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Dez 31 2016

»Zwei Engel« am Heiligabend – Der Weg zum Gottesdienst

Bei Schneegestöber mit dem Rollstuhl zur Basilika in Altenstadt

Foto Basilika AltenstadtImmer wieder richte ich meinen Blick zum Fenster. Es schneit ununterbrochen. Und ich wollte doch heute Abend – wie auch in den vergangenen Jahren – mit meiner Mutter zum Weihnachtsgottesdienst in die Basilika im Nachbarort. All die Jahre hatte es das Wetter gut mit uns gemeint, d. h. der Boden war gefroren und mit relativ wenig Schnee bedeckt. Bei solchen Bedingungen lässt sich der Rollstuhl ganz gut vom Altenheim bis zur Kirche schieben. Aber heute will der Schnellfall nicht aufhören und so langsam wird mir klar, dass dieser Heilige Abend wahrscheinlich ohne Gottesdienstbesuch enden würde. Ohne wirklich die Hoffnung zu haben, dass es klappen könnte, rufe ich den netten Herrn vom Fahrdienst an. Es tue ihm wirklich leid, aber heute sei zwar Heiligabend, aber auch Freitag, da haben sie immer die Dialysefahrten und da sei leider keine Lücke mehr. Auch nicht nur für die Hinfahrt. Doch gerade der Hinweg ist das Problem, denn den muss ich alleine bewältigen. Beim Rückweg kann dann mein Mann beim Schieben helfen.

Der Schneefall lässt nicht nach, aber ich will es unbedingt versuchen. Wer weiß, ob meine Mutter das nächste Weihnachten noch erleben wird.

Es ist nicht sehr kalt, aber ein ziemlich heftiges Schneegestöber. Also packe ich meine Mutter warm ein und sage: „Versuchen wir es einfach mal. Wenn es nicht geht, dann müssen wir eben wieder umkehren.“ Der ungeteerte Fußweg entlang der Hangkante ist nicht geräumt und nach wenigen Metern muss ich die erste Pause einlegen. Dann stemme ich mich mit vollem Körpereinsatz  gegen den Rollstuhl und kämpfe mich wieder einige Meter weiter. Es ist lange her, dass ich bei etwas so viel Kraft aufwenden musste. Mama hat schon ganz rote Backen, denn der Wind bläst ihr den nassen Schnee ins Gesicht. Sie versteckt sich etwas unter ihrem Cape, signalisiert aber eindeutig, dass sie nicht umkehren möchte. Schließlich war sie auch vor dem Schlaganfall vor sechs Jahren jedes Jahr am Heiligen Abend zu diesem Gottesdienst gegangen – für sie gehört das einfach zu Weihnachten dazu.

Meter um Meter kämpfe ich mich voran. Wenn ich es bis zum geteerten Weg schaffe, geht es bestimmt leichter – dieser Gedanke gibt mir Kraft. Und wirklich, für einige Meter lässt sich jetzt der Rollstuhl etwas besser schieben. Dann noch über die Hauptstraße. Wenigstens kommen heute keine Autos. Gleich werde ich die Abzweigung nach links erreichen und – auf hoffentlich gut geräumten Wegen – die restliche Strecke zurücklegen können. Aber welche Enttäuschung! Der Schneepflug hat den Weg, den ich benutzen will, komplett zugeschoben. Diesen Schneehaufen kann ich auf keinen Fall überwinden. Also bleibt nichts anderes übrig, als auf dem kleinen Fußweg weiterzugehen.

Schon nach wenigen Metern erreiche ich die Stelle, an der der Fußweg mit einer kleinen Brücke die Umgehungsstraße überquert. Schlagartig wird mir klar, dass ich da unmöglich weitergehen kann. Es geht nämlich erst bergab, dann auf der Brücke über die Umgehungsstraße und anschließend ziemlich steil wieder hinauf. Schon im Sommer ist das eine Herausforderung. Aber jetzt ist das mit dem Schnee und der damit verbundenen Glätte alleine sicher gar nicht zu schaffen.

Ich lasse meine Mutter kurz alleine stehen, um mir den Zustand des Weges anzusehen. Aber es ist – wie befürchtet – überhaupt nicht geräumt oder gestreut. Ich kapituliere und gehe enttäuscht zurück, um den Heimweg anzutreten. Ganz schön heftig, wenn ich den ganzen beschwerlichen Weg wieder alleine zurück schaffen muss.

Gerade als ich das meiner Mutter erklären möchte, tauchen wie aus dem Nichts mitten im Schneetreiben zwei Gestalten auf. Ein Ehepaar, das ebenfalls auf dem Weg zur Basilika ist und sofort Hilfe anbietet. Gemeinsam schaffen wir die restliche Strecke und kommen vollkommen weiß eingestaubt und kaputt, aber gerade noch rechtzeitig zu Beginn des Weihnachts-Gottesdienstes an. Unterwegs erzählen mir die beiden noch, es sei das erste Mal, dass sie am Heiligabend den Gottesdienst in der Basilika besuchen und sich – auch noch ganz zufällig – für diesen Weg entschieden hätten.

Für meine Mutter war es nicht das letzte Weihnachten. Es folgten noch viele Heilige Abende, an denen wir gemeinsam den Gottesdienst in der Basilika besuchen durften. Meist war das Wetter wunderbar und oft leuchtete uns auf dem Heimweg vom klaren Himmel der Vollmond den Weg aus. Und jedes Mal musste ich an diesen einen Heiligen Abend denken, an dem ich so unvernünftig war und meinte, es müsse unbedingt sein. Und noch heute erinnere ich mich dankbar daran, dass mir der Himmel »zwei Engel« zu Hilfe geschickt hat – gerade zum richtigen Zeitpunkt – wie in einer schönen überlieferten Weihnachtsgeschichte.

Renate Müller

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