
Personen: Nadja Hirth (48), Elisa Gerg (54) und Sandra Neuner (56) im Hof vom Cafè Dietlhofen bei Weilheim
S: Welche von euch kann auf Anhieb sagen, in welchem Jahr wir uns zum ersten Mal hier getroffen haben?
E: Das müsste eigentlich 2015 gewesen sein, ein paar Tage nach meinem vierundvierzigsten Geburtstag.
S: Richtig, Lisa, zehn Jahre ist das schon her.
N: Zehn Jahre? Du meine Güte, ich war da ja erst achtunddreißig! Ich kann es ja fast nicht glauben … und was da so alles passiert ist, in dieser Zeit.
S: Ja, Nadja, unser Tempo wird immer höher, auch am Gymnasium ist das zu spüren. Als ich dort mit sechsundzwanzig anfing, konnte ich noch ganz locker mithalten.
E: Mir gefällt das Ganze schon lange nicht mehr. Und so freut es mich ganz besonders, dass wir uns jedes Jahr per Fahrrad hier herunten treffen; an einem Fleck Erde, der noch Geruhsamkeit ausstrahlt.
N: Manchmal frage ich mich, warum fast die ganze Welt so dahinhastet. Wer und was treibt die Menschheit eigentlich an?
E: Das weiß vermutlich niemand.
S: Mein Mann meint, dass ein aus dem Ruder gelaufener Überlebensinstinkt des Menschen dafür verantwortlich ist. Ein Antrieb, der darüber hinaus von einigen wenigen zu deren Vorteil genutzt wird, und die ihn deshalb auch ständig befeuern.
N: Das klingt ja nach einem hochgradig gefährlichen Automatismus.
E: Ja, Nadja. Und am Ende handelt es sich dabei gar um ein Naturgesetz.
N: Das sich irrerweise gegen die Natur richtet.
S: Herrje, ihr zwei, so weit hat nicht einmal mein Mann gedacht.
N: Wundert mich nicht, Sandra. Männer sind in den turbulenten Lauf der modernen Welt zu sehr eingebunden, sie sind schlicht und einfach befangen.
E: So muss man das wohl sehen. Denn wenn ich manchmal mit Unverständnis über das weit verbreitete Wachstumsdenken herziehe, fragt mein Hermann nur, wie soll es denn anders laufen, Lisa?
N: Und der Sandro, von dem ich jetzt endlich geschieden bin, meinte immer nur knapp, willst du zurück in die Steinzeit?
S: Was absolut nicht notwendig wäre. Ja, ihr zwei, Sandro und Hermann lassen deutlich erkennen, dass der Mann offenbar von Natur aus nur eine Richtung kennt; für ihn gibt es nur das Vorne und den Angriff.
E: Dabei haben auch Männer schon vor Jahrzehnten erkannt, dass gedankenloser Angriff die Menschheit ins Verderben führt.
N: Der Club of Rome, z.B.
E: Und so mancher Grüne in deren Anfangszeit.
S: Sie alle miteinander konnten aber nicht bewirken, dass die Menschheit ihren zerstörerischen Kurs korrigiert. Uns so wird in unglaublicher Einhelligkeit ein Marsch fortgesetzt, den die Natur nicht mehr länger zulassen wird.
N: Sie ist doch schon dabei, Sandra.
E: Eben. Du, Sandra, wie sieht denn dein Mann diesen Gleichschritt?
S: Im Grunde nimmt er ihn hin. Der Konstantin ist kein Kämpfer, schon gar nicht gegen Windmühlenflügel. Zu seiner Ehrenrettung kann ich aber sagen, dass er unermüdlich dafür sorgt, dass alle Neuners umweltfreundlich leben.
N: Das allein wird nicht genügen, Sandra. Meiner Meinung nach muss der Mensch sein Leben ab sofort umgestalten. Seine Aktivitäten dürfen in Zukunft nicht mehr umfangreicher sein, als es eine elementar einfache Lebensweise notwendig macht
S: Da kann und muss man zustimmen. Zurück also von Tempo hundert auf fünfundzwanzig, und keine schadensträchtigen Höhenflüge mehr.
N: Etwa so, Sandra.
E: Was ja nicht Steinzeit bedeutet, wie das der Sandro wohl sah.
S: Wir sind jetzt an einem entscheidenden Punkt angelangt, meine Damen. Ja, wir haben ganz bestimmt eine gute Zukunft, wenn wir der Natur nicht weiterhin Schaden zufügen und unsere Aktivitäten und unseren Forscher- und Erkenntnisdrang vorrangig in den Dienst einer elementar einfachen Lebensweise stellen.
N: Derzeit läuft aber fast alles anders herum, Sandra.
S: Leider, Nadja.
E: (während sie sich in ihrem Stuhl zurechtrückt) Ja, ihr zwei, da bleibt nur eins, die Männerwelt muss sich unserem Denken anschließen.
Guggera



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Schon in unseren christlichen „Betriebserläuterungen“ abgekürzt B.i.b.e.l wird der Zeitdruck aufgezeigt. Moses im „Körbchen“ bedeutet „aus dem Fluß heraus sein“. Gemeint ist, aus dem Fluß der Zeit rausgehen, dann ist man im „Paradies“. Siehe im OHA hier „Mensch, woher-wohin“, oder „Jüdischer Leidensweg“.