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Sep 30 2011

Zeitbombe Fukushima

Erhard Seiler

Erhard Seiler

Schlimmer als Tschernobyl?

Vor einigen Monaten habe ich hier geschrieben, die Katastrophe von Fukushima werde wohl nicht die Ausmaße von Tschernobyl erreichen. Das würde ich heute nicht mehr so sagen. Zwar wird die totale Menge an ausgestoßener Radioaktivität etwa auf ein Sechstel der Menge in Tschernobyl geschätzt, aber erstens weiß man nicht, ob das stimmt, und zweitens ist der Großteil der Radioaktivität auf eine kleineres, dafür aber relativ dicht besiedeltes Gebiet niedergegangen. Darauf hat insbesondere der Nuklearexperte und Träger des alternativen Nobelpreises Mycle Schneider hingewiesen, der daraus den Schluss zieht, dass Fukushima schlimmer ist als Tschernobyl.

Was weiß man überhaupt?

In unseren Medien erscheinen nur noch sporadisch Meldungen und es wird nicht nachgehakt. So hieß es Anfang August, auf dem Gelände des zerstörten AKWs seien Strahlungswerte von 10 Sievert/Stunde gemessen worden; das bedeutet, dass man in einer halben Stunde eine Dosis erhält, die mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zum Tode führt. Wenn man aber genauer nachsah, fand man, dass die Strahlung größer war als der Messbereich des Geräts; die Betreiber-Firma TEPCO, hieß es, überlege, mit einem Messgerät mit größerem Messbereich nachzumessen. Danach war nichts mehr zu hören oder zu lesen. Wir wissen also nicht einmal, wie hoch die Strahlung an diesem »hot spot« wirklich ist.

In jedem Fall ist es auf Grund der extrem hohen gemessenen Werte klar, dass die von der Atomindustrie gepriesenen 6 Barrieren (Kristallgitter des Brennstoffes, Metallumhüllung der Brennstäbe, Reaktordruckbehälter, Betonabschirmung, Sicherheitsbehälter, Stahlbetonhülle) gegen das Austreten von Radioaktivität alle durchbrochen sind; das hochstrahlende Inventar der Reaktoren liegt praktisch offen und ist Wind und Wetter ausgesetzt.

Es gibt auch sehr beunruhigende Meldungen über akute Strahlenschäden unter der japanischen Bevölkerung wie violette Flecken auf der Haut, geschwollene Schilddrüsen, Nasen- und Zahnfleischbluten. (Siehe Infos des japanischen Journalisten Masao Fukumoto im »Strahlentelex« Nr. 588-589, 7.7.2011)

Reaktionen von Politik und Gesellschaft

TEPCO wie die Behörden reagierten so, wie wir es von der Tschernobyl-Katastrophe her kennen: mit Vertuschung und Abwiegelung, so wie damals die sowjetischen und deutschen Behörden. Erst jetzt kam heraus, dass die Behörden Zugang hatten zu recht zuverlässigen Voraussagen über den Weg der radioaktiven Wolke (durch das sogenannte SPEEDI-Programm), nämlich zunächst nach Nordwesten in besiedeltes Gebiet. Trotzdem wurde behauptet, die Wolke ziehe hinaus aufs Meer und die betroffene Bevölkerung wurde nicht gewarnt. Auch entsprechen die schematischen kreisförmigen Zonen von 20 und dann 30 km, aus denen die Bevölkerung dann evakuiert wurde, überhaupt nicht der wirklichen Strahlenbelastung, die teilweise sehr viel weiter reicht.

Dazu haben die japanischen Behörden schlicht die Grenzwerte heraufgesetzt, z. B. auf das 20-fache für Schulkinder. Das klingt – und ist! – unglaublich zynisch, ist aber generelle Praxis bei Nuklearunfällen; die deutsche Strahlenschutzverordnung sieht für »Störfälle« Ähnliches vor.

Zum Glück übernehmen jetzt private Initiativen in Japan die Aufgabe, die radioaktive Kontamination vor Ort zu messen. Unter anderem wurden Luftfilter von Autos in Tokio untersucht und dabei beunruhigend hohe Radioaktivität gefunden. Leider können die privaten Aktivitäten aber nicht ein systematisches landesweites Messprogramm ersetzen; es wäre Aufgabe des Staates, so ein System einzurichten.

