Ausgrenzung … wollen wir das überwinden?

Marcus Haseitl,
Bad Grönenbach

Würde es mich grundsätzlich interessieren, wenn ich von wissenschaftlicher Seite die Meldung bekomme, dass es weltweit durch verschiedene Kulturkreise hindurch eine gelebte Diskriminierung einer bestimmten Menschengruppe gibt? Oder wäre mein Interesse nur dann geweckt, wenn es einer Ausgrenzung entspricht, die mit meinem eigenen politischen Erwartungsmuster übereinstimmt?

Eine Studie

Diese für meinen Artikel untypischen, persönlichen Fragen stelle ich bewusst voran, bevor ich nun eine Studie behandle, die am 18. Februar 2022 eingereicht, am 28. November akzeptiert und letztlich am 8. Dezember 2022 in »nature« veröffentlicht wurde.[1] Neun Monate bis zur Veröffentlichung ist an sich für eine wissenschaftliche Publikation eher eine untypisch lange Zeitspanne. Wo der Ursprung für diese Dauer zu suchen ist, mag Spekulation sein, vielleicht waren es besondere politische Interessen … Nach neun Monaten kann man allerdings relativ sicher sagen: Diese Studie hat den Fragen der zähesten Zweifler standgehalten, denn ansonsten wäre sie in »nature«, einer der angesehensten Zeitschriften der Naturwissenschaften, wohl nicht veröffentlicht worden. In dieser Studie ging es u. a. um Ungeimpfte bzgl. der Corona-Impfung, die zu bisher ausgegrenzten Gruppen wie Einwanderern in Vergleich gesetzt wurden. Nun aber der Reihe nach.

An der Studie beteiligten sich Wissenschaftler vom Institut für Politikwissenschaft wie auch des Zentrums für das experimentell-philosophische Studium der Diskriminierung (beide Universität Aarhus, Dänemark) und des Instituts für Demokratie (Zentraleuropäische Universität Budapest, Ungarn). Die Forscher trugen für diese wissenschaftliche Arbeit die Erfahrungen aus drei gemeinsamen experimentellen Studien zusammen, in denen sie diskriminierende Einstellungen zwischen geimpften und ungeimpften Menschen und umgekehrt quer über den Erdball verteilt untersuchten. Herabsetzende Verhaltenszüge wurden definiert über negativen Affekt, stereotype Reaktionsmuster und ausgrenzenden Haltungen im familiären und politischen Zusammenhang, die wiederum mit wissenschaftlicher Methodik quantifiziert wurden.

Das Ergebnis

Unabhängig des Kulturraums konnten die Wissenschaftler in der Breite diskriminierende Einstellungen von geimpften gegenüber ungeimpften Menschen feststellen. Das galt für 19 der gesamt 21 untersuchten Länder. Ausnahmen waren nur Ungarn und Rumänien. In diesen zwei südosteuropäischen Staaten konnten die Forscher diese ausgrenzende Stimmung nicht nachweisen.

Umgekehrt, dass also ungeimpfte Bürger eine diskriminierende Haltung gegenüber geimpften Mitbürgern einnahmen, waren diese ausgrenzenden Verhaltenszüge so nicht feststellbar. Eine Ausnahme gab es dabei in Deutschland und in den USA. Hier wurde ein negativer Affekt von ungeimpften gegenüber geimpften Menschen festgestellt. Diese bundesdeutsche und US-amerikanische Besonderheit kann dabei in dem Zusammenhang gesehen werden, dass gerade in diesen beiden Ländern die Verunglimpfung und Ausgrenzung von ungeimpften Bürgern durch Medien und Politik besonders stark ausgeprägt waren.[2]

Die Dimension der gemessenen Diskriminierung bringt dabei folgendes Zitat aus der Studie auf den Punkt: „In drei gemeinsamen experimentellen Studien zeigen wir, dass geimpfte Menschen diskriminierende Einstellungen gegenüber Ungeimpften zeigen, die genauso hoch sind wie die diskriminierenden Einstellungen, die übliche Zielgruppen wie Einwanderer und Minderheiten erleiden.“

Dieses Ausmaß an Diskriminierung lässt aufhorchen. In eigenen Worten formuliert: Einseitig agierende Journalisten, Wissenschaftler und Politiker haben gegenüber mRNA-impfkritischen Menschen ein gesellschaftliches Milieu geschaffen, das ansonsten Aktivisten aus dem rechten Milieu gegenüber Ausländern zugeordnet wird. Diese Erkenntnis ist mit dieser Veröffentlichung in »nature« nun wissenschaftlicher Fakt.

