Über Männer wollen wir heute nicht reden…

und trotzdem tauchen einige in der Stadtführung auf, die sofia bei der Historikerin Barbara Brüll am Samstag, 09. Mai 2026 in Bad Tölz gebucht hat. Bei schönem Wetter und mit guter Laune sind wir mit 10 Personen gespannt, was uns die nächsten zwei Stunden erwartet.

Die Stadtführung beginnt am Winzerer-Denkmal. Gleich um die Ecke stand bis 2024 noch das alte Postamt, welches – sehr überraschend für Stadt und Amt für Denkmalpflege – abgerissen wurde. Es wurde 1929 als Zeugnis der „Postbauschule“ erbaut. Architektin war Hanna Löv. Sie lebte von 1901 bis 1995 und war die erste Regierungsbaumeisterin in Bayern. Ihre Prüfung dazu legte sie als Beste ihres Jahrgangs ab. Hanna Löv erreichte trotz intensiver Versuche ihrerseits nie die Verbeamtung. Sie blieb ledig und kinderlos und erreichte dieses eine Ziel – die verdiente und eigentlich obligatorische Verbeamtung nie. Hanna war die Architektin von vielen Bauten hier im Oberland, zum Beispiel auch vom Verstärkeramt Kochel, welches auch in einer Nacht- und Nebelaktion trotz Denkmalschutz abgerissen wurde.

Ihr Glück in Amerika suchte Mary Pauli – Tochter eines Bräuers in der Marktstraße, nachdem das Tölzer Brauwesen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinem Ende zuging. Von dort berichtet sie von Ausnutzung durch ihre deutschen Arbeitgeber. Bei amerikanischen Firmen konnte sie aufgrund von Sprachbarrieren nicht arbeiten und die deutschen Arbeitgeber nutzten das schamlos aus.

Ebenfalls eine Emigrantin in die USA war Erika Mann, Tochter von Katia und Thomas Mann. Schauspielerin, Schriftstellerin, Journalistin und Mitbegründerin des legendären Polit-Kabaretts „Die Pfeffermühle“ in München 1933. Nur wenige Wochen danach musste sie vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen. Das Sommerhaus der Familie Mann in Bad Tölz ist heute im Besitz des Ordens der Armen Schulschwestern und leider nicht öffentlich zugänglich.

Der Orden der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau wurde von einem Tölzer Bürgermeister von München nach Bad Tölz geholt, damit die Mädchen aus der einfachen Bevölkerung auch an Bildung teilhaben durften. Das war damals nicht vorgesehen. Hauptsächlich ging es ihm jedoch darum, Gottesfurcht und Jungfraulichkeit bei den Mädchen zu bewahren. Armut und Unbildung in christlichem Glauben führten zu immer mehr unehelichen Kindern. Dies wollte der Bürgermeister gern ändern. Die Armen Schulschwestern waren jedoch ihrer Zeit etwas voraus und so lernten die Mädchen auch Rechnen und Schreiben.

Anna von Pienzenau (Reichersbeuern), war die reiche Tochter und Erbin von Christoph II. von Pienzenau, der u.a. das Schloss Reichersbeuern erwarb. Anna heiratete 1579 den italienischen Freiherrn Johann Baptist von Guido-Cavalchini, der am bayerischen Hofe angestellt war. Als er 1603 starb, erbte Anna von Pienzenau alle Hofmarken (Pflegeämter) und ließ zum Andenken an ihren geliebten Mann großzügig milde Gaben an alte Leute und arme Kinder verteilen – im Austausch für Fürbitten, damit Johann Baptist auch sicher im Himmelreich verweilen darf.

Sie heiratet 1604 erneut: den Italiener Jakob Papafaba Graf von Carrara und Aquilara. Diese Ehe war keine gute. Nach verschiedensten Vorkommnissen floh Jakob mit den Schätzen seiner Frau nach Italien. Der Herzog ließ ihn verfolgen. Die Schätze kamen wieder zurück. Jakobs Schicksal bleibt nur zu erahnen. Anna von Pienzenau war von nun an Inhaberin der Hofmark Reichersbeuern. Sie war quasi ein weiblicher Edelmann. Sie und ihr erster Mann Johann sind zusammen in der Winzererkapelle in Tölz bestattet.

