Virus als Chance

Oliver Koch, Schongau

Eines vorweg: Dieser Text entsteht am ersten Tag der seuchenbedingten Ausgangsbeschränkung in Bayern. Erstaunlich, wie schnell sich für selbstverständlich erachtete Bedingungen des Alltags ändern können. Womöglich haben sich bis zum Erscheinen des OHA im April unsere Lebensverhältnisse nochmals gedreht; hoffentlich zum Positiven, auch wenn wenig darauf hindeutet.

Es ist kaum zu glauben. Woran Generationen von Wohlmeinenden gescheitert sind, schafft ein Virus in wenigen Wochen mit Infektions- statt Lieferketten. Wachstum ausgebremst, Flug- und Autoverkehr reduziert, Klima gekühlt. Der Preis der Fiebersenkung bei Mutter Erde ist nun mit Fieberschüben bei uns Erdenbewohnern verbunden. Ein Virus mit Gerechtigkeitssinn? Man kann schließlich nicht behaupten, dass die Fieberlast bei der Spezies Mensch falsch abgeladen ist. (Möge sich an dieser Stelle bitte nicht wieder jemand persönlich beleidigt fühlen!) Wir alle hoffen, dass unsere Mitmenschen und wir hinter dem Corona-Gipfel noch am Leben sind. Der Leiter des neoliberalen »ifo-Institutes« hat andere Sorgen: Für ihn ist es wichtig, dass die Wirtschaft nach dem Virus in den Turbogang schaltet und die vormaligen Wachstumsraten möglichst sogar noch übertroffen werden. Von ihm und seinesgleichen können wir selbst in derzeitiger Lage offenbar keine kritische Selbstreflexion erwarten. So sehr man sich wünscht, dass den Menschen durch die Krankheit bald keine Gefahr mehr drohe, so sehr wünschte ich, dass die fruchtbaren, klima- und umweltschützenden Begleiterscheinungen der Krise sich noch lange erhalten mögen. Dafür würden einige sogar einen Engpass in der Klopapier-Versorgung in Kauf nehmen. Sie doch auch?

Die Pandemie zwingt uns derzeit, Mitte März, eine für viele noch weitgehend ab­strakte aber gleichwohl lebensbedrohliche Gefahrenlage wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Wir tun das mit Maßnahmen, von denen wir momentan nicht wissen können, ob sie taugen.

Auch die Klimakrise ist so eine Gefahr. Die nehmen wir zwar wahr, reagieren aber wirksam kaum darauf, obwohl wir die Instrumente zu ihrer Eindämmung genau kennen. Unsere Albträume handeln verständlicherweise vom Virus, denn der steht in der Tür. Der bedrohte Zustand der Welt, in und von der wir leben, hat uns bis jetzt weniger schlaflose Nächte bereitet. Die Verluste, die uns bevorstehen, wiegen vielleicht etwas weniger schwer, wenn wir Corona als Initiation verstehen. Der Beginn einer Zeit, in der wir uns – biologisch und vor allem spirituell – mit allem als verbunden begreifen und als Raum, den wir neu gestalten dürfen. Da sind die Leute vom »ifo-Institut« nicht hilfreich.

Oliver Koch, Schongau

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