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Nov 30 2011

Protestieren allein genügt nicht!

Herwarth Stadler

Herwarth Stadler

Widersprüchliche Signale in der Systemkrise

Ich muss selbst etwas tun und mich bewegen, um eine lebenswerte, die Würde des Menschen achtende Zukunft mitzugestalten. Verwirrend ist allerdings, was an widersprüchlichen Signalen jeden Tag auf uns einströmt:

Wachstum in Deutschland / Euro-Währungskrise / Euro-Rettungsschirm wegen nicht nur Irland/Griechenland, sondern auch vielleicht Belgien/Portugal oder Spanien/Italien / sinkende Arbeitslosenzahlen in Deutschland = Wachstum für alle!? / ärztliche Unterversorgung auf dem Land / US-Dollar-Staatsverschuldung = Pleite der USA? / Berg- und Talfahrten der Börsen / Spekulation mit Nahrungsmitteln / Hungersnöte usw.

Die oligopolistischen Mediengroßkonzerne spielen virtuos auf der Klaviatur der allgemeinen Verunsicherung, indem sie ihre demokratische Grundaufgabe, sachliche Infor­mation und verständliche Aufklärung, vernachlässigen und zielgerichtete Meinungsmache betreiben. Oft bedienen sie sich dabei der scheinbar unabhängigen Kompetenz von Hochschul­- und Universitäts-Professoren und -Fachinstituten.[1]

Da hilft im Moment nicht allzu viel: Mit den alten Rezepten wie »Abwarten und Tee trinken« sowie »Ruhe bewahren und Abstand gewinnen« ist gegen die sich ausbreitende Angst kein Blumenstrauß mehr zu gewinnen. Vogel-Strauß-Politik (sich einreihen in das sich erweiternde Heer der Nichtwähler) als Reaktion auf den zunehmenden Vertrauensverlust hilft auch nicht weiter, denn dann muss man alles schlucken, was die anderen allen eingebrockt haben. Die jüngsten Protestbewegungen werden kaum den benötigt langen Atem haben.

Ich schlage dagegen vor, schrittweise sich mit den Seinen aufzumachen und nacheinander aus einer Liste von Neuem jeweils den einen und anderen ersten Schritt auszusuchen und dann tapfer in die ungewisse Zukunft zu gehen. Kritisches Lernen, zusammen mit Gleichgesinnten, zuerst vielleicht Unbekannten, bringt uns selbst in Bewegung und kann die notwendigen Veränderungen anbahnen. Denn wer verharrt, gerät in Rückstand und verzichtet darauf mitzugestalten.

Eine Liste von nutzbringenden Handlungsmöglichkeiten ist im Buch »Welt mit Zukunft – Überleben im 21. Jh.« von Prof. Dr. F. J. Rademacher und B. Beyers[2] enthalten. Die darin empfohlenen Vorschläge sowie die von mir ergänzten Handlungsmöglichkeiten können wir alle Schritt für Schritt umsetzen:

  • Vermehrt Produkte aus lokaler ökologischer Produktion bzw. »Fair Trade« kaufen
  • weniger Fleisch und Meeresfisch, mehr regional erzeugtes Obst und Gemüse essen
  • zu Stichtagen das Münzgeld im Portemonnaie für einen guten Zweck ausgeben
  • öfter einmal Urlaub in der Nähe machen/persönliche Reisen und energieintensive Aktivitäten wie Flug-/Fernreisen freiwillig »klimaneutral« stellen
  • das Auto ab und zu stehen lassen und dafür radeln oder wandern
  • weniger auf den eigenen Vorteil bedacht sein
  • Sachbücher zu Fragen der (De-)Globalisierung, Nachhaltigkeit[3] und Zukunft[4] lesen
  • Nichtregierungsorganisationen (NGOs) unterstützen (attac, BUND, NWO etc.)
  • Newsletter einschlägiger Organisationen im Internet als E-Mail abonnieren
  • Zeit in ehrenamtliche, gemeinwohlorientierte Tätigkeiten investieren (beim Hospiz, BRK/JUH etc.) Gruppentrainerin beim Turnverein, bei den Trachtlern usw.
  • sich öffentlich für internationale Entwicklungszusammenarbeit aussprechen
  • »Spenden statt Geldgeschenke« als Prinzip für Feste und Events[5] propagieren

