Rädelsführer

Personen: Erwin Hager, Susanne und Richard Romer am Nachmittag des 2. Adventssonntag im Wohnzimmer der Romers in Marnbach

E: Susanne, Kompliment, deine Lebkuchen schmecken traumhaft.

S: Danke, Erwin. Du, dein Lob gebührt aber eigentlich meiner im vergangenen Jahr verstorbenen Mutter, denn ich habe sie alle nach den von ihr entwickelten Rezepten gemacht.

R: (drückt die Hand seiner Frau) Du, die Frieda hat dieses Lob bestimmt mitbekommen.

S: Wär schön, Richard.

E: Aber, ihr zwei, als ich vorhin an eurer Kirche vorbei zu euch herauf marschiert bin, fiel mir ein, dass es ja nur mehr gut zwei Wochen sind, bis wir wieder die Geburt Christi feiern.

R. Ja, Erwin, die Zeit rast immer schneller dahin, man kommt da fast nicht mehr mit.

E: Und dann ist mir in den Kopf geschossen, dass in Bethlehem im Grunde ein Revoluzzer das Licht der Welt erblickt hat.

S: Klingt arg derb, Erwin, stimmt aber letztlich.

R: Man könnte auch sagen, dass er im Verlauf seines Lebens zum Rädelsführer wurde; zumindest die Römer werden ihn so gesehen haben.

S: Für mich ist er aber ein sehr sympathischer, wenn ich mir nur den Teil seines Wirkens ins Gedächtnis rufe, den ich kenne.

E: Vor zweitausend Jahren hatten also die Römer vermutlich ein überschaubares Problem mit Jesus. Heute dagegen hat die Welt eine ganze Horde von Rädelsführern am Hals, und von denen ist kein einziger sympathisch.

S: Vor allem, weil sie mit dem Einsatz von Waffen ihre Ziele durchsetzen wollen.

R: Gerade in der letzten Zeit frage ich mich immer wieder, wie es nur dazu kommen kann, dass extrem gepolte Leute auch eine Anhängerschaft finden, die von Fall zu Fall auf Geheiß ihrer Anführer ohne Sinn und Verstand zuschlägt.

S: Als Frau fällt dir auf, dass der Rädelsführer immer ein Mann ist.

E: Mann, Richard, fällt uns dazu etwas ein?

R: Auf Anhieb nicht.

E: Mir auch nicht. Du, ich hab im Moment das Gefühl, dass sich der Mensch noch nicht groß Gedanken darüber gemacht hat, warum ausschließlich Männer die Menschheit immer wieder ins Unglück stürzen. Jesus ist da ja die große Ausnahme.

S: Die Evolution wird euch dazu gemacht haben. Sie machte euch zum Kämpfer, zum Verteidiger, aber auch zum Angreifer.

E: Wie siehst du das jetzt, Richard? Können wir der Evolution die Schuld für unsere Struktur in die Schuhe schieben?

R: Im Prinzip schon, Erwin, die meisten von uns bleiben allerdings ihr Leben lang brav wie Lämmer. Ich meine ansonsten aber, dass ein Mann, wenn er sich zum gemeingefährlichen Rädelsführer entwickelt, von einem entsprechenden Sendungsbewusstsein getragen sein muss, und er muss einen Auftrag für sich vor Augen haben.

S: Wie z.B. diverse Führer im Islam.

E: Ja, Susanne. Aber da ist ja auch Putin, und in Afrika und in Lateinamerika finden sich viele kleine und große Rädelsführer.

R: Und so frage ich erneut, warum haben wir diesen Missstand, dass ein einzelner Mensch viel Unheil anrichten kann?

S: Uns drei kann diese Frage eigentlich nur überfordern, Richard. Außerdem ist sie vermutlich Jahrtausende alt und man hat bis heute noch keine Antwort darauf gefunden.

E: Herrje, haben wir es am Ende mit einer Erbsünde zu tun?

R: Oder doch mit der Evolution, die Susanne ins Spiel brachte. Ja … ja, und dann, ihr zwei, bleibt uns wohl nur die Hoffnung, dass sie diesen Missstand im Laufe der Zeit auch abbauen wird.

Guggera

1 Kommentar

    • Roland Brendel, 82362 Weilheim auf 3. Dezember 2025 bei 09:18
    • Antworten

    Mit dem „Hirn einschalten“ könnte der Mensch sich kontrollieren, ob sein Tun die Liebe, die kosmisch göttliche Liebe ist, oder tierische Aspekte wie Machtkampf der Herdenführer, der Futterneid im Hühnerhof ihn bestimmen. Die Abkehr von religiösem Glauben zeigt, das wir uns von der göttlichen Liebe abgewandt haben. Viele sind auf die Stufe des Tietes zurückgefallen statt zum „Kind Gottes“, zum bewussten Mitschöpfer zu werden. Ein warmes Nest, Brot und Spiele ohne den Verstand einschalten zu „müssen“genügt ihnen.

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