«

»

Jul 31 2010

Tagebuch einer Hochwasserkatastrophe

Wolken und RegenHochwasserkatastrophe
in Puget-sur-Argens

von Maria-Christine Maahs, einer Künstlerin, die im Pfaffenwinkel zur Schule gegangen ist und seit 1991 in der Gegend von Puget lebt – in einer Region, die im Sommer oft mit schweren Feuern zu kämpfen hat. Feuerwehr- und Flugeinsätze gehören dort zum „gewohnten“ Leben.

 

DIENSTAG, 15. Juni 2010

Stromausfall – Ärgerlich ja. Ich bin gefangen. Das Rolltor geht nicht auf. Niemand kommt jetzt aus meinem kleinen Viertel. Die Dämmerung beginnt. Wir Eingeschlossenen suchen nach Kerzen.

Die Stimmung wird nicht romantisch werden. Wer nicht im Flatterlicht Gitarre spielen kann, ist musikalisch aufgeschmissen. Das Essen wird höchstens ein Salat werden können. Pizza-Buden und McDo liegen außerhalb unserer kleinen Endwelt.

Und jetzt das noch! Mit einer ausschweifenden Geste habe ich eines meiner schönsten Gläser vom Tisch gewischt. Ich könnte mich ohrfeigen! Das war ein Unikat.

Mit den 2 cm Wasser im Erdgeschoss werde ich mich morgen befassen. Jetzt sehe ich ja kaum noch was. Bloß gut, dass ich rauche. Das Feuerzeug wird soweit die Nacht sichern.

Anrufen brauche ich niemanden: Das fixe Telefon läuft über Internet, also mit Strom, also ist es tot. Das Handy würde nichts bringen, weil weder ich raus noch ein anderer rein käme. Ja, ja, so werde ich mal wieder bescheiden. Ist eben doch irgendwie schön, wenn man/frau die EDF-Rechnung bezahlen kann und somit doch einen gewissen Luxus hat. Aber das hilft jetzt auch nichts.

Dass meine Arbeit heute wortwörtlich ins Wasser fiel, war kein Drama. Langeweile kenne ich nicht (außer…), aber da es bis zu unbestimmter Zeit nichts mit Bücher lesen oder Computer schreiben werden wird, sieht’s halt Kacke aus.

Mist auch, mein Kater hat meine Kerze umgeschmissen und ich hörte etwas anderes fallen. Ja, wieder mit Licht sehe ich, dass der Aschenbecher nun auf den Boden geleert war. Aber wo jetzt wieder der Handfeger?

Nein, da half nur noch schlafen. Etwas unruhig, weil das Wasser an die Scheiben trommelte und später dann endlos Hubschrauber zu hören waren. Dazu hatte ich eine einfache Erklärung für mich. Die Piloten würden Übungen machen. Im Sommer mit den großen Feuern fliegen sie auch unter schweren Bedingungen am Tag unter nachtschwarzem Himmel.

Gegen Mitternacht wurde plötzlich Licht und alles schien wieder zu laufen. Das dauerte 15 Minuten, dann wieder nichts mehr.

MITTWOCH, 16. Juni 2010

Die Hubschrauber flogen immer noch wie die Hummeln. Das Eingangstor war wieder auf und schließt seitdem nicht mehr. Per Handy versuchte ich Freunde anzurufen. Erst beim vierten Versuch kam ich gegen 11 Uhr bei jemanden durch. Pierre, in St. Raphael, hatte seit 10 Uhr wieder Strom und konnte mir nun bereits grob erzählen, was so ungefähr los sei.

Es ging um 10 Tote, es ging um Vermisste und unendlich viele Menschen, die evakuiert wurden und werden. Die Argens sei über die Ufer getreten. Tja, und ich wohne in Puget-sur-Argens.

Es gelang mir, meinen Bruder in Deutschland anzurufen, um ihm zu sagen, dass wenn was in den Nachrichten kommen würde, dass mir direkt nichts passiert sei. Er solle das auch meinem Papa ausrichten.

