Eine Denkrichtung

Personen: Sandra Köhler (47) und Herrmann Wendt (85) auf einer Bank am Lechufer in Schongau

S: Grüß dich, Herrmann.

H: (schreckt auf) Ja grüß dich, Sandra! Du, wenn du nichts sagst, hätt ich dich gar nicht bemerkt.

S: Ich wollt dich nicht erschrecken, Herrmann. Ich wollte aber auch nicht  einfach an dir vorbeilaufen. Du warst wohl schwer in Gedanken versunken, oder?

H: Ja, Sandra, ich hab mich wieder einmal mit unserer Zukunft beschäftigt.

S: Ein Top-Thema für einen alten Revoluzzer wie dich. (setzt sich neben Herrmann) Du, sag mir doch, was du dir so alles überlegt hast. Als Gewerkschafterin interessiert mich deine Zukunftsschau natürlich ganz besonders.

H: (strahlt über das ganze Gesicht) Du, ich steck aber noch ganz am Anfang von meinen Überlegungen. Auf einen zentralen Punkt hab ich mich allerdings schon festgelegt.

S: Und der wäre?

H: Die wirtschaftsmächtigen Nationen müssen in Zukunft wesentlich kleinere und umweltfreundlichere Brötchen backen.

S: Da kann ich erst einmal mitgehen. (überlegt einen Moment lang) Du, hinter dieser Überlegung verbirgt sich allerdings ein gewaltiger Umbruch. Hast du das bedacht, Herrmann?

H: Sicher, Sandra. Wahrscheinlich wird so ein Übergang auch viele Jahre in Anspruch nehmen; auch deshalb, weil er von etablierten Kreisen behindert werden wird.

S: Aber das breite Volk wird mitgehen, wenn der Urlaub ohne Flugzeug und Kreuzfahrt läuft, das Auto seltener und klein ist, wenn sich die Mobilität vor allem auf unsere Beine, aufs Fahrrad und den Zug stützt, wenn wir also nicht mehr rotieren und unser Aktionsradius deutlich kleiner ist als heute … etwa so denkst du ja wohl, oder?

H: Ja, Sandra. Das einfache Volk hat mehr Verstand als die Leute in den Hochlagen. Es wird den Übergang in kleinen Schritten bewältigen; es verliert eigentlich nichts, gewinnt aber ein ruhiges und überschaubares Leben.

S: (begleitet von einem feinen Lächeln)  Du, Herrmann, wir zwei haben jetzt eine Blumenwiese gesäht,  dabei aber massenhaft Arbeitsplätze ausgerissen.

H: Keinesfalls, Sandra. In meiner Zukunftsschau fällt nur das Gigantische und das Unübersehbare. Es bleibt das Kleine und das Naturnahe.

S: Nun sagen uns aber die etablierten Kreise seit Jahrzehnten, dass wir kleinen Leute die Umweltzerstörung angezettelt haben. Wir, also die Masse, richten die großen Schäden an und verursachen die Klimakatastrophen.

H: Das stimmt zunächst einmal, Sandra. Aber alle negativen Formen des modernen Lebens haben und hatten als Geburtshelfer einen Finanzier, heute den so genannten Investor.

S: Auch keine Gegenrede, Herrmann. Also beschert uns den Klimawandel zuförderst der Kapitaleinsatz und nicht der fleißige Mensch.

H: So sehe ich das, Sandra. Der Kapitalismus wirkt als Turbo, er hat für einen Wohlstand gesorgt, der längst ein Schadstand ist.

S: Wieder keine Gegenrede, Herrmann. Aber der Kapitalismus ist doch inzwischen eine geradezu übermächtige Größe auf dem Erdball, der lässt sich doch von einem Wohlstand auf Basis klein und naturnah nicht verdrängen.

H: Das ist der wunde Punkt in meinen Überlegungen. (richtet seinen Blick auf Sandra und dann auf den Fluss) Der Kapitalismus hat etwas von einem Fluss an sich, Sandra, er ist aber Gott sei Dank kein Glied der Natur; also sollten wir ihn abstellen können.

S: Herrgott, Herrmann, wenn man dich so hört, glaubt man ganz schnell an eine Zeitenwende.

H: Du, mich freut deine Reaktion mordsmäßig, denn manchmal erscheint mir mein Denken zu utopisch.

S: (atmet einmal tief durch) Du, Herrmann, auch wenn derzeit noch vieles gegen dein Denken läuft, wirkt es auf mich doch wie ein Silberstreif am Horizont.

H: (strahlt wieder übers ganze Gesicht) Du, Sandra, vielleicht kannst du ihn erkennen, weil deine Augen viel jünger sind als die meinen.

S. (steht auf) Vielen Dank für dieses schöne Kompliment, Herrmann. Du, ich muss jetzt aber trotzdem schleunigst weiter, weil heute meine Eltern zum Abendessen kommen.

H: (drückt dankbar Sandras ausgestreckte Hand) Ciao, Sandra, und Gruß an deinen Mann.

Guggera

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