In dem prachtvollen Haus ganz unten an der Marktstraße wurde nicht nur der Historiker Johann Nepomuk Sepp geboren, wie es die Inschrift an der Fassade erfahren lässt, sondern auch seine Schwester Anna Barbara Merz, geb. Sepp. Als wohlhabende Witwe eines Tölzer Optikers ließ sie ab 1869 das Geburtshaus und ab 1890 auch noch fünf angrenzende Gebäude zu einem Alterswohnsitz für wohlhabende alte Damen umbauen. Das Stift Mariä Opferung bestand bis 2006 als Seniorenwohnheim. Die Bewohnerinnen liebten den Trubel und die Unterhaltung im Ortskern. Der Straßenlärm wurde – evtl. auch aufgrund von Schwerhörigkeit – nicht als negativ wahrgenommen.

Die Gründerin des Stifts Anna Merz hat es 1892 an das Marienstift in München überschrieben. Hier war Mathilde Jörres die maßgebliche Inhaberin, die jungen Mädchen ermöglichte, eine Ausbildung in Kunststickerei zu absolvieren. Generell setze sie sich für die Berufstätigkeit von Frauen und bessere Bildung von Mädchen ein.

Es geht weiter über die Isarbrücke. Hier erzählt Frau Brüll von Flößerinnen und Steinklauberinnen. Der historische Verein der Stadt Bad Tölz verneint zwar die Existenz von Flößerinnen, jedoch gibt es Aufzeichnungen von Zollstationen, die diese Annahme eindeutig widerlegen. Steinklauberinnen holten die Kalksteine für die Kalköfen in der Umgebung aus der Isar.

Angekommen auf der anderen Seite der Brücke, sehen wir die ehemalige Bräuerei zum Bruckbräu vom Bierbräuer Georg Lettinger. Dieser starb und seine Frau Barbara Lettinger-Krettner hatte zwar den Titel „Bräuin“, das war aber nur der Name für eine Frau eines Bräuers. Barbara Lettinger-Krettner selbst durfte nicht Bier brauen. Sie hatte keine Lizenz, durfte nicht in die Zunft. Sie wollte aber nicht wegen der Lizenz wieder heiraten, wie das sonst der Brauch war. Also stellte sie findigerweise einen Gesellen an, der die Lizenz besaß und war damit weiterhin Chefin ihrer Brauerei.

Weiter geht es über die Franziskanerkirche durch den Park in die Badstraße und in die Ludwigstraße. Hier in der Nähe hat früher Stefanie von Strechine zusammen mit ihrer Freundin und Malerkollegin Gertrud Trefftz gewohnt. Stefanie von Strechine wurde 1858 in Odessa geboren. Von 1917 bis zu ihrem Tod 1940 lebte sie in Bad Tölz. Es gibt wohl nur noch wenige Tölzer:innen, die sich an ihre Kindertage erinnern, in denen sie Stefanie von Strechine mit einem kleinen Kinderwagen, in dem sich ihre Malutensilien befanden, durch die Straßen ziehen sahen.

Auch sonst muss die Malerin eine äußerlich auffallende – und ausgefallene – Persönlichkeit gewesen sein. In einer Zeit des aufstrebenden Impressionismus blieb Stefanie von Strechine bei natürlicher und detailreicher Realitätsmalerei. Ihre mehr als 1500 Gemälde hat sie der Stadt Bad Tölz vermacht.

Im Badeteil angekommen stehen wir vor der Wandelhalle gegenüber des ehemaligen Jodquellenhofes. Anna Herder ist hier die Frau der Stunde. Ab 1850 förderte sie maßgeblich den Kurbetrieb. Das ganze Areal war vorher nicht erschlossen. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm Anna Herder den Vorsitz im Aufsichtsrat der Jod AG. Ihre Tochter war Freifrau Julie de Fin.

Frau Brüll erzählte uns hier pikante Details über die hochwohlgeborenen Kurgäste und ihre Angewohnheiten, unauffällig Bekanntschaften unter Gleichgesinnten zu knüpfen. Aber Klatsch und Tratsch soll hier nicht breitgetreten werden. Nur soviel sei verraten: die sogenannte Brunnenfrau hatte ein beachtliches Nebeneinkommen.

Bucht am besten eine eigene Führung, um mehr darüber zu erfahren.

