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Jun 30 2011

Haiti – eine gleichermaßen verstörende und ermutigende Erfahrung

Maurice de Coulon

Maurice de Coulon

Als ich am Mittwoch, dem 23. Februar gegen elf Uhr Ortszeit auf dem Ankunftsdeck des Flughafens Port-au-Prince mich der Treppe nähere, die hinunter zum Ausgang führt, sind schon sehr deutlich die fröhlich swingenden Klänge zu hören, die die Ankommenden begrüßen. Alle, die hier landen, müssen an der diese Musik spielenden Gruppe vorbei, bevor sie die große Gepäckhalle betreten können. So heißt Haiti auch mich an diesem Tag willkommen.

Sind es diese Töne, die mir bestätigen, dass ich wirklich gerade da gelandet bin, und nicht woanders? Warum gerade ich, wo ich doch so ungern zu denen gehören möchte, die, sei es auch nur einige Tage, etwas von dem Lebensnotwendigen beanspruchen, was die Menschen dort so dringend selber brauchen? Aber wie überall, nur in anderen Größenordnungen, sind die Umstände so verrückt, dass es für den, der zahlen kann, an nichts fehlt, während gleich neben dem Supermarkt „Gigant“, nein, gleich an dessen Anlieferungsbrücke die Ärmsten der Armen versuchen die beim Abladen der Waren zu Boden fallenden Teile zu ergattern.

Selten habe ich mich, neben der Freude und der Neugierde auf eine sicher sehr einschlägige Erfahrung, irgendwie auch so dafür geschämt, da zu sein, wo ich gerade war. Die einzige Rechtfertigung, die ich für mein Dasein als Zeuge einer Hilfsmisswirtschaft ungeheuren Ausmaßes hatte, bestand in meinem ganz unverhofften Dienst als Dolmetscher für den Vorsitzenden einer Haitihilfsorganisation auf seiner 10-tägigen Projektbesuchsreise in Port-au-Prince. Der Bitte, ihn auf Kosten seiner Organisation zu begleiten, war ich nicht nur aus Neugierde über die Zustände in Haiti, sondern hauptsächlich deshalb nachgekommen, weil ich mich beim schon einjährigen Übersetzen seines E-Mail-Verkehrs mit seinen dortigen einheimischen Bevollmächtigten davon überzeugt hatte, dass umfassendere Kompetenzen hinsichtlich der Verständigung und des Umgangs zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen, ja eine Art Mediationstätigkeit nützlich sein würde.

Vor allem aber, würde ich dabei die schon ganz und gar abgeschriebene Möglichkeit doch noch bekommen, einen belgischen Freund besuchen zu können, den Elisabeth und ich in Marokko kennen gelernt hatten, der seit vierzig Jahren in einem Haitianischen Provinzort lebt, wo er mit Hilfe einer belgischen Hilfsorganisation eine inzwischen ganz selbstverwaltete und sich selbst tragende, von einheimischen geführte Lehrwerkstattfirma industriellen Ausmaßes für Metallprodukte in unterschiedlichsten Verwendungsbereichen, aufgebaut hat. Dafür nahm ich mir drei Tage, da allein schon für die 230 km lange Fahrt von der Hauptstadt dorthin, wegen dem chaotischen Verkehr und dem teilweise verheerenden Straßenzustand, mehr als 5 Stunden einzuplanen waren.

Trotz eines teilweise sehr anstrengenden Dienstes, der quasi den ganzen Tag über meine volle Aufmerksamkeit forderte, wenn nicht gerade mein Körper bei den vielen notwendigen Fahrten kreuz und quer durch die Stadt auf Straßen die mehr einer Mondlandschaft ähnelten durchgeschüttelt wurde, konnte ich sehr bewegende und persönlich bereichernde Begegnungen und Gespräche mit Menschen, vor allem mit einigen Haitianern und mit meinem Freund Jean erleben, welche auf ihre je bewundernswerte Weise versuchen, mit dem zurecht zu kommen, dass sie in einem so „verrückten“ Staat unter so chaotischen Verhältnissen leben und wirken müssen.

