Die Krise als Chance?

Gaby Kerscher, Wessobrunn

Ich äußere mich hier als kritisch denkender Mensch, als Frau, als Mutter und als Psychologin. Mich hat das, was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, sehr beschäftigt und aufgewühlt und ich möchte einige meiner Gedanken dazu teilen.

Wir befinden uns als westliche Zivilisation in einer Krise – und zwar nicht erst seit Corona. Als Psychologin kann ich sagen: Dass in einer Krise überwunden geglaubte, alte Muster auftauchen, gehört dazu, das ist ein ganz normaler Vorgang – und auch, dass diese Muster in besonders ausgeprägter, übersteigerter Form auftreten, ist typisch. Wir erleben es gerade auf ganz vielen Ebenen:

Staaten kehren zum Nationalismus zurück, beschließen einseitige Maßnahmen, autoritäre und paternalistische Tendenzen kommen wieder, die ich noch gut aus meiner Kindheit in den 1960er-Jahren kenne: „Wir wissen, was gut für dich ist und sorgen für dich – notfalls auch gegen deinen Willen.“ In der Wissenschaft treten wieder reduktionistische, eindimensionale Ansätze in den Vordergrund – alles dreht sich nur um das Virus und seine Bekämpfung. Das sind Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert! Ich empfehle hierzu den WikipediaBeitrag über Robert Koch.

Aber auch bei mir und vielen, die jetzt anders denken, habe ich alte »Reflexe« bemerkt – das Gefühl der Ohnmacht dem Staat gegenüber, der Eindruck: Jetzt ist das da, was wir immer befürchtet haben, dann der Widerstand: „Das lassen wir uns nicht bieten, wir werden für unsere Freiheit kämpfen!“

Mich hat ein Text des Wirtschaftlers und Philosophen Charles Eisenstein mit dem Titel »Die Krönung« – im Internet nachzulesen (s. u.) – sehr inspiriert und zum Nachdenken gebracht. Könnte es nicht sein, fragt er, dass jenseits aller Fakten, die möglicherweise tatsächlich für eine geplante Inszenierung sprechen, einfach die Versuchung zu groß war, in dieser Krise endlich wieder mit dem Erfolg haben zu können, was unsere westliche Kultur am besten kann: Kontrolle und Kampf – das kriegerische Vokabular in den Monaten spricht für sich.

Und unterliegen wir, wenn wir uns einer Verschwörung gegenübersehen und sie bekämpfen wollen, nicht genau dem gleichen Denken? Die einen haben Angst vor der Krankheit, die anderen vor den Maßnahmen dagegen. Was uns vereint, ist die Angst, die in beiden Fällen auch einen begründeten Anteil hat, das möchte ich nicht abstreiten. Was uns verbindet, ist auch, dass wir das Problem im Außen sehen und es bekämpfen wollen. Beides beruht auf einer Vorstellung der Getrenntheit.

Natürlich besteht in einer Krise immer die Gefahr, im alten Muster stecken zu bleiben. Das erleben wir gerade, wenn die Regierung ihr einseitiges Denken in Gesetzesentwürfe gießt und sie in wenigen Wochen durchbringt. Die Gefahr besteht aber auch bei uns, bei den Formen, die wir für unseren Widerstand wählen.

Eine Krise bietet aber auch immer die Chance neue, andere Wege zu gehen, denn wenn die bisherigen gut funktioniert hätten, wäre die Krise ja vermutlich gar nicht gekommen.

Ein paar für mich wichtige Punkte will ich hier nennen. Ich möchte nicht darin stecken bleiben, gegen etwas zu kämpfen. Wir haben zu oft erlebt, dass damit auch wir dem Energie geben, das wir eigentlich nicht haben wollen. Ich möchte, dass wir herausfinden, für was wir uns einsetzen wollen.

Die momentane Situation führt uns überdeutlich vor Augen, wie wenig demokratisch unsere Demokratie eigentlich ist: da wird ein Thema verhandelt, das zur Zeit der letzten Wahl noch gar nicht auf der Agenda stand und es ist nicht vorgesehen, dass wir dazu befragt werden.