Die Herzogin Maria Jakobäa von Baden (Herzogin von Bayern) und die Kurfürstin Henriette Adelaide (Kurfürstin von Bayern) hätten die Heilwasser in Bad Tölz sicherlich geschätzt – verweilten sie doch beide gern im Tölzer Schloss (ehemals obere Marktstraße). Nur war die Heilquelle zu dieser Zeit noch nicht erschlossen. Beide mussten den Weg nach Bad Heilbrunn auf sich nehmen. Mit der Kutsche oder per Sänfte. Henriette war aufgrund langer Kinderlosigkeit zur Kur. Die Kur hatte mutmaßlich Erfolg. Sie brachte in den nächsten Jahren sieben Kinder zur Welt.

Kinderlos aber mit anderer Passion war die Heilbrunnerin Christl-Marie Schultes. 1904 geboren, wollte Christl-Marie Schultes schon als Kind Pilotin werden. Die Eltern unterstützten diese Flausen derweil nicht. Sie musste die Eltern belügen und gab vor, nur in Berlin eine bestimmte Kochkunst erlernen zu können. Sie nahm dort Flugstunden, eignete sich auch das damals sehr populäre Kunstfliegen an und wurde 1928 die erste bayerische Pilotin. In Ermangelung eines Flugzeuges überzeugte sie die Stadt Bad Tölz, ihr ein Flugzeug zu sponsoren. Das Flugzeug „Bad Tölz“ und seine Pilotin Christl warb daraufhin für das Oberland bei diversen Flugshows.

Bei einem Absturz verlor sie einen Unterschenkel, was sie aber nicht davon abhielt, weiter zu fliegen. Schon ab 1934 geriet sie in das Visier der NSDAP, weil sie aussprach, was sie dachte. Sie hielt sich dann in der Schweiz, in Spanien, Portugal und Frankreich auf. Dort flog sie auch Familien und Menschen aus, wenn diese verfolgt wurden. 1944 auf Heimaturlaub wurde sie in Bad Tölz an der Bushaltestelle wegen wehrkraftzersetzender Äußerungen festgenommen. Die Strafe dafür war die Hinrichtung. Dieser entging sie aber durch den Einmarsch der Amerikaner.

Es gibt ein Bild, auf dem Christl mit ihrem Flugzeug zu sehen ist, sie bekommt Blumen überreicht. Diese Szene soll im Kurpark aufgenommen worden sein, in dem wir uns nun befinden und wo die Führung endet.

Nicht in der Führung enthalten ist das einzige Denkmal in Bad Tölz für eine Frau: Marie-Luise Schultze-Jahn. Sie war Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Nach dem Krieg studiere sie Medizin und arbeitete ab 1969 als Ärztin in Tölz. Dieses Denkmal ist am Landratsamt zu finden. Also weit ab vom Stadtzentrum …

So viele Frauen.

Es gibt sechs nach Frauen benannte Straßen in Tölz und 49 männliche Namensgeber.

  • Die Adelheidstraße (nach der Kurfürstin Henriette Adelaide)
  • Die Annastraße. Benannt nach Anna Herder (CEO Jod AG)
  • Die Auguste-Wittig-Straße. Auguste Viktoria Wittig ist Stiftungsgründerin (für Menschen und Tiere in Not) und trat einen erforderlichen Grund für den Bau der südlichen Umgehung an Bad Tölz ab.
  • Die Rosa-Pfeil-Straße. Rosa Pfeil war Besitzerin einer Mühle in der Salzstraße.
  • Die Stefanie-von-Strechine-Straße (die Pilotin aus Bad Heilbrunn).

Und Nummer sechs? Die Gudrunstraße. Sie sei nicht nach einer historischen Figur benannt, sondern nach einem mitteralterlichen Epos, weiß zumindest die SZ.

Der Historische Verein meint, es hätte halt früher kaum aktive Frauen im Stadtleben gegeben. Und gibt zu bedenken, dass immerhin eine Marienstatue in der Tölzer Marktstraße steht.

Die Historikerin Barbara Brüll führte uns mühelos durch Jahrhunderte, durch Geschichten und durch Bad Tölz selbst. Sie garnierte ihre Erzählungen mit viel Fingerspitzengefühl, Witz und Hintergrundwissen.

Die Führung bietet sie jedes Jahr zum Internationalen Frauentag (8. März) über die Touristinfo Bad Tölz an. Die Führung kann auch extra gebucht werden über die Touristinfo in Tölz. Mehr als 20 Teilnehmende sollten es nicht sein.

Pressemitteilung sofia frauen bilden e.V.

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