Für welche Zukunft eigentlich lernen? – Eine Verbeugung vor den Schulpflichtigen

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Oliver Koch, Schongau

Die »Fridays for Future«-Demonstrationen sind Ausdruck der politischen Willensbildung der jungen Generation, zumindest eines beträchtlichen Teiles der Schüler und Schülerinnen. Nicht alle, die ihre Zukunftsaussichten beunruhigen, demonstrieren auch.

Jedermann und natürlich alle Frauen auch haben das gute Recht sich dazu eine Meinung zu bilden und diese öffentlich zu machen. Was den Schülern, die beharrlich freitags auf die Straße gehen, von Seiten einiger Älterer jedoch als »Argumentation« gemeinte Blödheit entgegenschlägt, ist schwer erträglich. Da ich mich selbst der alten Generation zurechne und ich nicht im trüben Lichte dieser Zeit- und Altersgenossen dastehen möchte, hierzu einige Klarstellungen: Zuerst einmal bedarf es doch einer tiefempfundenen Entschuldigung aller Älteren, denn diese, nicht die Jungen, haben den Zustand der Welt, den wir zu Recht beklagen, herbeigeführt und zu verantworten. All den selbsternannten Schulpflicht­fetischisten und Oberlehrern sei also geraten, sich zunächst einmal in den Staub zu werfen, bevor sie das Wort an ihre Kinder und Kindeskinder richten.

Da wird dann den Schülern vorgeworfen, sie selbst trügen zur Klimakatastrophe bei, sie sollten doch bei sich selbst anfangen und möglichst noch auf ihre Eltern mäßigend einwirken, anstatt zu demonstrieren. Es ist ganz sicher richtig, dass alleine das Mensch-Sein ein erheblicher klimaschädigender Faktor ist. Es wurde nicht umsonst auf Berechnungen hingewiesen, dass der Verzicht auf Nachwuchs der effektivste Beitrag zum Klimaschutz sei. Soll dieser Vorwurf die Existenz der Kinder und Jugendlichen in Frage stellen? Soweit denken die Alterskritikaster sicher nicht. Vielmehr geht es ihnen wohl um den altbekannten Vorwurf: Wer nicht selbst ein Engel ist, der soll gefälligst nicht das Maul aufreißen. Des Weiteren wird hier die alte Mär bedient, der Einzelne als Konsument habe die Rettung der Welt doch selber in der Hand. Wirtschaftliche Nöte und soziale Zwänge, die Ergebnisse politischen Handelns – und insbesondere Nicht-Handelns – sind, können bei solch dürftiger Argumentation getrost außer Acht gelassen werden. Ich freue mich jedenfalls, dass die Schüler und Schülerinnen auf das Nicht-Handeln der Politik aufmerksam machen, und ich traue ihnen auch zu, dass sie sich – in viel stärkerem Maß als wir, die wir in unserem Trott gefangene Senioren und Seniorinnen sind – auch im individuellen Bereich verändern können. Schon blickt die junge Generation mit größter Nüchternheit auf unseren heiligen Gral, das Auto. Darf die das? Ach Gott: die Arbeitsplätze!

»Nicht nur dagegen sein, besser machen!« Das ist vielleicht die perfideste Art der Reaktion auf den Protest. Hier soll der Zustand und seine Behebung denen in die Schuhe geschoben werden, die vergleichsweise wenig dafür können. Wer hat eine lebenslange Expertise in der Lösung von Problemen oder sollte sie doch haben? Wer verfügt über Kolonnen von Beratern und Experten? Wer ist sowohl moralisch als auch faktisch zuständig für das Wohl »des Deutschen Volkes«, wenn wir das Klimaproblem einmal auf die Nation herunterbrechen, was natürlich problematisch ist. Die Schüler und Schülerinnen sind es sicher nicht, sie sind die Leidtragenden.

Die heutigen Kinder und Jugendlichen werden also nach menschlichem und wissenschaftlichem Ermessen einiges auszubaden haben. Man mag sich die Folgen der Erderwärmung gar nicht in allen Einzelheiten ausmalen. Alleine die sogenannte Flüchtlingskrise von vor zwei Jahren wird ein laues Lüftchen sein gegenüber den Fluchtbewegungen, die drohen. Lasse sich niemand von einer ebenso unmoralischen wie untauglichen »Sicherung der EU-Außengrenze« blenden. Vor diesen dunklen Hintergründen sind das Pochen auf die Schulpflicht und die Unterstellung, es gehe denen nur ums Schulschwänzen, ebenso lachhafte wie traurige Antworten. Genau wegen Typen wie Christian Lindner, der den Schülern solche Antworten zu geben sich nicht entblödet, braucht es diese Demonstrationen. Typen, die schon in ihrer eigenen Jugend eingestandenermaßen nichts anderes interessierte als Karrieren und Geschäfte.

Gut, dass die Mädchen und Jungen endlich gemerkt haben, dass es ohne zivilen Ungehorsam keinen Fortschritt gibt, von Rettung nicht zu reden. Denn die Vorhaltung, die Jugendlichen könnten doch ebenso gut in der schulfreien Zeit demonstrieren, ist im besten Falle nur naiv. Dann wäre es sicher nicht zu der medialen Aufmerksamkeit gekommen, über die man sich jetzt so trefflich aufregen kann. Und hätte, um wahrgenommen zu werden, die Schülerschaft samstags nackt demonstriert, wäre es Oma und Opa wegen der Erkältungsgefahr doch auch nicht recht gewesen. Im Übrigen stellt das Nichteinhalten der Schulpflicht nichts anderes als eine Reaktion auf die Nichteinhaltung der verbindlich verabredeten Klimaziele dar. Die auch durch Politiker beklagte Regelverletzung gründet also auf eine erheblich gravierendere Regelverletzung durch die Politik. Die Energie, die manche Alte einsetzen, um die Jungen zu ermahnen, sollte besser in deren Unterstützung fließen. Solidarität ist nicht verboten.

Oliver Koch, Schongau

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