Heimholen in Zeiten von Corona

Zweieinhalb Tage nichts zu essen – halbverhungert, aber endlich daheim

Die Hälfte meiner geplanten Südamerika-Reise ist um, tolle Bilder, spannende Begegnungen und Eindrücke – und jetzt zurück?

Nein, das schaffe ich doch auch noch, aussitzen ist angesagt, durchhalten!

Doch dann zieht sich der Corona-Albtraum immer enger um mein Zimmer mit Terrassenblick auf den Titicacasee – Ausgangssperre, und zwar total, bis auf einen Einkauf einmal in der Woche an einem Vormittag, keine Busse, keine Taxis, nicht mal Privatfahrzeuge dürfen fahren. Keine Busse, und die Grenzen sind völlig dicht.

Nachdem auch meine Hostal-Mitbewohner abgereist sind – zwei junge Pärchen aus Triest und Lausanne, mit denen ich am Abend kochte und spielte, wird es einsam an diesem schönen Ort. Ich entschließe mich – in Anbetracht kommender ungewisser Wochen und Monate – die Heimreise zu planen.

Der erste Anruf bei der Deutschen Botschaft klappt auch schon: ich sei spät dran, aber in Anbetracht meines Alters würde ich als Risikoperson und mit dem nächsten Flieger mitkommen. Super, doch wie komme ich in die Hauptstadt La Paz? Ohne Busse oder Taxis?

Rettender Engel war wieder mein Hostaleigner: er habe da einen Schwager, Jose, der bereit wäre zu fahren.

Also hin zum zuständigen Amt, das für die Passagen in die nächste Region zuständig ist, das Marinekorps des Titicacasees. Die setzten sich netterweise unter Zuhilfenahme eines grünen Scheinchens mit der Deutschen Botschaft und Regierungsstellen in Verbindung und deklarierten daraufhin das Taxi von Jose zu einem Diplomatenwagen um – freie Fahrt in die Hauptstadt. (…)

Am nächsten Tag wurden wir allerdings schon nach einer Stunde gestoppt: Gesundheitszeugnis fehlt! Also zurück ins Hospital von Copacabana, warten, untersuchen, alles okay, und von Neuem los.

Wir schaffen es tatsächlich, durch die sechs Kontrollen zu kommen, bevor wir in La Paz vor dem gebuchten und bestätigten Hotel stehen: zu!

Wir kreisen daraufhin eine knappe Stunde durch die Innenstadt von La Paz, fragen die wenigen Menschen, die sich auf der Straße befinden – und finden tatsächlich eine abgewrackte Kaschemme zum Übernachten. Ist mir aber egal, denn am nächsten Morgen um 4 Uhr geht es weiter zur Sammelstelle des Busses von der Botschaft.

Kaum haben wir 1 ½ Stunden bei klirrender Kälte – La Paz liegt auf knapp 4000 m Meereshöhe – gewartet, kommt der Bus zum Flughafen.

Nun beginnt für mich eine Zeit des Leidens: 2 ½ Tage nichts zu essen, weder im Flieger von La Paz nach Santa Cruz, nichts am Flughafen und auch nichts beim Flug über den Atlantik nach Madrid: Die Besatzung kapselte sich völlig ab, rückte auf Nachfrage eine Flasche Wasser heraus – das war’s. Ich dachte, in Madrid würde es sich bessern: nada, nichts! Catering eingestellt, Rettungsflug, wir sollten froh sein, nach Hause zu kommen. (…)

Halbverhungert kam ich dann in Frankfurt an, wo mich mein Sohnemann mit ein paar Broten und dem Spruch erwartete: Du hast aber schön abgenommen. (…)

Reinhard Böttger

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