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Jun 30 2015

Geflüchtet. Angekommen. Und wie weiter? – Über Peitings erste Flüchtlinge (Teil 2)

Unsere beiden Freunde, die wir Ihnen heute vorstellen dürfen, kommen aus Damaskus. Zwei Männer, beide Asylbewerber, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber doch vom gleichen schlimmen Schicksal hier zusammengeführt wurden.

Shadie

Shadie

Auf der einen Seite Shadie[1], 20 Jahre, sehr fröhlich und quirlig. Er ist aufgeschlossen und voller Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit, seine positive Lebenseinstellung konnte er sich trotz Bürgerkrieg, Flucht und Heimweh bewahren.

In seinem Alter wäre er in Syrien zu Assads Armee eingezogen worden. Da er Gewalt verabscheut, sah er sich zur beschwerlichen Flucht gezwungen. Wie auch im vorangegangen Artikel werden, mit Rücksicht auf die laufenden Asylanträge, keine Details der Fluchtwege veröffentlicht. Dennoch bleibt zu sagen, dass gerade Shadies Odyssee besonders schlimm und entsetzlich war.

Shadie verließ eine große Familie; seine vier Brüder und vier Schwestern, seine Eltern und Großeltern. Er ist sehr stolz darauf, schon Onkel von 14 Nichten und Neffen zu sein. Shadie kommt aus sehr guten und geordneten Verhältnissen, er erzählt viel von seinem Großvater, einem Bürgermeister und seiner Großmutter, einer angesehenen Frau des Ortes, die von allen Prinzessin genannt wurde. Die ganze Familie lebte in einem schönen, ehrwürdigen Haus, von dem Shadie uns gerne – voll von warmen Erinnerungen – Fotos zeigt. Das Haus wurde noch vor seiner Flucht zerstört.

Shadie schwärmt sehr für Autos, weswegen er in Syrien als Autoelektriker arbeitete und hier eine Ausbildung zum Automechaniker machen möchte.

Darüber hinaus ist er sehr sportlich, er spielt und schaut gerne Fußball, tanzt mit viel Leidenschaft und bekam unlängst die Möglichkeit in einem Schongauer Fitness-Studio mit Kung Fu zu beginnen.

Der Küchendienst obliegt meistens ihm, da er der Jüngste ist. Die Küche ist immer sauber und akkurat aufgeräumt.

Shadie lernt viel und gibt sich sehr viel Mühe, möglichst schnell die deutsche Sprache zu beherrschen. Er hofft auf baldige Anerkennung als Flüchtling, damit er zusätzlich einen amtlichen Deutschkurs besuchen kann, um oben genannte Ausbildung zu beginnen.

Er hat sich hier schnell eine Art familiäres Umfeld geschaffen, nennt seine ehrenamtliche Deutschlehrerin Mama und eine andere Helferin seine Schwester. Sein größter Wunsch ist jedoch, seine eigene Familie wiederzusehen.

Afif

Afif

Unser zweites Portrait ist von Afif[2], einem 52-jährigen, großen und sehr freundlichem Mann. Afif ist Palästinenser und floh im Alter von 8 Jahren nach Damaskus.

Sehr früh begann er als Mechaniker in der Wasserversorgung zu arbeiten und reparierte 15 Jahre lang die Wasserpumpen der Metropole. Zuletzt arbeitete er dann als Taxifahrer in Damaskus. Da Taxifahrerlizenzen käuflich erworben werden können, machte er – wie in Syrien nicht ungewöhnlich – keinen Führerschein. Seiner beruflichen Zukunft in Deutschland ist dies natürlich abträglich.

Sein Fluchtweg führte ihn zunächst zu Fuß in die Türkei, von wo aus er sich auf den so genannten »Deathtrip« (=Todesfahrt) machte – der Fahrt über das Mittelmeer in völlig überfüllten, alten Booten und mit zweifelhaftem Ausgang. Anschließend gelangte er auf sehr abenteuerlichen Wegen nach Deutschland.

Das Erlernen der deutschen Sprache ist für Afif besonders schwer, da er bislang nur arabisch sprach und schrieb, also in kunstvollen Schnörkeln von rechts nach links. Inzwischen beherrscht er alle Buchstaben der lateinischen Schrift, kann einfache Wörter lesen und verstehen und sich in klar strukturierten, kurzen Sätzen verständigen. Er übt sehr fleißig, ist sich des langen Weges bis ihn Wörter wie Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung nicht mehr schrecken können, aber bewusst.

Wie alle unsere Freunde kocht auch Afif ausgesprochen gut und lecker, für sich jedoch immer vegetarisch. Über seine Familie, seine sieben Kinder und sechs Enkel, spricht er sehr wenig, doch er erzählt, wie sehr er sie vermisst und wie groß seine Angst ist, dass ihnen etwas zustößt, während sie so weit weg sind. Daher ist auch sein Anliegen, möglichst schnell eine Arbeit zu finden, sobald sein Status als Flüchtling anerkannt ist, um auch seine Familie bald in Sicherheit zu wissen und wieder mit ihr vereint zu sein.

Erika Schönenborn, Anja Greschkowiak

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Name wurden geändert.
  2. Name wurden geändert.

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