Der große Bruder

Personen: Renè (15), Sandro (15), Gregor (16) und Konstantin (17) nach einem Tennismatch (Doppel) bei Fanta und Spezi auf einem privaten Tennisplatz in Herrsching

K: Echt, Sandro, seit du bei den Bayern in deren Tennisgruppe trainierst, ist dein Aufschlag kaum mehr zu retournieren.

S: Du übertreibst, Konsti.

R: Und seine Stoppbälle sind Weltklasse.

G: Dreimal in der Woche nach München fahren, ist allerdings auch keine Kleinigkeit.

S: Passt bei mir, weil ich bei meinem großen Bruder mitfahren kann, der in München mit seiner Freundin einen Secondhandladen betreibt.

G: Sandro, hast du nicht einmal gesagt, dass dein Bruder bei der Letzten Generation mitmischt?

S: Ja, der Tristan ist von Anfang an dabei, und seine Freundin auch.

K: Secondhandladen … Letzte Generation … Training beim FC Bayern … Tennisspielen hier bei uns … du, das passt doch nicht so recht zusammen, oder?

S: Stimmt, das passt eigentlich nicht so recht zusammen.

G: Und mir ist nicht so ganz klar, welches Ziel die Letzte Generation im Auge hat.

S: Der Tristan sagt nicht viel, er lässt aber schon heraus, dass der moderne Mensch ein zu aufwendiges Leben führt, dass er mit seinem hohen Energieeinsatz den Klimawandel verursacht, dass er zu viele Rohstoffe verbraucht, dass er den Boden und die Meere verseucht, und so der jungen Generation ein schweres Erbe hinterlässt.

G: Das ist wahr, ist aber eigentlich nicht zu ändern, oder? (schaut fragend in die Runde)

R: Mein Vater meint, die wollen uns nur in die Steinzeit stürzen.

K: Das ist arg übertrieben, Renè. Meinen Eltern fällt es allerdings auch nicht leicht, eine Linie für die Zukunft zu finden. Unser Betrieb wurde von meinem Urgroßvater gegründet. Bis vor etwa dreißig Jahren bestanden nicht die geringsten Zweifel am Wirken unseres Hauses; aber Papa und Mama sehen inzwischen ein, dass sich unser Weg eine gravierende Änderung gefallen lassen muss; den Betrieb betreffend und auch unser Privatleben.

S: Respekt, Konstantin!

G: Blöd ist nur, dass sich fast die ganze Welt auf einen neuen Weg begeben müsste.

R: Das will doch die Welt gar nicht, Gregor! Wir brauchen Fortschritt, sagt mein Vater, dann beherrschen wir auch den Klimawandel und das Artensterben.

S: Der Tristan sagt, dass wir ein bescheideneres und einfacheres Leben annehmen müssen, ein naturnäheres, das schöner sein wird, als ein Leben, das sich zunehmend auf Technik stützt und auf immer mehr Aufwand, was unser Leben ja nur hektisch macht.

K: Es wird sicher schwierig werden, den rechten Weg in die Zukunft zu finden. Dennoch sagen auch meine Eltern, dass wir um gravierende Änderungen unserer Lebensweise nicht herumkommen.

R: Und wie soll das laufen, Konsti? Ich will nicht zurück in die Steinzeit!

G: Unser Mathe-Lehrer sagt, das ist eine einfache und absolut schlüssige Rechnung. Wenn unsere Lebensweise das naturverträgliche Maß überschreitet, dann muss es um das Übermaß gekürzt werden.

R: Und wer setzt das Maß?

G: Das ist ebenfalls ganz einfach. Den Zähler setzt die Natur mit ihren Gesetzen.

R: Meine Eltern sagen, dass sie sich von Naturschützern und Klimafetischisten nichts vorschreiben lassen wollen.

K: Die Naturgesetze sind keine Erfindung des Menschen. Sie haben alle universelle Gültigkeit, genauso wie die Lichtgeschwindigkeit.

S: So redet auch Tristan. Wir müssen unser Leben nach dem ausrichten, sagt er, was die Natur verträgt.

R: Also bloß mehr mit dem Rad fahren, keine Malediven und nur mehr das essen, was bei uns wächst. Meint er das so?

G: Wahrscheinlich denkt die Letzte Generation in diese Richtung.

K: Meine Eltern haben sich inzwischen dahingehend geeinigt, dass das Haus Seewald, Familie und Unternehmen, den Fußabdruck, den es verursacht, deutlich reduzieren muss.

R: Und glauben deine Eltern, dass sich der Rest der Welt auch so entscheiden wird?

K: Sie hoffen es.

Guggera

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