Das Unternehmen mir gegenüber war geschlossen. Es handelt sich dabei um das größte Medikamentenlager im Var. Apotheken und Krankenhäuser bestellen dort ihren Bedarf. In den Büros werden die Bestellungen aufgenommen, für jeden Fahrer werden Routen zusammengestellt und die zur Gesundheit erforderlichen Gifte werden in Plastik-Körbe sortiert. Die Auslieferung erfolgt meistens in der Nacht. Stillstand nur von 3 bis 5 Uhr morgens. Aber das war von Dienstag auf Mittwoch schon nicht mehr der Fall gewesen. Nun kamen trotz dieser Lage ein paar Fahrer an und fragten mich, was da los sei. Nichts, sagte ich.

Ich fuhr in die Bar im Zentrum von Puget, kam an abgesperrten Straßen vorbei. Überall Feuerwehr und Polizei. Klar hatten die in der Bar auch keinen Strom. Und schlimm war’s für die, die Pferdewetten machen. Da konnte auf nichts gesetzt werden. Man konnte nur reden und trinken, aber keinen Kaffee.

Dann trudelte Didier mit seinem Kumpel ein. Ja, mit den beiden hatte ich am Dienstagmorgen eine Verabredung gehabt wegen Eingangstor und einige Gitter am Haus streichen. Nachher sei auch noch einiges andere geplant. Vergessen, sagte Didier, von besagtem Tor sähe nur noch die oberste Spitze heraus. Sie wären um 6 Uhr morgens von einem Hubschrauber vom Dach gerettet worden. Der Hund habe sie zum Glück geweckt gehabt. In 30 Minuten sei das Wasser bei ihnen bereits auf 1,5 Meter gewesen. Scheiße auch. Vermutlich seien ihre 25 Schafe und die Hühner tot. Nun kamen Christoph und seine Frau an. Sie hatten Decken unter den Armen und einen kleinen Hund, den ich vorher mit ihnen nie gesehen hatte. Ich weiß, wo die Zwei wohnen… Da brauchte ich keine Fragen stellen. Auch alles futsch. Wir saßen auf der Terrasse, im Moment schien die Sonne. Jacques, mein üblicher Mittagskumpel, spricht wie ich eher amerikanisches Englisch, aber wir mischten uns in das Gespräch am Nachbartisch ein. Es war ein Pärchen aus Brighton. Gerade am Dienstag angekommen und durften nicht auf ihr Gelände mit ihrem Mobilhome und waren auf der Suche nach einem Hotel. Schwer, sagten wir, jetzt wären schon viele Touristen da und seit gestern Nacht seien mindestens 5.000 Einheimische ohne Dach dazugekommen. Leute wie Jacques, 80 Jahre alt, haben für solche Fälle immer vorgesorgt und haben ein Radio mit Batterien und können somit die Neuigkeiten mitteilen.

Zurück bei mir fand ich dann die Mutter meines Nachbarn vor dessen verschlossenem Rolltor sitzen. Sie hatte eine Plastiktüte dabei. Ich setzte mich zu ihr. Sie sagte mir, wo sie gewohnt hatte. Alles klar, auch da waren alle Anwesenden des Geländes vom Dach des Restaurants per Hubschrauber abgeholt worden. Das war der höchste Punkt auf diesem Camping-Gelände gewesen. Sie wären gut in der großen Turnhalle versorgt worden. Sie überlegte, wo sie ein Auto mieten könne, weil sie ansonsten nicht mehr wüsste, wie sie in die Arbeit kommt. Logisch, ihr Auto ist keines mehr. Nun fiel mir Didier wieder ein, stimmt, die hatten zwei Autos gehabt… Als ihr Sohn mit einem Kumpel eintrudelte, erbat ich einige Kerzen. Habe sie bekommen.

Ich rief meinen Vater per Handy an, weil es kurz vor den Abendnachrichten war und ich meinen Bruder kenne. Klar, dieser Schlamper hatte meinen Vater nicht informiert.

Ich trommelte meinen Lieblingsmann an. Der hob nicht ab und rief auch nicht zurück.

Nun gut, Kerzen hatte ich und konnte mich mal wieder in Handschreiben üben. Rex, mein Kater, schmiss dieses Mal auch nichts runter. Ich auch nicht. Die Hubschrauber surrten.

