Sch wie … Schizon

Foto: Irmgard Deml

Nein danke! Eines meiner »Lieblings-Eise« mag ich nicht mehr, seit es heißt: »Aus Schöller wird Nestlé.« Leider fiel ich doch nochmal darauf herein, nahm auf die Schnelle beim Einkauf ein BIG-Sandwich mit. Das war einer der Momente, in denen Achtsamkeit gerade fehlt.

Manche Konzerne unterstütze ich »normalerweise« prinzipiell mit keinem Cent durch den Erwerb ihrer Produkte und dazu gehört auch oben genannter. Denn bei näherer Beschäftigung mit der Thematik wird mir richtig schlecht, wenn ich sehe, was Skrupellosigkeit, Macht- und Geldgier weltweit an Menschenleben und Schöpfung zerstören. Nur gehört für mich halt dazu, das wahrzunehmen, mich über Derartiges zu informieren statt wegzuschauen und es nicht wahrhaben zu wollen. Um so wichtiger sind für uns alle verlässliche Informationsquellen.

So wie in Schrot & Korn 09/2021 über Kinderarbeit beim Kakaoanbau berichtet wird, die statt seit 2001, wie von Konzernvertretern damals versprochen, abnehmen sollte, mehr geworden ist. „(…) 1,5 Millionen Kinder arbeiten in Ghana und der Elfenbeinküste, 10.000 von ihnen als Opfer von Kinderhandel und Sklaverei. (…)“ Aus beiden Ländern stammen gut zwei Drittel der in Deutschland verbrauchten Kakaobohnen. Interessiert uns das einfach nicht, weil sich diese Zustände nicht bessern? Und von »Scham« kann »bei uns Verbrauchern« genau so wenig die Rede sein wie bei dem vom Kakaobarometer beispielhaft angeführten Familienkonzern Ferrero (Nutella): „(…) Die Familie schüttete sich 2020 eine Dividende von 642 Millionen Euro aus. Um den geschätzt 90.000 Bauern, die den Kakao für sie anbauen, ein existenzsicherndes Einkommen zu bezahlen, müsste der Konzern 450 Millionen Euro mehr für den Rohstoff ausgeben. Es blieben immer noch 192 Millionen Euro Gewinn für Familie Ferrero übrig – und Nutella müsste nicht teurer werden. Doch die Konzerne weigern sich seit 20 Jahren, diesen Weg zu gehen. (…)“

Ein Beispiel aus der Vergangenheit mit Auswirkung auf die Gegenwart zeigt, was »Weltpolitik« »bewirken« kann: Falls Sie die STOA169 bei Polling kennen, ist Ihnen vielleicht, so wie mir, vor allem ein Werk aufgefallen: Hinter Gitterstäben hängt die Figur eines mit den Händen nach hinten gefesselten Mannes mit dunkler Hautfarbe. Als ich das letzte Mal dort war, erschütterte mich regelrecht, dass eine Frau mit einem Stift an den Stäben entlangfuhr, um sie zu zählen. Sie machte mit bei einem Geo-Caching und ob sie der Hintergrund dieses Werkes überhaupt interessierte, weiß ich nicht. Ich las dazu[1] und mir kamen die Tränen: Der Schöpfer Kwame Akoto-Bamfo, geboren 1983 in Accra, Ghana: My Francophone Brother (Mein frankofoner Bruder) – „Im Jahr 1825 forderte Frankreich mit bereitstehenden Kriegsschiffen von Haiti eine Entschädigung für den Verlust seiner Sklaven und seiner Sklavenkolonie. Als Gegenleistung für die Anerkennung Haitis als souveräne Republik forderte Frankreich die Zahlung von 150 Millionen Francs. Zusätzlich zu der Zahlung musste Haiti die nach Frankreich exportierten Waren um 50 % reduzieren.

Haiti zahlte umgerechnet etwa 21 Milliarden US-Dollar an Frankreich, erst 1947 hatte Haiti alle Zinsen für die aufgenommenen Schulden zurückgezahlt. Diese Schulden, die sich über mehrere Generationen erstreckten, wurden 2010 nach dem Erdbeben in Haiti abgeschrieben, zu diesem Zeitpunkt hatte Haiti bereits mindestens 40 Milliarden US-Dollar an Frankreich gezahlt. Haitis Geschichte ist kein Einzelfall. Mein frankofoner Bruder blutet.

Zwischen 1958 und 1965 wurden die frankofonen afrikanischen Länder gezwungen, den »Pakt zur Fortsetzung der Kolonialisierung« zu unterzeichnen. Nochmal: Die Last der frankofonen Länder ist kein Einzelfall. Meine Kunst beabsichtigt nicht, Ihnen ein gutes Gefühl zu vermitteln. Sie ist nicht schön, weil mein frankofoner Bruder blutet. Meine Kunst ist keine Kunst. Weil die Afrikaner bluten.“

Aber: Der damalige deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU) sorgte 2017 mit seinem Alleingang entgegen einer Vereinbarung mit dem Umweltministerium dafür, dass der von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) bereits 2015 als »wahrscheinlich krebserregend« eingestufte Unkrautvernichter Glyphosat weiter bei uns und in der EU verwendet wird. Im nächsten Jahr stimmt die EU erneut darüber ab und Deutschland wird sich wohl der Mehrheit anschließen.[2]

Irmgard Deml, Weilheim

Wie viele von uns bilden sich noch immer ein, dass manche weltweiten Missstände nichts mit unserer geschichtlichen Vergangenheit und/oder unserem Konsumverhalten zu tun haben? Dazu aus einem Buch[3] von 1988 (!): Dort schreibt der Bewusstseinsforscher Ralph Metzner über den »inneren Feind« in uns. Statt »Schatten« führt er den Begriff »Schizon« ein, was „die Erfahrung des Ablehnens oder des Abspaltens eines Teils unserer Natur“ benennt. Jede/r von uns trägt in sich »gute« und »böse« Eigenschaften, die letzteren sind jedoch meist nicht wirklich leicht zu akzeptieren. Und er greift auf, dass dieses Verdrängte „ziemlich wahrscheinlich einen Einfluss auf die Bildung solcher Krankheiten wie Krebs hat“. So könnten Zorn, Trauer, Wut oder Angst eingekapselt werden, weil nicht mit dem eigenen Selbstbild vereinbar. Dazu die Feststellung, die teils auf Anderes, Aktuelles übertragbar ist: „(…) Wenn mehr Deutsche fähig und willens gewesen wären, die Aufmerksamkeit auf den Völkermord in den Konzentrationslagern der Nazis zu lenken, dann hätte dieser besondere Holocaust nicht derartige Formen angenommen. (…)“

Irmgard Deml, Weilheim





Quellenangaben / Hinweise
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  1. Info-Broschüre / Mit freundlicher Genehmigung der STOA169-Stiftung
  2. Umweltinstitut München, Schreiben von 09/21
  3. »Die Chance der Menschheit ~ Bewusstseinsentwicklung – Der Ausweg aus der globalen Krise«
    von Stanislav Grof
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