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Sep 30 2012

Davon träumt Delourdes Jean-Laurent, eine der vier Frauen unter den 33 Forstwächtern (5)

Delourdes

Delourdes mit Kollegen von der Forstwacht
bei einer Besprechung

Interview von Carola Dempfle

Carola Dempfle (CD): Was kannst du den Menschen in Deutschland aus Deinem Leben erzählen?

Delourdes: Mit 12 Jahren hatte ich die Chance, zur Schule zu gehen. Aber der Lehrer war nicht gut. Es war ein Fräulein aus Jacmel (Anmerkung CD: eine Küstenstadt 4 Stunden und 2000 Meter weiter unten). Sie blieb nicht bei uns oben. Nach 12 Monaten war es vorbei mit der Schule.

CD: Was noch fällt Dir ein zu Deinem Leben?

Delourdes: Als mein Vater starb, wollte ein Onkel in Port au Prince uns nehmen. Aber meine Mutter war dagegen, dass wir weggehen.

CD: Wie viele Geschwister hast Du?

Delourdes: Acht. Vier Jungen und vier Mädchen. Ich bin die Jüngste.

CD: Und wann bist Du geboren?

Delourdes: Das Jahr weiß ich nicht. Ich bin jetzt 37 Jahre.

CD: Du warst verheiratet, nicht wahr?

Delourdes: Ja, aber du weißt, dass ich getrennt war von meinem Mann.

CD: Ja, der, der kürzlich gestorben ist. Delourdes, stelle dir vor, als du, sagen wir, als Du 14 Jahre alt warst, was war Dein Traum fürs Leben?

Delourdes: Ich wollte eine Rolle in der Kirche bekommen, also eine Position.

CD: So etwas wie Nonne werden?

Delourdes: Ja, in der protestantischen Kirche.

CD: Ist Dir das gelungen?

Delourdes: Ja, ich hatte immer eine Aufgabe in der Kirche, heute noch.

CD: Als Du geheiratet hast, wie alt warst du da?

Delourdes: 15 Jahre.

CD: Und dein Mann?

Delourdes: Er war 22.

CD: Ist es üblich, so früh zu heiraten?

Delourdes: Die Hochzeit war lange vorher geplant. Meine Eltern wollten das. Aber es war keine gute Ehe. Von Anfang an nicht. Wir hatten andauernd eine schlechte Zeit.

CD: Was war im Nachhinein Deine größte negative Überraschung in Deinem Leben?

Delourdes: Dass mein Glück, zur Schule zu können, so schnell wieder vorbei war und ich jetzt so alt bin und noch immer keine 25 Buchstaben beherrsche.

CD: Und Deine schönste Überraschung in Deinem Leben?

Delourdes: Fällt mir keine ein.

CD: Wenn Du drei Wünsche frei hättest bis zum Lebensende, was sollte sich erfüllen?

Delourdes: Die Schule nachholen, also Lesen und Schreiben können, damit ich einen kleinen Job finden kann.

CD: Und zweitens?

Delourdes: Arbeit finden, das ist Nummer zwei. Und drittens, das Land meines Vaters besuchen.

CD: Wo ist das?

Delourdes: New York. Ich habe Familie in New York.

CD: Würdest Du dort bleiben wollen?

Delourdes: Nein!

CD: Warum wolltest Du wieder hierher zurück?

Delourdes: Wegen meinen Freuden, zu meinen Kindern. Also nicht nur wegen der Kleinen, auch wegen der Erwachsenen.

CD: Was würdest Du Leuten, die Haiti nicht kennen, zeigen wollen?

Delourdes: Den schönen Wald, die Blumen, die Kühle hier. Das Vieh, Schafe, Kühe. Und Mangos, Avokados, Grapefruits, Orangen. Ich weiß nicht, ob es das in Deutschland auch gibt.

CD: Was würdest Du verstecken wollen vor einem Besucher?

Delourdes: Dass die Leute nicht lesen können. Und dass man den Kochtopf da drüben nicht stehen lassen kann.

CD: Weil es Diebe gibt?

Delourdes: Ja. Und wenn es Leuten an Respekt mangelt, oder wenn sie Geringschätzung zeigen, das wollte ich auch nicht sehen lassen.

CD: Jeder hat in seinem Land Dinge, die man nicht mag und nicht gerne zeigt. Ich, zum Beispiel, möchte nicht zeigen, dass es bei uns Leute gibt, die grundsätzlich keine Schwarzen mögen. Wenn Du bei mir zu Besuch wärst, möchte ich, dass solche Leute in ihren Häusern bleiben und nicht rauskommen.

Delourdes: lacht.

CD: Danke, wenn ich noch was brauche, komme ich nachmittags nochmal, ja.

Delourdes: Kein Problem.

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