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Nov 30 2017

„Wenn einer eine Reise tut …“

Foto: Hans Schütz

Hans Schütz

Hinreise: Für zwei Tage fahre ich Anfang Oktober ins Walderlebniszentrum Urschlau bei Ruhpolding. Wie es sich für einen Umweltbewegten gehört, entscheide ich mich für öffentliche Verkehrsmittel, und zunächst geht auch alles glatt.

Der Zug aus Schongau kommt punktgenau in Peiting Nord an, die Fahrkarte habe ich schon stressfrei am Tag zuvor gelöst, ich steige ein und freue mich auf das Treffen im Gebirge. Auch Weilheim erreicht der Zug pünktlich, obwohl er, wie immer, in Peißenberg einige Minuten warten muss, bis der Gegenzug durchgekommen ist. Ebenfalls überraschend fahrplankonform – denn das war schon öfter nicht der Fall – fährt auf Gleis 1 die Bahn nach München heran. Trotz der zahlreichen Berufs-, Uni- und Schulpendler finde ich sogar noch einen Sitzplatz. „Läuft ja wie geschmiert“, denke ich zufrieden.

Aber, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben! Eigentlich müsste der Zug längst losgefahren sein, doch nichts bewegt sich. Unruhe kommt trotzdem kaum auf, der Wagen scheint nämlich voll mit erfahrenen Bahnreisenden zu sein, und die sind ja einiges gewöhnt. Nach mehr als zehn Minuten höre ich eine Durchsage. Man entschuldigt sich für die Verspätung, aber ein anderer Zug sei noch auf den Schienen und blockiere daher die Weiterfahrt. Nach weiteren fünf Minuten geht es dann doch endlich los. Ich habe in München gut dreißig Minuten Zeit zum Umsteigen. „Alles im grünen Bereich“, beruhige ich mich. Ich genieße die Aussicht auf einen traumhaften Sonnenaufgang mit Morgenrot und Gebirgskulisse im Dämmerlicht. Schon ist Tutzing in Sicht.

Aus unerklärlichen Gründen hält nun der Zug wenige hundert Meter vor dem Tutzinger Bahnhof. Diesmal erfolgt keine Durchsage, dafür geht es schon nach fünf Minuten weiter. Auch in Starnberg stehen wir eine Zeit lang. Jetzt ist mir klar, dass das in München doch eine enge Kiste werden wird. Dummerweise sitze ich am hinteren Ende des Zugs. Das heißt, dass ich in München einen ziemlich langen Weg haben werde. Ich muss nämlich vom sogenannten Starnberger Bahnhof an das andere Ende des Hauptbahnhofs zum Zug Richtung Salzburg. Die Bahnauskunft setzt für diese Fußstrecke zehn Minuten an. In Pasing hetze ich aus meinem Abteil und nutze den kurzen Aufenthalt, um so weit wie möglich am Zug entlang nach vorne zu kommen. Gerade noch rechtzeitig springe ich weiter vorne wieder hinein. In den Münchner Hauptbahnhof schleicht mein Zug im Schneckentempo. Schon seit der Hackerbrücke stehe ich an der Tür, um so schnell wie möglich meinen Weg ans andere Ende aufnehmen zu können. Zehn Minuten habe ich nicht mehr, eher nur noch fünf.

Mit dem Rucksack und einer schweren Reisetasche renne ich endlich los. Ständig habe ich aber langsamere Reisende vor mir, oft in Gruppen, oder in Paaren nebeneinander, ebenso ist die Zusammensetzung der Entgegenkommenden, die – wie nicht anders zu erwarten – immer in die falsche Richtung ausweichen. Wie im Slalom und mit ständigen Tempowechsel renne ich voran, dabei wechselt die schwere Tasche immer wieder die Seite. Endlich erreiche ich meinen Anschlusszug, stürme in das erste Abteil und kaum komme ich langsam wieder zu Atem, setzt sich auch schon der Zug in Bewegung.

Erstaunlicherweise geht bis Traunstein alles reibungslos. Hier habe ich fast eine Dreiviertelstunde Aufenthalt und nutze die Reiseunterbrechung zu einem Cafébesuch, ehe es weiter nach Ruhpolding geht. Dort angekommen sehe ich auch schon den Ortsbus, der mich laut Internetrecherche in wenigen Minuten an mein Reiseziel bringen soll. Sicherheitshalber frage ich den Fahrer, ob dieser Bus zum Walderlebniszentrum nach Urschlau fährt. Ich erhalte die Auskunft, dass das der falsche Bus sei, der nach Urschlau käme erst in einer Stunde.

