
Personen: Sandra Kerscher (49) mit ihrem Freund Klaus Heidrich (51) nachmittags für einen Drink auf der Terrasse eines Lokals am Ufer des Starnberger See in Tutzing
K: Du, nur ein paar Schritte von hier (zeigt nach Süden) ist im Tutzinger Schloss die evangelische Akademie untergebracht.
S: Die, soweit ich weiß, seit Jahren versucht, unserem Land positive Impulse zu vermitteln.
K: So ist es, Sandra. Ich war schon einige Male bei Tagungen dort, und es war für mich immer ein interessanter Aufenthalt.
S: Vermutlich auch ein sehr schöner, denk ich; Schloss, Seeufer und ein großer Park wie mir scheint.
K: Ja, das alles ist ein höchst angenehmer Nebeneffekt der Akademie. Aber auch das lockere allabendliche Zusammensein der Tagungsteilnehmer in den Salons des Schlosses gehört zu dieser Seite der Akademie.
S: (spitzbübisch lächelnd) Kommen in die Akademie auch Frauen?
K: (mit breitem Grinsen) Ja, gelegentlich sogar hübsche Studentinnen. Du, erst im letzten Sommer hatte ich am Abend mit zwei jungen Damen von der LMU eine recht intensive Auseinandersetzung, weil ich einmal zwischendurch meinte, dass der moderne Mensch auf zwei Entwicklungsstufen lebt.
S: Das ist auch nicht leicht zu verstehen, Klaus. Für mich wäre so eine Äußerung auch diskussionswürdig.
K: Du, ich rolle das gerne noch einmal auf… Also, ich hatte zunächst einmal darauf hingewiesen, dass der menschliche Geist in den letzten fünfhundert Jahren umwälzende Erkenntnisse gewonnen hat und dass wir im Bereich Technik faszinierende Fortschritte gemacht haben; wir fliegen, wir erobern den Weltraum, wir bauen den Quantencomputer, wir …
S: Okay, Klaus, und was kam dann noch von dir?
K: Dass wir das alles dafür nutzen, um unsere Mitmenschen zu töten. Wir setzen das ein, wie vor Jahrtausenden den Speer und das Schwert. Wir sind also diesbezüglich auf unserer untersten Entwicklungsstufe stehen geblieben.
S: Mann, Klaus, du hast Recht. Das ist ja fürwahr eine irre Konstellation in der sich der moderne Mensch bewegt.
K: Du, die beiden Studentinnen reagierten zunächst genauso überrascht wie du gerade. Sie haben aber bald darauf recht energisch die Ansicht vertreten, dass unsere enormen geistigen und technischen Fortschritte von relativ wenigen begnadeten Menschen erbracht wurden und werden, während Mord und Totschlag und ganze Kriege auf Seiten der primitiven Geister zu finden sind.
S: So kann man das sehen, Klaus. Aber letztlich gilt doch, was wir derzeit vorfinden, dass nämlich die enormen Leistungen des menschlichen Geistes nur allzu oft von in sich geschlossenen Volksgemeinschaften in verachtenswerter Weise genutzt werden.
K: Zu meiner Sichtweise, dass der Mensch heute im Grunde auf zwei Entwicklungsstufen dahinlebt, konnten sich die beiden also nicht durchringen. Sie wollten unbedingt zwei Felder sehen; auf dem einen die Genies und auf dem anderen die Primitiven.
S: Wenn man von der LMU kommt, ist dieser Blickwinkel vielleicht auch kein Wunder, Klaus.
K: Ja, Sandra, das könnte in diesem Fall eine Rolle spielen. Allerdings, Sandra, ist die Feldersicht der beiden sehr verbreitet, man verdrängt ja nur zu gerne die Entwicklungsstufendiskrepanz, die uns Menschen nun schon lange begleitet und sich nicht abschütteln lässt.
Guggera



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