Weilheims »Jahrhundertprojekt« – die Ortsumfahrung

Die Verkehrswende gestalten – auch in Weilheim – heißt, ökologische Verträglichkeit mit ökonomischen Interessen in Einklang zu bringen. Mit einem »Weiter-so« heutiger Verkehrspolitik verfehlen wir nicht nur die UN-Nachhaltigkeitsziele, sondern auch die nationalen Anstrengungen, hin zu

Diese drei Banner veranschaulichen die momentane Gemengelage, wenn es um die verschiedenen Standpunkte zur geplanten Umgehung der Stadt Weilheim geht.

Drei Bürgerinitiativen (BI) machen sich zurzeit stark: Die BI »2030 gegen eine Ost- und Westumfahrung«, jedoch für einen Tunnel, die BI »Pro Entlastungsstraße« und die BI »Pro Westumfahrung«.

Vorbemerkungen

Kenner der Umfahrungshistorie sprechen davon, dass bereits in den 1930er Jahren erstmals von einer Art „autoverkehrlichen Umgehung“ Weilheims die Rede gewesen sein soll. Nämlich anlässlich der Olympischen Winterspiele 1936 und einer schnellen Verkehrsverbindung von München nach Garmisch-Partenkirchen, über Weilheim.
(Anm.: Wortmeldung aus dem Publikum im Rahmen der »Infoveranstaltung des Staatl. Bauamts zur Ortsumgehung Weilheim« am 27.02.2019, in Oderding)

Ganz andere Prioritäten setzt die Politik als auch die Bevölkerung heute, nach 130 Jahren Automobilität, im Laufe deren ungebremster Entwicklung die Städte weltweit am (Individual-)Verkehr zu ersticken drohen.

  • „Gebt Acht auf diesen Planeten!“ Diese Botschaft richtete ESA-Astronaut Alexander Gerst am 19. Dezember 2019 an „meine zukünftigen Enkelkinder“. Er müsse sich für seine Generation entschuldigen, sagt er. „Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“
  • Greta Thunbergs (16) Rede als Klimaaktivistin am 16.12.2018, anlässlich der Plenarsitzung des UN-Klimagipfels in Kattowitz. Ihr Aufruf an die Weltgemeinschaft: „Ihr sagt, dass ihr eure Kinder über alles liebt. Und dennoch beraubt ihr sie ihrer Zukunft.“
  • Die »Agenda 2030«, vom September 2015, verabschiedete von der General-versammlung der UN. Von den insgesamt 17 Zielen beschreibt das Ziel Nummer 11: „Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig machen.“
  • Aktuelle Studien zur Verkehrspolitik in Deutschland, seit 2018, fasst in ihren Grundaussagen Markus Lewe, Präsident des Deutschen Städtetages parteiübergreifend so zusammen: „Die Städte ersticken teilweise im Verkehr. Wir müssen hinkommen zu einer Verkehrswende, zu einer grundlegenden Umorientierung im Verkehr der Städte.“ Es gehe nicht um Ideologie, sondern um entscheidende Fragen, die alle deutschen Städte betreffen. „Wie kriege ich die Verkehre vernünftig gesteuert? Wie kriege ich den Stadtraum wieder so, dass er wieder ein Lebensraum wird, wo eben nicht nur Blechhaufen herumstehen, sondern wo Menschen sich begegnen können? Wie kriege ich hin, dass ich integrierte Konzepte entwickle, dass eben vernünftige Fahrradstrecken da sind – und dass man auch umsteigen kann vom Fahrrad auf die Bahn.“
  • Markus Lewe (CDU), Oberbürgermeister von Münster

http://www.staedtetag.de/imperia/md/content/dst/veroeffentlichungen/mat/positionspapier-nachhaltige-staedtische-mobilitaet.pdf