Im Bahnhofsgebäude befindet sich auch ein Büro der örtlichen Touristinfo. Hier erkundige ich mich nach dem nächsten Bus zum Walderlebniszentrum. „Da fährt er gerade!“, erklärt mir die Frau hinter dem Schalter und zeigt durchs Fenster auf die Rücklichter des Busses, bei dessen Fahrer ich mich doch gerade noch erkundigt hatte. Als ich diese Tatsache schildere, meint die freundliche Dame: „Mei, des is a Ausländer. Der hot Sie sicher falsch verstandn!“ Als ich dann auch noch erfahre, dass der nächste Ortsbus zu meinem Zielort erst am Nachmittag fährt, lasse ich mir ein Taxi rufen. Ziemlich genervt erreiche ich eine halbe Stunde später das Walderlebniszentrum. Den Vormittagskurs habe ich komplett verpasst, aber immerhin, rechtzeitig zum Mittagessen bin ich endlich da.
Heimreise: Eine Kursteilnehmerin, die am Ammersee zuhause ist, erklärt sich bereit, mich auf dem Heimweg in ihrem Auto mitzunehmen. Sie könne mich problemlos in Weilheim am Bahnhof absetzen, das läge sozusagen direkt an ihrem Weg. „Prima“, denke ich,­ „das erspart mir sicher einige weitere Unannehmlichkeiten mit dem öffentlichen Verkehrssystem.“

Am Nachmittag des nächsten Tages, nach dem Abschlusskaffee, schichten wir unser Gepäck in den Kofferraum eines SUV. Eine weitere Teilnehmerin ist auch mit von der Partie, von der ich annehme, dass auch sie nach Weilheim will, um von da aus per Bahn Richtung Garmisch weiterzufahren. Schon an der ersten Kreuzung sind die beiden Damen sich nicht einig, ob wir richtig abgebogen sind. Also kehren wir nach einer längeren Diskussion und bereits zurückgelegten fünf Kilometern wieder um, nur um im nächsten Kreisverkehr festzustellen, dass wir zunächst doch auf der richtigen Strecke zur Autobahn gewesen sind. „Was soll’s“, denke ich mir, „im Vergleich zu den Verspätungen der Bahn bei der Hinfahrt sind das Kinkerlitzchen. Und außerdem pressiert es mir ja nicht.“

Kaum sind wir auf der Autobahn Richtung München unterwegs, stehen wir auch schon im ersten Stau. An einem ganz normalen Werktagnachmittag, kein Wochenendverkehr, keine An- oder Rückreisewelle, keine Stoßzeit. Das Rätsel löst sich nach einigen Kilometern im Stop and Go auf: Die drei Fahrspuren verengen sich hier zu zwei Fahrbahnen. Der enorme Verkehr – eine Spur gehört fast ausschließlich den Lastwagen, die aus halb Europa kommen – staut sich an diesem Flaschenhals kilometerweit nach hinten. Immerhin, zwar zähfließend, aber ohne weitere Staus geht es nun bis zum Irschenberg, wo wir die Autobahn verlassen.

Kaum haben wir aber Miesbach erreicht, stockt der Verkehr erneut. Unsere Autoschlange quält sich im Schneckentempo, von mehreren Verkehrsampeln immer wieder ganz gestoppt, um die Stadt. Doch jetzt scheint es, als ob das Verkehrsaufkommen geringer wird. Mehrere Minuten lang kommen wir tatsächlich recht flott voran und ich fange bereits zu rechnen an, wann wir wohl in Weilheim sein werden. Aber denkste! Erneut stehen wir in einer Blechschlange, die sich ewig weit einen Hang hinaufzieht. Dabei sind wir noch mindestens sieben Kilometer von den nächsten Ampeln in Bad Tölz entfernt. Aber wir haben das Pech, genau in den Feierabendverkehr geraten zu sein. Auch das Navi kennt keine Alternative und so heißt es, sich in Geduld zu üben. Nur jeweils wenige Meter geht es immer wieder vorwärts und so dauert es fast eine Dreiviertelstunde, bis wir endlich die letzte Tölzer Ampel passieren können.

Jetzt erfahre ich auch noch, dass die Mitfahrerin gar nicht nach Weilheim, sondern nach Uffing am Staffelsee gebracht wird. Erneut ist meine Zeitrechnung somit Makulatur. Immerhin – es ist schon längst dunkel – erreiche ich den Weilheimer Bahnhof dank meiner jetzt flott fahrenden Kollegin genau so günstig, dass ich gerade noch im letzten Moment den Zug nach Peiting erwische.

Ja, wenn einer eine Reise tut, …

Hans Schütz

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