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Jul 31 2011

Bildungsinhalte einer Gemeinwohl-Ökonomie (2)

Herwarth Stadler

Herwarth Stadler

Unter Gefühlskunde will Christian Felber[1] verstanden wissen, dass Kinder erst wieder lernen müssen, miteinander achtsam umzugehen, dass sie Gefühle anderer Personen wahrnehmen, die eigenen erkennen und ernst nehmen, ohne sich dafür zu schämen, wenn sie offen darüber sprechen, sie zu haben, sie bei anderen festzustellen und sich auf beides einzulassen. Ungezählte Beziehungskonflikte blieben bisher ungelöst, weil wir es nicht gelernt haben und es nicht schaffen, über unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle miteinander zu reden. Stellvertretend werfen wir uns oft stattdessen alles Mögliche an den Kopf, das davon ablenkt, dass man im Gefühl verletzt wurde und unerfüllte Bedürfnisse und Gefühle hat, um davon abzulenken, worum es wirklich geht. So bleiben die eigentlichen Probleme weiter bestehen, ohne eine Chance zu haben, als Problem erkannt und einer Lösung zugeführt zu werden.

Das notwendig schrittweise Erlernen einer Kommunikationskunde beginnt damit, einfach »nur« zuhören zu können! Den Anderen ernst zu nehmen, seine Meinung zu achten und ihm nicht ins Wort zu fallen. Vor allem ist zu lernen, nie Wertungen auszusprechen, wenn man sachlich diskutiert, eigene Argumente vorbringt und versucht, den eigenen Standpunkt klar auszudrücken. Wenn ich mir die bekannten Talk-Runden in den verschiedenen TV- und Radioprogrammen vor Augen führe – von der »Münchner Runde« im BR-TV und bei Sandra Maischberger, von »hart aber fair«[2] bis zu Anne Will und Maybrit Illner in ARD und ZDF, »Sonntagsstammtisch« im BR5 usw. – dann ist es mit unserer Diskussionskultur nicht weit her. Bei Beckmanns Talk-Runde, Montag abends »im Ersten« habe ich meist noch am ehesten den Eindruck, dass man wertschätzend und gewaltfrei miteinander selbst so genann­te »heiße Eisen« aufs Tapet bringen kann und diskutiert. Die gedruckte Presse ist meist Lichtjahre entfernt davon, ein Thema sachlich abzuhandeln. Besonders die Massenblätter, die sich selbst das Zeugnis ausstellen, dem Leser damit zu dienen, eine eigene Meinung herauszubilden, geben da kein gutes Vorbild ab! Was die sich nicht nur in den letzten Monaten und Jahren, sondern eigentlich von Anfang an geleistet haben an abwertender Hetze zu den handelnden Personen und ablenkender Irreführung mit Teilwahrheiten – mit einem Wort an allgemeiner Leserverdummung – das geht auf keine Kuhhaut. So müssen bereits Kinder erkennen lernen, dass männliche Wesen anders »ticken« als weibliche, andersartig miteinander zu kommunizieren pflegen, um zu verhindern, dass man aneinander vorbeiredet, vor allem dann, wenn es um Sachen des Gemeinwohls geht. Es bedarf eben eines gewissen Aufwandes, um Missverständnisse möglichst zu vermeiden.

Herwarth Stadler

Gemeinwohl Ökonomie

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie, Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, 20l0, S. 87 ff; darin sind auch die Arbeiten der Bildungskommission von attac-Österreich enthalten.
  2. Wie die Sendung am 20.04.2011 zum Thema Energiewende, in der mit Halbwahrheiten aus prominentem Mund (man musste genau hinhören, um es gleich erkennen zu können) argumentiert wurde – siehe danach auch der »Faktencheck« am 21. April. Dabei ist die Diskussionsführung von Frank Plasberg von den genannten am konsequentesten demokratisch und dem gestellten Thema verpflichtet.

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