L wie … Leo

Irmgard Deml, Weilheim

An schönen Erinnerungen, die Situationen und Menschen von früher wiederbeleben, erfreuen sich vermutlich viele von uns und Bilder, Berichte und Ähnliches können dazu beitragen, Gewesenes erneut präsent zu haben und uns auch heute noch schöne Momente oder gar Stunden bescheren.

Der Name des neuen Papstes, Leo XIV, erinnert mich immer wieder an Pater Leo Weber aus Benediktbeuern, der katholischer Priester, dazu ein phänomenaler Kirchen- und Kunsthistoriker war. Als eine Freundin im Kreuzgang des Klosters eine Ausstellung hatte, lernte ich ihn ein wenig näher kennen. Zur Vernissage war ich sehr früh dran und begegnete ihm, als er mit von ihm kalligraphisch beschriftetem, langem Papier dort war. Er wünschte sich, dass dieses oberhalb einer Bildreihe befestigt würde. Da meine Freundin das befürwortete und sie wusste, wo sich eine Staffelei befand, brachte ich unter seiner Anleitung das Geschriebene an.

Es ergab sich dann, dass wir zu viert – drei Damen und er – die alte Pinakothek in München besuchen konnten. Diese war sein Element und er erläuterte uns etliche Gemälde näher. Sein Fachwissen war enorm und er blühte auf, auch wenn dieser Ausflug für ihn aufgrund seines hohen Alters sehr anstrengend war. Wobei er als »Leo« (lateinisch: Löwe) ein Kämpfer war und im Alter von 91 Jahren und drei Tagen heimberufen wurde.

Was sein Namensvetter als neuer Papst an Kämpferischem für die Sache Christi in sich trägt und umsetzt oder umsetzen kann, zeigt sich. Persönlich habe ich mir wie viele andere auch, »im Anschluss« an Papst Franziskus I. einen zweiten Franziskus gewünscht, keinen konservativen »Leo« –  jemanden, der die Kirche reformiert und vor allem die Diskriminierung der halben Menschheit beendet. Denn Frauen sind nach wie vor in der katholischen Kirche nicht gleichberechtigt. Desgleichen wird mit jenen verfahren, die nicht den Moralvorstellungen dieser Organisation entsprechen.

Vor vielen Jahren trat ich aus der Kirche aus, weil ich mit allem Möglichen was dieser »Verein« damals veranstaltete, nicht mehr zurecht kam. Das war recht einfach. Beim Standesamt den Kirchenaustritt angeben und das wars. Ob es damals kostenpflichtig war, kann ich nicht mehr sagen. 

Nach reiflicher Überlegung kam ich dann zu dem Schluss, dass »die Kirche« mit sehr engagierten FRAUEN und Männern in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen und weiteren Institutionen viel gute Arbeit für die Allgemeinheit leistet. (Den unsäglichen Missbrauch hier außer Acht gelassen.) Und ob es uns allen passt oder nicht: a) sind die Kirchen hierzulande wichtige Säulen unserer Gesellschaft, die zusammenbrechen würde, wenn es diese Glaubensgemeinschaften nicht gäbe und b) ist es auch logisch, dass, wenn immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, dies zu einem Vakuum führt, das mit Anderem gefüllt wird. Sei es mit Buddhismus, Islam, Hinduismus oder weiteren Religionen / Glaubensgemeinschaften der Welt. Jeder von uns braucht und sucht Halt.

So wollte ich nach einiger Zeit doch erneut die kirchliche Arbeit mit der (im Dritten Reich eingeführten) Kirchensteuer (hin und wieder auch mit Spenden) unterstützen. Bezüglich Wiedereintritt war ein Gespräch mit Monsignore Hans Appel nötig, der ein wahrer Seelsorger war und mit zweiundsechzig Jahren viel zu früh heimging, Ich verstehe, dass er meine Beweggründe für meinen Gesinnungswechsel erfragte. Damals wusste ich noch nicht, dass alle bayerischen Kirchen durch sogenannte »Staatsleistungen« von uns allen mitfinanziert werden.

In Kirchen im Pfaffenwinkel und darüber hinaus bin ich immer wieder als Pilgerbegleiterin unterwegs und sehr dankbar dafür, dass einige, die ich vor Jahren als geschlossen – weil sanierungsbedürftig – erlebt habe, zwischenzeitlich renoviert wurden und wieder zugänglich sind. Gotteshäuser sind für mich persönlich wahre Zufluchtsorte, in denen Stille und Glaube erlebbar sind. Falls gewünscht, natürlich auch Gemeinschaft, die vielen Gläubigen sehr wichtig ist. Zudem sind dies auch Kraftorte mit besonderen Energien, wie ich finde.

Dass bei der Säkularisation anno 1803 sogar die Wieskirche von der damaligen bayerischen Regierung an den Meistbietenden zum Abbruch verkauft werden sollte, ist heute – zumindest für mich – überhaupt nicht mehr vorstellbar. Kirchen, die verkauft und dann als Tennishalle, Café oder Wohnhäuser genutzt werden, jedoch ebenfalls. Schon lange gibt es die Säkularisation 2.0 , »nur« in anderer Form. Obwohl: Wo finden sich denn die Menschen zusammen, wenn irgendetwas Schlimmes passiert ist? Sehr häufig in Kirchen.

Diese, wie viele weitere Zeugnisse unserer Vergangenheit und damit die Entstehung unserer Kultur zu erhalten, ist eine Aufgabe, die uns alle mit einbezieht  – und dies nicht nur in Erinnerungen. Denn was ist ein Volk ohne Vergangenheit und ohne Kultur? Ob jene, die dieses bilden, dann noch als Menschen bezeichnet werden können, ist vermutlich fraglich.

Irmgard Deml, Weilheim

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