Lasst uns unsere Demokratie demokratischer machen, Ansätze dafür gibt es! Grundlegende Entscheidungen, die in unser aller Leben eingreifen, egal ob es den Umgang mit Krankheit, mit neuen Technologien wie 5G und Gentechnik oder die Art des Wirtschaftens angeht, sollten wir nicht mit einer Wahl alle paar Jahre aus der Hand geben.

Ein Modell, das mich da sehr berührt hat, sind die Bürgerforen in Irland, mit denen an für die dortige Gesellschaft so heiklen Fragen wie dem Abtreibungsrecht und der sogenannte Homoehe gearbeitet wurde.

Die derzeitige Situation zeigt auch, wo wir als ach so aufgeklärte Gesellschaft unsere »Fundamentalismen« haben. Warum lassen wir zu, dass verschiedene medizinische Ansätze gegeneinander ausgespielt werden? Wir als Bürgerinnen und Bürger können eigentlich nur ein Interesse haben: dass alle Ansätze zugunsten unserer Gesundheit zusammenarbeiten!

Die Schulmedizin kennt derzeit kein Vorbeugungs- oder Heilmittel gegen Corona. Warum arbeiten nicht Schul- und Alternativmedizin in dieser Frage zusammen und nutzen alles Know-how, was vorhanden ist? Von geistigem Heilen will ich da noch gar nicht reden.

Die Abschaffung des Heilpraktikergesetzes ist auch schon in der Diskussion. Wollen wir uns darauf beschränken, diese Gesetze zu verhindern?

Lasst uns für eine grundsätzlich freie Wahl der Behandlung und eine gleichwertige Zusammenarbeit aller Heilberufe eintreten!

Ein Wort, das in den letzten Wochen immer mal gefallen ist, bei dem es mir jedesmal kalt den Rücken runterläuft, ist das Wort »ausrotten«. Wahlweise das Virus oder die Krankheit soll ausgerottet werden.

Ja, unsere westliche Kultur kennt sich nicht nur mit Kontrolle und Kampf aus, sie hat auch Jahrhunderte alte Erfahrungen im »Ausrotten«, basierend auf einer Ideologie der Überlegenheit. Es ist – Gottseidank – nicht immer gelungen, aber die Folgen waren immer verheerend. Und die Idee, auch mit der schlimmsten Gewalt einer guten Sache zu dienen, war immer ähnlich:

Das war die Grundlage der Kreuzzüge, der Inquisition, der Hexenverbrennungen, der Kolonisation, in deren Rahmen Millionen von UreinwohnerInnen ihr Leben verloren, das betraf aber auch unsere großen heimischen Wildtiere und bedroht inzwischen alle menschlichen Kulturen, die nicht dem westlichen Modell folgen und unendlich viele nicht-menschliche Wesen und Arten.

Dieses Denken hat u. a. zu all den immensen Problemen geführt, vor denen wir heute stehen. Wir werden sie nicht mit dem gleichen Denken lösen, auch wenn wir alles Geld investieren, das wir haben, und alle Möglichkeiten der Kontrolle und Gewalt einsetzen, die uns zur Verfügung stehen.

Lasst uns das Recht auf Leben und unantastbare Würde endlich auf alle Menschen beziehen und auch auf die nicht-menschlichen Wesen, auch sie haben ein Recht auf Leben und Würde! Wir haben das Wesen und die Aufgabe der Viren bisher erst ansatzweise verstanden, wie können wir uns anmaßen, einige von ihnen ausrotten zu wollen?

Lasst uns den Platz in der Schöpfung einnehmen, der uns angemessen ist, als gleichwürdiger Teil. Das Recht auf eine Krone müssten wir uns erst noch erwerben, indem wir nicht nur unsere Möglichkeiten erweitern, sondern im gleichen Umfang unsere Verantwortlichkeit. Vielleicht hilft uns ja Corona dabei? – »Corona« heißt ja »Krone«!

Gaby Kerscher, Wessobrunn

https://charleseisenstein.org/essays/die-kronung/?_page=7
https://vimeo.com/426256967 (»Lasst uns ein anderes Spiel spielen!«- Demobeitrag am 16.05.2020 in Weilheim)

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