Innere und äußere Strahlenbelastung

Ich will einige grundsätzliche Punkte zur Beurteilung der in den Medien auftauchenden Messdaten ansprechen:

Meistens werden Daten in Sievert (Sv), Milli(= Tausendstel)- oder Mikro(= Millionstel)sievert angegeben, manchmal pro Stunde oder pro Jahr. Das Sievert ist keine physikalisch präzise definierte Einheit, sondern eine Mixtur aus der physikalischen Größe Gray (Gy) mit angenommenen biologischen Wirksamkeiten. Aber auch die Größe Gray hat es in sich: 1 Gy bedeutet die Absorption der Energieeinheit 1 Joule in 1 kg Materie. Man nimmt also die absorbierte Energie und teilt sie durch die Masse Materie, die bestrahlt wurde. Bei Röntgen- oder Gammastrahlung, die von außen auf den ganzen Körper oder ein Organ einwirkt, nimmt man je nach dem die Masse des Körpers oder des bestrahlten Organs. Das erscheint soweit sinnvoll und nachvollziehbar.

Die in Sievert angegebenen Dosen beruhen im Allgemeinen auf Messung der (relativ langreichweitigen) Gammastrahlung in der Luft. Dies besagt aber nichts über die Strahlenbelastung durch radioaktive Substanzen, insbesondere Alpha- und Beta-Strahler, die in den Körper aufgenommen wurden (vor allem Jod, Cäsium, Strontium, Uran und Plutonium). Die Alpha- und Beta-Strahlen haben eine sehr kurze Reichweite und können mit den meisten Geigerzählern gar nicht nach­gewiesen werden. Wenn nun so ein radioaktives Atom im Körper sitzt, trifft die Strahlung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Kern und die Erbinformation (DNS) einer nahegelegenen Zelle und kann dort große Schäden anrichten, insbesondere wenn die Zelle sich gerade teilt – was gerade bei Kindern häufig der Fall ist. Von welcher Materiemenge wird denn die Energie absorbiert? Nimmt man die Masse einer Zelle, des Zellkerns oder der DNS? Die »Strahlenschützer« nehmen üblicherweise die Masse eines ganzen Organs (Organdosis) und kommen so auf relativ niedrige Werte von Gray oder Sievert. So kommen die Aussagen zustande, dass alles unterhalb der Grenzwerte liegt und man sich keine Sorgen machen soll.

Professor Kodama vor dem japanischen Unterhaus

Wer kann, sollte unbedingt die Aussage von Dr. Tatsuhiko Kodama vor dem Ausschuss für Arbeit, Soziales und Gesundheit des japanischen Unterhauses vom 27.7.2011 ansehen. Kodama ist führender Nuklearmediziner an der Universität von Tokio und erklärt sehr prägnant den Unterschied zwischen innerer und äußerer Strahlenexposition. Er berichtet von den Dekontaminations-Maßnahmen, die er in der Präfektur Fukushima unternommen hat, da die Behörden nicht tätig wurden. Und er sagt den Abgeordneten sehr deutlich, dass sie ihre Pflicht zum Schutz der Bevölkerung, insbesondere der Kinder, sträflich vernachlässigt haben und weiter vernachlässigen.

Kodamas Aussage ist zu sehen auf zwei Videos:

http://www.youtube.com/watch?v=PDOBKu8P-DE
http://www.youtube.com/watch?v=XefmvjI7Mk4

(cc drücken für deutsche Untertitel)

Außerdem gibt es den Text in deutscher Übersetzung bei http://www.anti-atom-piraten.de/2011/08/prof-kodama-zur-kontamination-nach-fukushima/

Wo bleibt das Positive?

Es gibt doch auch gute Nachrichten: Die Anlage zur Herstellung von plutoniumhaltigen Brennelementen, sogenannten MOX-Elementen, im englischen Sellafield wird geschlossen, da der Hauptabnehmer Japan ausfällt. Und in Japan scheint eine Diskussion über eine Energiewende in Gang zu kommen.

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