DONNERSTAG, 17. Juni 2010

Kein Strom bei mir. Auch kein Tabak mehr. Logisch, der Laden war am Mittwoch zu gewesen, weil ohne Strom eben keine Kassen funktionieren. Ich fuhr nach Puget mit dem Rest meines Benzins, weil Tanken ja auch nicht mehr ging. Ab 9 Uhr war jedoch Strom wieder da. Somit konnte ich mir Tabak kaufen. In der Bar gab’s dann auch nach einiger Wartezeit wieder Kaffee. Maschinen brauchen wie wir Menschen Aufwärmzeit. Didier kam an. Jemand habe ihm einen Traktor geliehen, er sei zu seinem Haus vorgedrungen. Er habe den Hund retten können. Der sei bis zum Hals im Wasser gestanden. Und überhaupt kamen da so einige Menschen im neuen Look an: Gummistiefel und erdverschmiert. Bei meinem niedrigen Benzinstand im Auto konnte ich mir keine Hin- und Rückfahrt zu mir erlauben und sagte mir, dass ich bis mittags in der Bar ausharren würde, bis eben Jacques ankommen würde. Draußen zog ich mir eine Zigarette rein und Jacques fuhr vor meiner Nase vorbei. Ich winkte wie eine Blöde. Und blieb in der Bar. Irgendwann kam er dann an. Schrecklich, der Mann ist so etwas von korrekt oder was. Zweimal sei er auf der Post gewesen, aber jedes Mal hätten die dann keinen Strom gehabt und er wäre an sein Geld nicht rangekommen. In der Zwischenzeit war wirklich wieder mal der Strom da und wieder weg. Nun fragten Touristen, wo sie Brot finden könnten. Wir Einheimischen zeigten freundlich, wo. Aber das half bald nicht mehr. Bäcker brauchen Strom um Brot zu machen. Somit gab es schnell kein Brot mehr. Dann kamen Stammkunden in die Bar und fragten, ob sie anschreiben lassen könnten, weil sie den Tabak auch schon anschreiben lassen mussten, weil dort im Moment eben auch nichts mehr ginge und schon gar keine Bankkarten funktionierten.

Ich liebe Schafe. Vielleicht bin ich selber eines. Jedenfalls erfuhr ich da auch, dass diese Herde, die seit Monaten durch meine Gegend kreuzt… ja, ersoffen ist. Neulich noch war ich wegen diesen Viechern blockiert, als ich auf dem Rückweg von der Arbeit war. Da überquerten sie die Brücke der Argens. Die Tiere strichen an meinem Auto vorbei. Mein Autofenster war offen, meine Hand versuchte die größtmögliche Menge von denen zu streicheln. War ein absolut schönes Erlebnis. Jetzt sind sie tot. Hoffentlich nicht deren Hütehund. Der ist/war ein ganz cooler. Nur der Schäfer wird mindestens moralisch total im Eimer sein. Und finanziell dazu.

Ja, gestern Nachmittag funktionierte fast alles wieder, jedenfalls in meiner Ecke. Nur es werden halt immer noch Tote gefunden. Leute, die einfach nach dem Einkauf ihr Auto ausleeren wollten, von einer Welle unter ihren Wagen gespült wurden und somit ersoffen sind.

Seit etwa 200 Jahren hätte es keine solche Regenattacke gegeben. 4 Kubikmeter auf einen Quadratmeter in so kurzer Zeit. Und wir Menschen betonieren und teeren ja alles zu.

Auch seit 20 Jahren würden Pläne vorliegen, dass man der Argens bei viel Regen wieder die Möglichkeit geben sollte, dass bei starkem Wasserfall sozusagen Ausweichbecken zur Verfügung stehen. Nichts wurde gemacht.

In St.Aygulf musste das Wasser abgesperrt werden, weil irgendwann halt die Kanalisation nicht mehr mitkommt. Alles Scheiße also.

