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Mrz 31 2014

Wessobrunn und die Wiege der Moderne

Foto von Heiko Folkerts

Heiko Folkerts

Friedrich Kurrent, Ordinarius für Entwerfen, Raumgestaltung und Sakralbau an der TU München, schrieb 1995 über die Aktualität der barocken Baukunst:

Trotz unserer fortgeschrittenen Bautechnik und all der neuen Baumaterialien erreichen wir keine derartigen Raumschöpfungen, wie wir sie in den besten architektonischen Werken der Barockzeit hauptsächlich in den Beispielen der Sakralbaukunst besitzen. Also liegt es nicht am Materiellen, sondern im Geistigen.

Eines der bedeutendsten führenden Zentren dieser barocken Baukunst in Europa lag sicherlich hier in Wessobrunn, wenn es überhaupt eine vergleichbare Schule dieser Größenordnung gab, so ist es schon verwunderlich, dass es weit ab von den Metropolen der damaligen Zeit in der entlegenen Natur des Pfaffenwinkels diese bedeutende Kulturschmiede mit bis zu 300 Mitarbeitern und 600 namentlich bekannten Stuckatoren und Baumeistern gab. Über viele Generationen hinweg entwickelte sich im Kloster Wessobrunn aus dem Handwerk und Kunsthandwerk heraus die Einzigartigkeit dieses bayerischen Barockstils.

Wie konnte es zu dieser genialen Kirchenbauschule im 17. und 18. Jahrhundert kommen?

Am Beispiel ihrer berühmtesten Vertreter, den Gebrüdern Zimmermann, erkennt man, dass es einerseits sicherlich die individuelle Begabung von Dominikus und Johann Babtist Zimmermann war, die ihre Hauptwerke die Wieskirche bei Steingaden und die Wallfahrtskirche in Steinhausen unvergleichbar machen, andererseits prägte sie der reiche, über Generationen gesammelte Erfahrungsschatz der Wessobrunner Meister. Keine mir bekannten Kirchenbauten verfügen über diese eleganten hochkomplexen Raumschöpfungen, über diese schwungvollen sicheren Linienführungen und vornehme Proportionalität im inneren und äußeren Erscheinungsbild.

Kein Bauwerk strahlt so viel Lebensfreude aus, hat so viel lichtdurchfluteten, reichen Formenschmuck und dennoch so viel bewusste, vornehme Zurückhaltung. In den ruhigen Farbverläufen und im geordneten Gesamterscheinungsbild erkennt man besonders die elegante Zurückhaltung und die Weltklasse eines zimmermannschen Barocks. Nicht umsonst gehört die Wieskirche zu unserem heutigen Weltkulturerbe.

Der Baumeister von ihnen, Dominikus, erlernte als junger Geselle in Wessobrunn die Formung der Gipsmassen des Stuckmarmors, die er kunst- und kraftvoll mit den bloßen Händen formen musste und dies schon bald meisterhaft beherrschte. Die besten Stuckmarmorierungen sind von den natürlichen Formen des Marmors kaum zu unterscheiden. Mit gleichem Geschick und gleicher Vorstellungskraft formte er gleichsam später seine Kirchenräume als florale Verflechtung von Raum und Ornament zu seinen Gesamtkunstwerken.

Schon Albrecht Dürer sagte: »Die Kunst steckt in der Natur; wer sie herausreißen kann, der hat sie.«

Diese Weisheit und Naturverbundenheit ist in den Kirchen und Klöstern der Wessobrunner Schule bis heute zu spüren und greift vielen Ansätzen der heutigen Moderne, aber auch des Jugendstils schon weit voraus.

Ist es Zufall oder gibt es kulturelle Verbindungen, Wissen und Überlieferungen über die Zwischenzeit dieser hundert Jahre? Ist es Zufall, dass gerade in diesem Süddeutschen Raum, nach meinen Forschungen und Erkenntnissen, maßgeblich die Wiege der Moderne und Architekturmoderne zu suchen ist? Hier am Hohenpeißenberg hatte 1882 der Lebensreformer und Maler Karl Wilhelm Diefenbach seine bahnbrechenden Visionen, hier wirkten einflussreiche Persönlichkeiten wie der Architekturprofessor der Münchener Schule Theodor Fischer, der Gartenarchitekt Alwin Seifert, der Naturphilosoph Gustl Gräser, Carl Orff, Thomas Mann, um nur einige zu nennen. Hier wurden bedeutende Organisationen gegründet wie der Werkbund, der Blaue Reiter, die Theosophische Gesellschaft. Die Anthroposophen wollten in München ihr Goetheanum bauen. Hier entstanden erste ökologische Bestrebenden und das ökologische Bauen.

Diese wichtigen Verbindungen und Hintergründe noch weiter zu erforschen und zu dokumentieren wird zukünftig unsere Aufgabe sein. Umso wichtiger ist es, dass diese Denkmale der internationalen Kulturgeschichte wie hier das Kloster Wessobrunn weiter in vollem Umfang erhalten bleiben und gepflegt werden.

Bei der geplanten Nutzung des Klosters als Klinik droht aus fachlicher Sicht ein radikaler Innenausbau bei dem die wertvolle Substanz der Zeitepochen und die Stuckaturen der verschiedenen Wessobrunner Meister großteils unwiederbringlich verloren gehen werden. Eine schonendere, langfristiger gedachte Nutzung wäre aus meiner Sicht dringend angeraten.

So wäre eine teilweise Nutzung des Klosters als Bauakademie oder als Bau- und Meisterschule vielleicht für ökologisches Bauen historisch gesehen konsequent und wünschenswert und wurde nach meinem Wissensstand außer als Stuckatorenschule noch nicht geprüft.

Jedenfalls ist es gerade heute unsere Aufgabe, diese bedeutenden kulturgeschichtlichen Zusammenhänge in Bayern wieder zu betonen und herauszuarbeiten und das Kloster Wessobrunn als herausragendes Denkmal der bayerischen und europäischen Kulturgeschichte ersten Ranges für zukünftige Generationen weiter zu sichern.

 

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