deutlich von dieser Ersteinschätzung zurckgezogen, jedoch leider nicht laut genug. (Denn wen interessiert es schon, wenn jemand dazulernt, und Sarrazins Thesen, nachdem man weiß, worum es geht, in einem komplett anderen Licht bewertet, als zu einer Zeit, als man sie gar nicht kannte?)

Für Gaucks Devise »Frag nicht, was dein Land für dich tut, frage, was du für dein Land tun kannst« nehmen Sie sich einen kompletten Absatz Zeit; offensichtlich liegt es Ihnen so sehr daran zu fragen, was unser Land für Sie tun kann. Das ist zunächst einmal Ihr gutes Recht. Und nur Ihre Beispiele betrachtend muss ich Ihnen zustimmen, denn Sie führen nur Personengruppen an, die durchaus das Recht haben, zu fragen, was ihr Land für sie tun kann. Sie sprechen von acht Millionen Niedriglohnbeziehern, zählen ein paar Millionen Hartz-IV-Empfänger dazu, sowie massenhaft arme Kinder – da ich weder Lust noch Zeit habe, diese Zahlen zu suchen, möchte ich in einer (hoffentlich) äußerst pessimistischen Schätzung annehmen, dass hier noch weitere acht Millionen dazukommen. In der Summe wären das 16 Millionen Menschen. Auf die Einwohnerzahl Deutschlands hochgerechnet 20 %. Natürlich sind 20 % verdammt viel; viel zu viel – da dürften wir beide uns einig sein. Vergessen Sie aber bitte nicht, dass es 80 weitere Prozent gibt. 80 % Normal-, Gut-, und Vielzugutverdiener, Vermögensmillionäre und -milliardäre, Kinder reicher Eltern. Unterstellen Sie Herrn Gauck doch bitte, dass seine Devise sich in der Hauptsache an diese 80 Prozent richtet, denn zum Einen sind es viermal so viel wie die 20 %, zum Anderen gehört er selbst zu den 80 %, und eine eigene Devise sollte doch für einen selbst auch gelten, oder? Dass Sie auf diese Lesart gar nicht gekommen sind, wundert mich, denn die von Ihnen so geschätzte Partei Die Linke wünscht sich vielfältige Maßnahmen, um die 80 % zur Unterstützung des Landes zu bringen – die Vermögensteuer sei hierfür nur ein Beispiel.

Sie beklagen – zu Recht! –, dass ein Leben mit Hartz IV alles andere ist, als eine Hängematte unter Palmen. Sie führen dies als Beleg dafür an, dass die deutsche Gesellschaft eine ziemlich schäbige sei, denn sie behandelt ihre Minderheiten so schlecht. Ich muss Sie allerdings dann bitten, mir aufzuzählen, in welchen Ländern dieser Erde vergleichbare Personengruppen (Arbeitslose, Niedriglohnempfänger usw.) einen besseren sozialen Stand haben; welche Gesellschaften also besser sind. Natürlich gibt es sie, aber Sie werden feststellen, dass Sie nach ein, vielleicht zwei Handvoll keine weiteren Gesellschaften mehr nennen können, dass wir im Weltvergleich also gar nicht so furchtbar sind, wie Sie an die Wand malen. Natürlich sind wir noch weit vom Paradies entfernt, und sollten alles geben, um es zu erreichen, aber ein wenig Anerkennung, dass unser Weg nicht der schlechteste ist, wäre meines Erachtens angebracht.

Zuletzt behaupten Sie, dass die Linke die einzige Gruppierung sei, die für mehr soziale Gerechtigkeit einstehe und kämpfe. Ich weiß, dass ich mich nun auf ein Minenfeld begebe, denn der unabhängige OHA erhält von linker Seite sehr viele Artikel, und wird dort sehr gerne gelesen. Dennoch gehört Ihre Behauptung in das Reich der Legenden (oder den Reißwolf). Laden Sie sich die Programme anderer Parteien herunter, oder schreiben Sie die Parteizentralen an, um diese zugeschickt zu bekommen. Ich wette, dass Ihnen mindestens einmal die Schuppen von den Augen fallen, wenn Sie aufmerksam gelesen haben.

Jan Geldsetzer

Jan Geldsetzer

Zuletzt stelle ich fest, dass Sie die Gestaltungsmöglichkeiten des Präsidentenamtes deutlich überschätzen. Seine Hauptaufgabe ist das Unterzeichnen von Gesetzen, wozu er qua Grundgesetz verpflichtet ist. Daneben besucht er Staats- und Regierungschefs anderer Länder und hält zu besonderen Anlässen grundsätzliche Reden. Ein fähiger Sozialpolitiker (und ich unterstelle Herrn Butterwegge, ohne ihn zu kennen, einfach einmal dieses Attribut) wäre an einer handlungsfähigen Schaltstelle wie dem Posten des Sozialministers um Welten besser aufgehoben.

Bitte verstehen Sie keinen dieser Punkte als persönlichen Angriff auf Sie selbst. Mir gefallen nur die Argumente nicht, die Sie zur Untermauerung Ihrer These benutzen.

Mit streitbaren Grüßen
Jan Geldsetzer, Peißenberg

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