FREITAG, 18. Juni 2010

Heute war die Bar ziemlich leer. Die Touristen saßen friedlich auf der Terrasse. Gut, dass ich wenig Freunde sah. Nur Jacques. Er konnte wieder Geld auf der Post holen. Die Zeitung habe ich auch gekauft, will sie jedoch nicht lesen. Ich vertrage im Moment nicht mehr üble Geschichten. Getankt habe ich auch und die Katzen haben ihr Futter.

Wenn ich es schaffen würde zu heulen, würde ich es tun. Es ist wirklich furchtbar schlimm. Nicht bei mir persönlich, aber drumherum.

Eure ganz, ganz furchtbar traurige Chris

SAMSTAG, 19. Juni 2010

Didier kam mit seinem Partner in der Bar an. Im aktuellen Look: Gummistiefel und erdbekleistert. Ja, das Wasser sei jetzt wieder weg, aber eben kein Wasser mehr da. Was heißt, bei ihnen läuft keines mehr aus der Leitung.

Aus diesem Grund werden auch in anderen Gemeinden je ein oder zwei Wasserflaschen pro Haushalt ausgegeben. Das Leitungswasser ist nicht mehr trinkbar.

Manche Orte wurden als Krise akzeptiert, andere nicht. Das wird Schwierigkeiten geben. »Sarkolein«, also unser Präsident, wird am Montag nach Draguignan kommen. Diese Stadt hat’s wirklich wild getroffen. Sie liegt sozusagen in einer Mulde. Im Winter ist es dort übel kalt. Im Sommer flirrt die Hitze. Im Moment schwirren eher die Abschleppwagen. Zu viele Autos sind durch die Stadt geschwommen.

Ach ja, Gisèle kam auch. Aus der Bouverie, das ist ein Ortsteil von Roquebrune. Aber die Straße sei wieder frei. Die Bouverie liegt hoch, also gab’s da eigentlich keinen Schaden. Nur aus dem Ort kam man eben nicht mehr raus, weil diverse Brücken unter Einsturzgefahr sind. Sie sei aber heute auf ihrem Dach gewesen, Tannennadeln runterkehren. Das habe sein müssen, weil sonst die Ziegel locker würden. Gisèle ist 60 Jahre alt und Witwe. Da stand kein Mann zur Seite.

Wir haben trotzdem gelacht. Patrick, unser Dorfdepp, war da. Er unterhielt uns mit seinen Plänen, wann er wo in eine Disco eingeladen sei, dass er eine neue Freundin per Internet gefunden habe. Ja, wegen der letzten würde er wegen seiner eingeschlagenen Nase dank deren Ex-Mannes bald vor Gericht sein… usw.

Morgen ist auch wieder ein Tag.

SONNTAG, 20. Juni 2010

Ja, der Himmel war blau und manchmal wolkig. Es tröpfelte und donnerte. Ich fuhr in die Bar. Jacques sagte mir, dass sein Auto im Stau einfach dauernd absterben würde. Peinlich irgendwie. Läge wohl am Wasser. Am Montag müsse er deshalb in die Werkstatt. Obwohl er eigentlich wisse, woran es liegen könne. Ich hörte mir seine fachlich/sachlichen Erklärungen an.

Danach setzte ich mich im sanften Tröpfeln neben den Tisch von Didier und seinem Partner.

Die kamen dann kurz in Streit wegen der Versicherungssachen. Ob dies oder das ginge oder eher doch nicht. Na gut, der Hund sei wenigstens zufrieden. Der schlafe jetzt in einem Auto, das nicht mehr fährt. Ansonsten gehe die Reinigung des 600 Quadratmeter großen Hangars sehr zäh voran. Jetzt fehle es eben irgendwie an Wasser.

„Strom habt ihr wieder?“, fragte ich freundlich.

„Doch, doch, aber keine Apparate mehr, die laufen! Absolute Stille!“. Stille. Okay.

Dann kam nach ihrem Abgang ein älterer Mann an, den ich vom Sehen kenne. Er hatte keine Kohle, wollte aber ein Glas Rotwein. Nein, eigentlich zwei. Seit Mittwoch sei er nicht mehr in der Arbeit gewesen. Seine Regenrinne habe das Wasser nicht verkraftet. Jetzt sei eine Zwischendecke eingebrochen – waren eben nur billige Spanplatten. Jetzt werde er das mit Holzplatten machen, die seewassertauglich sind. Nur die Lieferung werde noch etwas dauern.