Öffentlich dafür eintreten und fordern, dass

  • jeder ohne Ausnahme und (leider oft legale) Trickserei seine Steuern bezahlt,
  • Steuerparadiese eingehegt werden (damit sie austrocknen)
  • die sog. TOBIN-Steuer für Finanzmarkttransaktionen[6] mit 0,1 Prozent[7] eingeführt wird
  • sich gegen den Begriff »Umverteilung« in Verbindung mit Besteuerung wehren

In der eigenen Wohnung / Im eigenen Haus:

  • für Wärmedämmung der Wände, bessere Fenster und Türen sorgen
  • das Warmwasser-/Heiz-/Stromsystem modernisieren z. B.: mit einem eigenen Mini-BHKW (Blockheizkraftwerk) im Keller oder die Regionalisierung der Energieselbstversorgung in den drei Landkreisen des Oberlandes[8] unterstützen

Für Geldanleger:

(ab etwa 3000 Euro über dem »Notgroschen«) und Zielsparer

  • in ethisch ausgerichtete Fonds, Unternehmen und Produkte investieren, d. h. bewusst nur solche Aktien/Fondsanteile kaufen, die weder Rüstung herstellen oder AKWs als Lieferanten bevorzugen, noch selbst ausbeuterisch produzieren bzw. solche Waren anbieten;
  • sich über Regionalgeld (Kom­plementärwährung)[9] in der Nach­barschaft informieren und dann bewusst mit eigenem Geld an der Verbreitung von Regionalgeld[10] und/oder an der ersten Gemeinwohlbank[11] in Südbayern[12] beteiligen.

Fangen Sie an, üben Sie erste Schritte in die Zukunft hinein und Sie werden überrascht sein über das Echo, wenn Sie es nicht nur im stillen Kämmerlein tun, sondern auch darüber mit anderen reden, also Erfahrungen austauschen, was ja unter anderem bedeutet, erkannte, erlebte mögliche Irrwege nicht doppelt gehen zu müssen oder in Absprache verteilt nach besseren Lösungen zu suchen.

Werden Sie sich bewusst, dass es not-wendig ist, auch politisch nicht passiv zu bleiben, sondern sich zu engagieren;[13] das heißt nicht, für eine Partei zu kandidieren, sondern im Freundeskreis, mit Verwandten das Thema »Wende zu mehr Gemeinwohl hin« immer wieder zu bereden, aufs Tapet zu bringen, damit langsam ein neues Bewusstsein entsteht.

Herwarth Stadler

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Deren Abhängigkeiten von einzelnen Konzernen und Privatgeldgebern kann man erst abschätzen, wenn man herausbringt, wie viel Geldmittel für Forschungsarbeit jeweils allgemein und speziell (mit indirekter Beeinflussung) geflossen sind
  2. siehe auch »Natur + Umwelt«, BUND-Magazin Heft 3, 89.Jg. (2007), S. 22 — im zit. Buch, erweiterte Neuauflage 20112. S. 376
  3. Worldwatch Institut (Hg.), Einfach besser leben, 2010, besonders S. 238 – 263
  4. Germanwatch (Hg.), 2008, Die Welt am Scheideweg: Wie retten wir das Klima?, besonders S. 251 – 301
  5. und sei es anlässlich einer Beerdigung »statt Blumen« eine Spende an den Hospizverein Pfaffenwinkel, Konto Nr. 866228, BLZ 70351030
  6. zuletzt von der EU-Kommission/EZB ins allgemeine Gespräch gebracht
  7. nicht nur die 0,01 bis 0,05 Prozent der Deutsch-französischen Zusammenkunft vom 17.08.2011
  8. Bürgerforum für das Oberland, WOR, Tel.: 08171-48 88 25
  9. Zeitschrift für Sozialökonomie, Pf 1320, 24319 Lütjenburg; »Humanwirtschaft«, Humboldstr. 108, 90459 Nürnberg
  10. der »Regio«, Geschäftführerin Monika Herz, Fritz-Husemann-Weg 6, 82380 Peißenberg
  11. siehe auch Margrit Kennedy, Geld ohne Zinsen und Inflation, ein Tauschmittel, das jedem dient, 2006; das WIR-System, S. 189ff, seit 1936 in der Schweiz, das Let-System, seit 1983 weit verbreitet von Kanada aus, S. 184ff, seit 2010 im Aufbau auch in Leipzig/Sachsen, seit über 30 Jahren das J.A.K.-System, S.193ff, in Dänemark und Schweden mit kleinen Unterschieden, darüber ist viel im Internet zu erfahren auf den S. 241f sind einige wichtige Webadressen aufgelistet.
  12. s. FN. 8
  13. R. David Precht, Die Kunst, kein Egoist zu sein

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