Eine gesellschaftspolitische Aufgabe

Von dieser Ausgrenzung sind laut offizieller Impfquote rund 20 % der bundesdeutschen Bevölkerung betroffen. Nun sollte man meinen, dass eine derartige Dimension die Verantwortlichen in unserem Lande zum Handeln bringen würde. Aber weit gefehlt.

Auch wenn man es inzwischen am liebsten ausblenden möchte, für eine grundlegende Aufarbeitung kommt man nicht umhin, die damals Verantwortlichen auch in ihrem heutigen Verhalten zu beleuchten. Einige Beispiele: Ein sächsischer Ministerpräsident Kretschmer will nicht zurück, sondern vor allem nach vorne blicken, ein bayerischer Ministerpräsident Söder schweigt zum Thema genauso wie ein römisch-katholischer Sozialethiker Lob-Hüdepohl aus dem deutschen Ethikrat, dessen inzwischen herumrudernde Vorsitzende Bryx nach wie vor alles andere wie selbstkritisch auf die eigene Rolle in den vergangenen knapp drei Jahren schauen will etc. pp. Zur Garnierung gibt es dann noch einen ehemaligen Gesundheitsminister Spahn, der nun buchschreibend zwar das Wort Verzeihung verwendet, aber als ein Protagonist dieser Ausgrenzung von den Diskriminierten erwartet, dass sie den Verursachern der Diskriminierung die Hand geben sollen. Welt verkehrt! Hier bittet nicht ein Täter nach Erkenntnis der Falschhandlung um Verzeihung, sondern er erwartet etwas von den Opfern!

Dass dies im politischen Leben auch anders geht, kommt fernab von Deutschland da oder dort inzwischen schon auf höherer Ebene vor. Beispiel Kanada, Provinz Alberta: Die im vergangenen Oktober frisch gewählte Premierministerin Danielle Smith, vom Rang her mit einer deutschen Ministerpräsidentin vergleichbar, erklärte auf ihrer ersten Pressekonferenz, dass die Ausgrenzung Ungeimpfter für sie erschreckend war.[3] Deswegen werde sie im rechtlichen Bereich Maßnahmen in Gang setzen, dass es zu solchen Prozessen der Diskriminierung in Alberta unter ihrer Führung nicht mehr kommen soll. Des Weiteren begann sie bereits im Herbst 2022, im Gesundheitswesen Schlüsselpositionen neu zu besetzen wie auch die Rehabilitierung von Corona-Maßnahmenkritikern klar zu benennen.

In Deutschland

Auch wenn man in Deutschland von solchen Schritten noch weit entfernt scheint, wird auch hier zu Lande die Aufarbeitung der letzten drei Jahre zwangsläufig kommen müssen, wenn man den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht auf Dauer beschädigen will. PolitikerInnen wie Sahra Wagenknecht, Wolfgang Kubicki oder Kristina Schröder haben dies schon seit geraumer Zeit erkannt. Die Mächtigen in ihren Parteien wollen dies aber noch nicht hören. Und diese Aufarbeitung betrifft nicht nur Personen der politischen Ebene sondern ebenso die journalistische. Ein Anfang und für jeden Journalist ein gangbarer Weg der Recherche wäre wohl, auf den März 2020 zurückzublicken und die damaligen Aussagen eines Wolfgang Wodargs mit der inzwischen eingetretenen Realität zu vergleichen, inklusive den März-2020-Aussagen eines Karl Lauterbachs.[4] Dass dieses journalistische Einmaleins in den Mainstream-Medien nicht schon seit Langem umgesetzt wurde, ist mitunter ein Grund dafür, dass sich der öffentliche Debattenraum verengt und die Gesprächskultur in diesem Land gelitten hat.

Ebenso kann man auf den Epidemiologen und ehemaligen Aichacher Gesundheitsamtsleiter Dr. Friedrich Pürner und seiner im Herbst 2020 geäußerten Kritik an der bayerischen Corona-Politik schauen, die offensichtlich von oberer Stelle zu seiner Abberufung als Leiter des Aichacher Gesundheitsamtes führte. Hier wären nun die Medien gefordert, insbesondere die öffentlich rechtlichen Medienanstalten mit ihrem öffentlichen Auftrag, mit journalistischer Sorgfalt ordentlich zurückzublicken, um der Gesellschaft einen konstruktiven Weg nach vorne zu ermöglichen.