Ach ja, der Kühlschrank und die Gefriertruhe seien auch Schrott. Er habe die Versicherung angerufen. Seit 20 Jahren zahlt er an die und wollte nie was von denen. Jetzt bieten sie ihm 60 € an. „Habe ich Sie richtig verstanden?“, habe er nachgefragt. „Doch!“, sei ihm geantwortet worden. Nun ist er sauer und will die Versicherung kündigen.

Montag, 21. Juni 2010

War eigentlich nichts Besonderes. Die ersten Beerdigungen fanden statt, die Krisenstäbe tagten und das Musikfest wurde abgesagt.

Dienstag, 22. Juni 2010

Die Zeitungen geben Hinweise für die Geschädigten. Besonders in Hinblick auf Versicherungen, Rechte und Hilfen.

Immer noch werden Tote gefunden. Immer noch gibt es Vermisste.

Es kommen viele private Spenden rein. Sei’s in Geld, sei’s mit Kleidung und anderem. Militär und andere bezahlte Helfer räumen die Häuser frei. Freunde auch.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Ich war heute zum ersten Mal seit der Katastrophe 10 Kilometer von mir weg und durchfuhr auf dem Weg nach Saint Aygulf zum ersten Mal im Hinterland eine betroffene Zone. An den Olivenbäumen hingen bis oben hin die Schilfteile, die ansonsten den Straßenrand säumen. Das was mal Weinstöcke waren und gerade im guten Blätteransatz: alles am Boden. Auf dieser Strecke befinden sich viele Glashäuser für Pflanzen und andere bogenförmige mit Plastikfolien überspannte Gebilde für Gemüse. Großteils zerfleddert. Viele Menschen waren am Zusammenrechen.

Danach kam ich hinter der Brücke der Argens an Häusern vorbei, wo so alles, was da vorher drin war, am Straßenrand auf Abtransport wartete. Es waren somit viele Kleinlaster unterwegs. Zäune gab es dort nur noch in horizontaler Lage. Der Zeltplatz neben der Brücke, mit seinen kleinen Chalets für den Sommer zu mieten, sah irgendwie verschoben aus.

Und dann ahnte ich, was auf mich zukommen würde. Ja, vor ein paar Wochen hatten sich da Romas oder eine andere Gruppe mit ihren großen Wohnwagen und Autos und Transportern auf einem riesigen Feld angesiedelt. Nicht, dass diese Leute besonders beliebt in meiner Gegend wären, aber da musste man einfach Mitleid mit ihnen haben. Was da alles auf die vierfache Fläche verteilt in sämtlichen Lagen vom Wasser weiter geschwemmt worden war! Abschleppwagen. Und wieder diese Berge von allem, was für die Müllhalden war. Die haben im Moment sowieso enorme Schwierigkeiten, die Anlieferungen zu verarbeiten. So geht es auch auf den Schrottplätzen zu. Die 250 Neuwagen, die da von einem Händler eingetroffen sind, sind nur ein Kinkerlitzchen.

Na ja, ich brauchte erst einmal einen Kaffee und danach einen Wein und ein paar Zigaretten, als ich auf der Terrasse im Longchamp von Saint Aygulf saß, bevor ich mich an meine Arbeit machen konnte.

Außerdem wartete ich auf Harry. Den brauchte ich zu meiner Arbeit. Ein ehemaliger Legionär, hart im Nehmen und falls notwendig auch im Geben.

„Auf welcher Straße bist du gekommen?“, wollte er wissen. Inlands sagte ich. Na ja, dann hätte ich eigentlich gar nichts gesehen. Am Strand seien die ganzen Restaurants Abbruchteile und überhaupt sei der Strand nicht mehr da. Es sei so viel Wasser in solch einer Geschwindigkeit ins Meer geschossen, dass es eine Rückwelle gegeben habe, die dann alles da unten abgeräumt hat. Zudem auch zwei große Zeltplätze nah am Meer.