Vordergründig kann man in Port-au-Prince erleben: einen höllischen Straßenlärm; ein alltägliches absolutes Verkehrschaos; 90 % noch nicht wieder im Aufbau begriffene zerstörte Häuser in den betroffenen Vierteln und Gegenden; die noch allseits bestehenden und oft nur beiseite geschobenen Schuttberge, auf denen die Menschen ihre Waren, ob aus Spendenbeständen oder aus eigenen Kunstwerkstätten, meist lächelnd feil bieten; der Gestank in den am meisten zerstörten Stadtteilen, wo zumindest seit dem Erdbeben keine Müllabfuhr mehr funktioniert; die auf allen freien Plätzen und Stadtparks stehenden Zelte für die Obdachlosen, die den nächsten tropischen Regen nicht überstehen werden; die dreimeterhohe nach dem Erdbeben zum Schutz gegen die Plünderer gebaute Betonmauer um das Gelände der Salesianer, die 5000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene vom Kindergarten bis zur Berufsausbildung erziehen und unterrichten; eine durch den gesundheitsschädlichen Lärm von Straßenlautsprechern, deren Leistungspegel hier verboten wäre, angeheizte, manchmal, vor allem in den Slums, gewaltträchtige Atmosphäre; die an der Tagesordnung stehenden Entführungen, womit die Sprösslinge von stadtbekannten Mafiabossen und korrupten Beamten ihr Taschengeld durch Lösegelderpressung aufzumöbeln versuchen, u.A.

Hintergründig sind aber in Haiti: die besondere Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieses Staates nach allen in der Kolonialzeit erlebten Erniedrigungen, in der auch, im Gegensatz zu anderen Kolonialstaaten, die Unabhängigkeit gleichzeitig wie die Befreiung aus der Sklaverei und dem sofortigen Wegzug der Kolonialherren, erlangt wurde; die immer noch vorhandene Sorge des Haitianer, nicht (gleich-) würdig genug behandelt zu werden; ihre immer noch große Anfälligkeit für vordergründige Heilsversprechen evangelikaler Sekten US-amerikanischer Prägung oder für die Versprechen auch der machtlosesten Politiker; die „Bevormundungsmacht“ der UNO und der NGOs (10.000 Hilfsorganisationen allein in Haiti!) und das Diktat der freien Preise des globalen Marktes, an denen winzige Pflänzchen von Eigeninitiativen und Selbstversorgungsstrukturen zu ersticken drohen; das Fehlen einer staatlichen Autorität, die als solche erfahren und anerkannt wird, sowie die Frage, ob sich das nach den letzten Präsidentschaftswahlen wirklich ändern kann.

Aber es gibt auch in Haiti Menschen wie z.B.: Hérold: der nach 25 Jahren Ordenszugehörigkeit, aufgrund eines unüberwindbaren theologischen Konfliktes von den Jesuiten geschasste Soziologieprofessor, jetzt an der Universität von Port-au-Prince tätig ist, dessen lächerliche Entlohnung nicht zum Leben reicht, aber der trotzdem lieber dem Staat dienen möchte, als einer der lukrativen Beschäftigungsangebote als Berater einer NGO anzunehmen, das ihm wie eine Korruption erschiene. Eine leider nur zweistündige, aber sehr inspirierende Begegnung. Er ist derjenige, der Erich Fromms Gedankengut und seine wichtigsten Werke in einem für Haitianische Studenten zugänglichen Buch zusammengefasst hat und der gerne das Gleiche mit Victor Frankls Ideen tun würde, nachdem die Lektüre seines Hauptwerks ihm geholfen hat, die seelischen Auswirkungen seines eigenen Entführtendaseins zu überwinden. Zur Unterstützung und finanziellen Absicherung seiner Ziele (für die er ohnehin keine staatlichen Mittel bekommt) und der von ihm gegründeten „Gesellschaft für die Förderung eines staatsbürgerlichen Gemeinschaftsbewusstseins in der Studentenschaft“ (so ähnl.) werden einige französische Freunde von Hérold, denen ich mich beigesellen werde, eine Unterstützergemeinschaft gründen. Hérold ist auch Autor eines kleinen Gedichtbandes mit dem Titel »Worte eines Sämanns«. Hier ein Beispiel daraus:

„Morgenstreicheln – Sie betete mit dem Geheimnis ihrer Seufzer – Sie gab ihm ihre brennenden Tränen – Er spendete ihr den Segen seines morgendlichen Streichelns – Inmitten der Haitianischen Gewalt lernten sie sich lieben.“

Oder Jean-Jean: Der bescheidene und achtsame Kuhhirte unseres Freundes, der nach dem Frühstück vorbeikommt, um sich daran zu erfreuen mit mir, auch in einfachstem Französisch, über das Leben und die Lehren, die er aus der Beobachtung der Natur gezogen hat, zu philosophieren.