Die verkehrliche Lage in Weilheim

Weilheim droht am Quell- und Zielverkehr zu ersticken, also an dem Verkehr, den wir in der Stadt selbst verursachen! Die täglichen Einkaufsfahrten, das Bringen und Holen der Kindergarten- und Schulkinder oder von Pendlern, die Fahrten des Gewerbes, Besuche von Kultur-, Freizeit und Sporteinrichtungen usw. Zugegeben, Lösungen in Form einer Umgehungsstraße (sie heißt im Verwaltungssprech des Staatlichen Bauamts neuerdings »Entlastungsstraße«, oder mittels Tunnel), diese Baumaßnahmen bieten dem Autofahrer ein schnelleres Vorbeikommen oder Durchfahren Weilheims. Jedoch nur für die Verkehrsart »Durchgangsverkehr«, also ca. 12 Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens. (siehe Diagramm)

*) Beim Tunnel muss unterschieden werden nach seiner Bauart. Bergmännisch bedeutet dabei die herkömmliche Technik mit einer Tunnelbohrmaschine oder in Deckelbauweise. Hierzu wird eine Grube ausgehoben bis Bagger und Radlader hineinpassen. Anschließend wird mit einem Deckel „verschlossen“, auf dem der Straßenverkehr weiterfließen kann. Darunter spielen sich die eigentlichen Aushölarbeiten ab. Diese Methode ist um ein Vielfaches „billiger“ als die traditionelle Art des Tunnelbohrens.
Für das verkehrliche Hauptproblem, nämlich den innerstädtischen Quell- und Zielverkehr, sind die im Bundesverkehrswegeplan (BVWP 2030) als vordringlicher Bedarf eingestufte und mit 35 Millionen Euro bezifferten Kosten (Stand 2017) einer Ortsumfahrung keine »Lösung«!

Quelle: https://www.bvwp-projekte.de/map_street.html
Quelle: Auszug aus dem Kurzak-Gutachten 2017: Vergleich 1997, 2017 und die Annahme für 2035, S. 24

Uneinigkeit im Weilheimer Stadtrat

Die Positionen zu den Umfahrungslösungen (Stand November 2018):

  1. BfW (Bürger für Weilheim, Bürgermeister und 11 Stadträte): Abwarten der Empfehlungen des Staatlichen Bauamts Weilheim (= Bauherr) zu den aktuell zu untersuchenden fünf Varianten**)!
  2. CSU (7 Stadträte): Mehrheitlich gegen eine Ostumfahrung!
  3. Grüne (4 Stadträte): Keine oberirdische Umfahrung (wg. des Flächenverbrauchs), allenfalls ein Tunnel!
  4. Fraktion SPD+FDP (3+1 Stadträte): … eher gegen eine Ostumfahrung, pro Tunnel!
  5. FW (4 Stadträte): Keine oberirdische Umfahrung, pro Tunnel!

**) Variante 1 und 2: Westliche Umfahrung Weilheims, kurze und lange Version; Variante 3 und 4: Östliche Umfahrung Weilheims, kurze und lange Version; Variante 5: Tunnel in bergmännischer Bauweise; »Nulllösung«, d. h. keinerlei bauliche Maßnahmen

Laut Bauamtschef Uwe Fritsch ist der Auftrag des Bundes klar, nämlich „dieses Projekt zu verwirklichen“.

Der Bund ist der Träger und hat letztlich das Sagen. Doch „die Belange der Stadt Weilheim haben ein ganz besonderes Gewicht bei der Abwägung der Varianten und auch bei der späteren Realisierung“, stellte Uwe Fritsch bei der öffentlichen Stadtratssitzung im November 2018 vor ca. 750 Besuchern in der Weilheimer Stadthalle fest: Ohne „eindeutige Positionierung der Stadt und starken Rückhalt“ würde das Projekt, das durch die Aufnahme im „vordringlichen Bedarf“ des Bundesverkehrswegeplans 2030 quasi „Gesetz“ wurde, nicht die nötige Dynamik entwickeln. Der Stadtrat müsse deshalb beizeiten eine Entscheidung treffen, so Fritsch, denn der Bund realisiere „kein Projekt gegen ausdrücklichen Willen“ der betroffenen Kommune.

Alfred Honisch, Weilheim

Dienstag, 9. April 2019: Stadtratssitzung in der Stadthalle; Präsentation von fünf Vorzugsvarianten für eine »Umfahrung« durch das Staatl. Bauamt. (2. Teil zu diesem Thema im Mai-OHA)

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