Harry hat echt was in der Birne. Er erklärte mir dann mit sämtlichen physikalischen Ausdrücken die Geschwindigkeit und Kraft des Wassers.

„Ach ja, der Schweizer!“, sagte Harry, den habe er vorgestern gesehen, „Der wird nichts mehr!“

Ja, der Schweizer ist ein Sonderling. Ein Botaniker mit großen Kenntnissen, auch in Fossilien. Schwierig ist er und philosophisch sehr stark. Falls er mal mit jemandem redet. Er hatte mehrfach Angebote für Spitzenposten mit großen Gehältern abgelehnt – auch vom Botanischen Garten in Zürich. Nein, er wolle lieber arm bleiben und seine wissenschaftlichen Untersuchungen frei machen. Er ist zudem Spezialist für fleischfressende Pflanzen. Manchmal verkaufte er einige davon, um etwas zum Leben zu haben. Ja, und genau der Schweizer sei gerade noch aus seinem Wohnwagen rausgekommen. Er habe zu kämpfen gehabt, um die Tür überhaupt noch aufzubekommen wegen dem Wasserdruck von außen. Seine Glashäuser und Pflanzungen waren eh schon weg. Nun sei er also dabei gewesen, etwas weiter in die Höhe zu gehen. Da fing ihn ein junges Pärchen ab. Sie brauchten Hilfe. Da, noch etwas weiter oben würde die Oma leben. Nun schwammen sie also in Dreier-Kette von Aprikosenbaum zu Aprikosenbaum. Sie mussten aufgeben. Die Oma auch.

Am nächsten Tag sei sie tot gefunden worden.

Andere hätten nach Wasserablauf ein totes Pferd in ihrem Garten gefunden. Ja, Pferde gibt es in meiner Gegend ziemlich viele. Jetzt gibt es viel weniger.

Ich erfuhr auch, dass man an einem Staudamm in den Gorges de Verdun einige Schleusen aufgemacht hatte. Wäre der gebrochen, wäre die Katastrophe noch viel schlimmer gewesen. Also kalkulierte man ein »paar« Tote und Schäden doch ein, um Ärgeres zu verhindern. 1957 (oder 1956) gab es in Fréjus eine fürchterliche Katastrophe wegen Staudammbruch.

Da hatte es Jahre gebraucht, um alles irgendwie wieder aufzubauen. Jetzt dauert es wohl nur ein paar Monate. So kann und muss man das auch sehen.

Laut Versicherungen und anderen Hilfen soll es auch »nur« drei Monate dauern, bis Geld reinkommt. Was unter »Naturkatastrophe« fällt, ist in Verträgen sowieso oft ausgeschlossen. Und auch bei Autos kommt es darauf an, wie sie versichert sind. Sonst hat man eben Pech gehabt. Das betrifft natürlich wieder mal die, die eh schon wenig Geld haben.

Es ist anödend. Selbst unter blauem Himmel. Aber wir kriegen es schon hin, noch einiges zu schlucken.

Ach ja, Simone, die hatte mich letzten Dienstag Nachmittag angerufen, um mir zu sagen, dass es aus meiner gerade am Vortag beendeten Dachabgrenzung zu ihrer Terrasse tropft, und das genau auf die Wand, die ich frisch gestrichen hatte.

Während der Woche hatte sie Harry gefragt, wann ich denn mal endlich meine Arbeit beenden würde und zwischen Mauer und Plastik Silikon reinspritze. Das wurde gestern gemacht. Endlich!

Donnerstag, 24. Juni 2010

Ich habe Simone gerade angerufen, um ihr das mitzuteilen. Doch, sie habe das gesehen. Es sei kein Schaden auf ihrer Terrassenwand entstanden.

Soweit so gut und so schlecht.

Bei euch in den Nachrichten ist das vermutlich kein Wort mehr wert.

Liebe Grüße von Chris

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte bleiben Sie sachlich. Beiträge mit beleidigenden oder herabwürdigenden Inhalten oder Aufrufen zu Straftaten werden ebenso gelöscht wie solche, die keinen Bezug zum Thema haben. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht!

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>