Vergeben und verzeihen

Ein fruchtbarer Gang nach vorne – für die Gesellschaft als Ganzes wie auch für den Einzelnen – wird wohl über das Vergeben und Verzeihen führen wie auch über eine fundierte Entschuldigung seitens der Verursacher, die mit einer Gewissensbildung und Reue einhergeht. Nur so kann etwas in der inneren Tiefe ausheilen. Allerdings liegt dem ein anderes Verständnis zugrunde, wie es der oben angesprochene Ex-Gesundheitsminister Spahn bisher gerne für sich in Anspruch nehmen möchte.

Man muss wohl auch unterscheiden, ob es die Aufarbeitung von Handlungen zwischen einzelnen Menschen oder ob es den staatlichen Handlungsrahmen betrifft. Immerhin wurden und werden immer noch mit staatlicher Gewalt – man bedenke nur die Impfpflicht mit einer mRNA-basierten Gen-Injektion für Soldaten, inklusive der Reservistendienstleistenden[5] – Grundrechte, die an sich über das Grundgesetz als unveräußerlich zu verstehen sind, von verschiedenen staatlichen Institutionen außer Kraft gesetzt. Anders und ungeziert, gewissermaßen naiv gefragt: Gäbe es, eben andersherum gedacht, auch ein staatliches Verzeihen bei erwiesener Geschwindigkeitsüberschreitung oder bezeugter Führerscheinfälschung? Wohl eher nicht.

Hier wie dort sind rechtsprechende und dem Recht verpflichtete Richter gefragt, nach Recht und Gesetz zu urteilen. Nicht mehr und nicht weniger. Als Leitlinie sieht hierzu unser Rechtssystem den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit vor. Staatliche Gewalt gegenüber den Bürgern, insbesondere im Zusammenhang mit den Grundrechten, soll schonend und nur bei wirklicher Dringlichkeit angewandt werden – eben verhältnismäßig. Logischerweise kommen hierzu die Gerichte auch nicht umhin, endlich die Sachfragen umfänglich inhaltlich zu prüfen.

Etwas anders sieht es in meiner Wahrnehmung im Vergeben und Verzeihen zwischen einzelnen Menschen aus. Auch hier kann man sich im Vorfeld eine Entschuldigung denken, eine Entschuldigung vom Gegenüber wünschen. Man benötigt sie aber nicht. Um im Innersten vergeben zu können, muss man nicht mit dem Täter sprechen. Beim Vergeben geht es nicht um den Anderen, sondern um einen selbst. Die Worte Buddhas bringen das auf den Punkt: „Am Zorn festhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der Andere dadurch stirbt.“

Aber nicht nur im Buddhismus finden wir die zwölf Prinzipien der Vergebung. Im Christentum sprechen wir im Vaterunser von der Vergebung unserer Schuld und die unserer Schuldigern wie auch im Islam zwei der schönen Namen Allahs der Verzeiher und der Vergeber lauten. Welch schöner Rahmen der Kulturgeschichte, um von Mensch zu Mensch Diskriminierung zu überwinden.

Marcus Haseitl, Bad Grönenbach


Quellenangaben / Hinweise
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  1. Link zur Studie, Abstract: https://www.nature.com/articles/s41586-022-05607-y
  2. Nachstehendes Beispiel (von vielen) mag die Diskussionsführung der letzten Jahre in der BRD verdeutlichen:
    „ […] Ich hingegen möchte an dieser Stelle ausdrücklich um gesellschaftliche Nachteile für all jene ersuchen, die freiwillig auf eine Impfung verzichten. Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen. […]“
    Nikolaus Blome (Politik-Chef bei RTL und n-tv), spiegel.de, 07.12.2020
    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/impfpflicht-was-denn-sonst-a-2846adb0-a468-48a9-8397-ba50fbe08a68
  3. https://exxpress.at/erstmals-entschuldigt-sich-politikerin-bei-ungeimpften-fuer-diskriminierung/
  4. https://multipolar-magazin.de/artikel/faktenchecker-gegen-wodarg
  5. https://www.bundeswehr.de/de/aktuelles/meldungen/corona-impfung-duldungspflicht-reservisten-5323388
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