
Personen: Elvira und Sebastian Gruber (beide 38) und Vater Herrmann Gruber (69) nachmittags auf der Terrasse der jungen Grubers in Huglfing
E: Und, Schwiegerpapa, hast du dich in der neuen Wohnung in Murnau schon einigermaßen eingelebt?
H: Ja, Elvira. Du, und mich freut ganz besonders der freie Blick auf unser Gebirge.
S: Der ist ja wirklich einmalig. Du bist zu beneiden, Papa.
H: Ja, ihr zwei, und jetzt habe ich auch wieder Zeit zum Lesen. Ja, und so gibt es inzwischen nichts Schöneres für mich, als am Südfenster zu sitzen, die Alpspitze vor Augen zu haben und dazu etwas Interessantes zum Lesen auf den Knien.
E: Das freut mich, Herrmann. Denn nach dem tragischen Tod deiner Frau hatten wir ja den Eindruck, dass du den Boden unter den Füßen verlierst.
H: Ich muss unserem Herrgott danken, dass das nicht passiert ist. Aber dazu passt, was ich erst vor kurzem in der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“ gelesen habe. Ja, ihr zwei, dort hat nämlich ein renommierter Professor in einem Beitrag eigentlich nur angedeutet, dass der Mensch seine Lebensweise radikal umstellen muss, und dass er nicht länger mächtigen Akteuren folgen darf, die ihn davon abhalten wollen.
E: Lieber Schwiegerpapa, das deckt sich gut mit dem, was ich mir schon eine Zeit lang denke. Ich meine nämlich, dass ein großer Teil der Menschheit inzwischen ein viel zu aufwändiges und nicht mehr haltbares Leben führt.
S: Du, Papa, du glaubst es nicht, was der Elvira in den letzten Jahren so alles durch den Kopf geht. Allerdings kann ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn mein Arbeitsplatz beim Technikriesen Siemens dagegen steht.
E: Und das führt inzwischen immer wieder zu ganz elementaren Diskussionen, die uns nicht selten überfordern.
S: Mich blockiert da vor allem mein ingenieurmäßiges Denken, weil ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass wir den Einsatz massiver Technik jemals zurückschrauben können.
E: (mit Blick auf den Schwiegervater) Und ich habe nicht genügend Kenntnisse, um unsere Zukunft halbwegs überzeugend beschreiben zu können. Ich bin mir allerdings schon dahingehend sicher, dass die Menschheit im Grunde von einer relativ kleinen Clique auf ihren umweltschädlichen Kurs gebracht wurde und von diesen Leuten nach wie vor in diese Richtung gedrängt wird, was ja der von dir erwähnte Professor offenbar auch so sieht.
S: Diese Clique, Papa, wird vom Eroberergeist getrieben, was heute nicht nur ihre Bemühungen in Sachen Weltraum belegen. Diese Leute kennen nur den Vorwärtsgang und drehen schier durch, wenn sich jemand dagegen stellt.
E: Sich dagegen stellen, Schwiegerpapa, ist aber gerade heute äußerst schwierig, wenn dir nicht jemand zur Seite steht. Da genügen weder die Grünen noch der Club of Rome. Es fehlt schlicht und einfach ein weltweiter Strom von Leuten, die in der Lage sind, unseren Weg in eine gangbare Zukunft umfassend und überzeugend zu beschreiben.
H: Ja, ihr zwei, ihr habt jetzt recht deutlich geschildert, in welcher Situation sich die Menschheit derzeit befindet, und so fällt es mir nicht leicht, sie nicht als ausweglos einzuschätzen. Aber dein Verweis auf einen weltweiten Strom, liebe Elvira, hat durchaus Gewicht und der wird sich vielleicht auch bald aufbauen, weil es ja fast keinen Winkel mehr auf unserer Erde gibt, auf dem die Fahrt der letzten Jahrzehnte nicht als Irrfahrt angesehen wird.
S: So ist es, Papa. Aber, Papa, wie wird und kann die Clique reagieren, falls sich tatsächlich ein Strom gegen ihre Linie in Bewegung setzen würde?
H: Diese Leute werden zugestehen, dass sie bei ihrem Vorgehen die Natur zu wenig beachtet, also eine unvollständige Rechnung aufgemacht haben, und werden sich schließlich in den großen Strom eingliedern.
Guggera



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