Um nur zwei unter vielen überraschenden Begegnungen zu erwähnen.

Aber, was kann ich wirklich sagen? Ich merke, wie es mir zunächst schwerfällt, ein Fazit aus meiner Erfahrung zu ziehen. Es will mir so erscheinen, als ob es Haitis Schicksal wäre, immer wieder scheitern zu müssen. Jean unser Freund – und viele andere Kenner von Haiti sagen das Gleiche – meint, Haiti könne nur dann eine eigene tragende Identität als Staatsgemeinschaft entwickeln, wenn alle Hilfsorganisationen sich zurückziehen würden, deren Anwesenheit und Einsatz, auch ohne es eigentlich zu wollen, und auch wenn sie zum Teil fachlich und sachlich gute Dienste leisten, hauptsächlich neue Abhängigkeiten schaffen und vor allem das Gefühl der Haitianer bestärken, nichts selbst auf die Reihe bringen zu können. Es findet zu viel Hilfe nach der Art statt: „ich zeige dir, wie du es machen sollst und ich mache es auch gleich für dich!“ und zu wenig in der Art: „Wie kann ich dir von Nutzen sein, damit das zustande kommt, was du dir zum Ziel setzt?“ Es verhält sich hier wie bei dem, hier wegen der Pointiertheit des Vergleichs, etwas vereinfachten Unterschied zwischen der allopathischen und der homöopathischen Heilweise. Die Eine ersetzt das Fehlende oder führt einen neuen Stoff zu, und die Andere regt den Selbsthervorbringungsprozess des vermeintlich Fehlenden nur an und stützt ihn. In vielerlei Hinsicht kam mir Haiti vor wie ein nicht erwachsen werden könnendes Kind, das, weil es vom »Weltpaten« so falsch behandelt wird, dass es, nachdem alles für ihn erledigt wird, meint, nicht mehr erwachsen, also selbstverantwortlich werden zu müssen. Aber wie soll diese Hilfswirtschaft, die insgesamt wie ein Staat im Staat mit eigenem Geltungsbereich und eigenen Regeln wirkt, aufgehalten und in richtige Bahnen gelenkt werden, bei so vielen unterschiedlichen Eigeninteressen und Vorstellungen über das Heil in Haiti? Dieser Selbstläufer ist zum Wirtschaftsfaktor Nr. 1 in Haiti geworden, weshalb die Forderung, dies erst zurückzufahren, um eine neue konzertierte Gesamtaktion zu starten absolut illusorisch ist.

Haiti Flagge

Haitis Wahlspruch: Einheit macht stark

Hier ist es wie anderswo auch: Der Blick aufs Ganze desillusioniert, deprimiert und resigniert nur, vor lauter Ohnmacht gegenüber einer Weltwirtschaft, deren Modalitäten jede vernünftige Entwicklung einer einheimischen Versorgungswirtschaft im Keim erstickt.

Aber der Blick auf das, was einer selbst im eigenen persönlichen Wirkungsbereich für Möglichkeiten hat, bündelt die Aufmerksamkeit und stärkt die Kraft zum eigenen Anfang sowie die Konzentration auf das, worauf es hier und jetzt ankommt. Es ist das, worauf die Lehrwerkstätten, in denen Jean zu den Lehrern der Fortbildungskurse für Maurer gehört, und das worauf Hérold und seine Studentenvereinigung zur Förderung eines gemeinschaftlichen Bewusstseins bauen. Das was einer tun kann, kann er auch in diesem Staat tun, auch wenn alles um ihn herum „verrückt“ zu spielen scheint. Das ist der subjektive Faktor, der Faktor des Lebens. Auf das, was das Leben mit einem Einzelnen kann, kommt es an. Auf das, wovon einer spürt und überzeugt ist, dass er es tun kann, weil sich darin seine ureigenste Lebendigkeit als die Sprache und als der Ausdruck des Lebens Verlangen nach sich selbst offenbart, darauf kommt es an. Darin zeigt sich die gleiche, weil göttliche, Würde des Menschen, überall.

 

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