Rettet Tante Emma!

Die ökologische Sackgasse im Lebensmittel-Einzelhandel – seit Jahrzehnten verschwinden Tante Emma Läden

Ein »Tante Emma Laden«, der trotz großer Discounter seinen Platz gefunden hat. (Foto: Pixabay)

Tante Emma Läden haben es heutzutage schwer – es gibt nur noch wenige im Lebensmitteleinzelhandel. Supermärkte (Rewe, Edeka), Verbrauchermärkte (Kaufland, real) und Discounter (Lidl, Aldi, Netto, Penny, Norma) haben die Anzahl kleiner, inhabergeführter Läden in den letzten 30 Jahren immer weiter sinken lassen. Eine Entwicklung, die Parallelen zur Landwirtschaft (und anderen Bereichen) aufweist. Die einzelnen Unternehmen werden immer größer und die Anzahl der Marktteilnehmer nimmt immer weiter ab.

Im Jahre 2014 erzielten die zehn größten deutschen Lebensmitteleinzelhändler 210 Milliarden € Umsatz: 86 % = 181 Milliarden € erzielten die ersten fünf, nämlich Edeka/ Netto, Lidl/Kaufland, Rewe/Penny, AldiSüd/ AldiNord und Metro. Kleinere Einzelhändler wie beispielsweise Feneberg spielen mit immerhin 76 Filialen bundesweit nur noch eine untergeordnete Rolle.

Discounter dominieren den Einzelhandel

Im Jahr 2019 bestimmen die Discounter Aldi und Lidl in Deutschland, wohin die Reise geht. AldiSüd / AldiNord betreiben ca. 4 400 Filialen, Lidl / Kaufland kommen auf ca. 4 000 Filialen bundesweit. Diese beiden bestimmen das Preisniveau für Lebensmittel und versuchen sich gegenseitig zu unterbieten. Neben diesen beiden Urvätern des deutschen Discounts gibt es noch Netto (gehört zur Edeka, ca. 4 000 Outlets) Penny (gehört zur Rewe mit ca. 2 200 Outlets) und Norma mit ca. 1 300 Outlets. Das sind insgesamt fast 16 000 Discounter in Deutschland, deren oberstes Ziel es ist, die Endverbraucher mit günstigsten Preisen zu versorgen.

Discounter sind Weltmeister der Standardisierung

Der erste Aldi-Laden eröffnete 1962. In den Anfangsjahren der Discounter war die Einrichtung spartanisch, die Verpackungen unansehnlich und die meisten Produkte wurden im Laden ohne Regale auf Paletten gestapelt. Heute sind Discounter modern eingerichtet und müssen keinen Vergleich mit Supermärkten scheuen. Was sie nach wie vor beibehalten haben ist das Prinzip der Standardisierung und Minimierung der Kosten. Ein wesentliches Element der Kostenminimierung ist die Beschaffung möglichst großer Mengen verbunden mit dem Transport in kompletten LKWs. Je mehr, desto besser und billiger pro Einheit ist das Credo. Extrem große Volumen steigern außerdem die Verhandlungsposition des Händlers, denn welcher Lieferant verliert einen Großkunden, ohne nicht vorher den Preis nachgebessert zu haben.

Aldi und Lidl sind globale Konkurrenten

Das Discountprinzip ist mittlerweile weltweit auf dem Vormarsch. Neben den europäischen Staaten ist Aldi auch in den USA seit 1992 und Australien seit 2004 aktiv. Lidl ist 2018 ebenfalls in den USA gestartet. Fast überall sind die Discounter erfolgreich, auch wenn es manchmal einige Jahre dauert. Besonders Lidl, zu dem auch der Verbrauchermarkt Kaufland gehört, ist auf dem Weg, sich zum größten Lebensmittel-Einzelhändler Europas zu entwickeln, und erreicht 100 Milliarden € Umsatz.

Dies ist eine gigantische Einkaufsmacht und es ist nicht abzusehen, dass der Trend sich abschwächt. Man mag dies als einen normalen Prozess ansehen, der in vielen anderen Branchen auch stattfindet. Der Handel und die Herstellung von Lebensmitteln ist allerdings unter dem Aspekt »Grundlagen unseres Lebens« zu betrachten. Lebensmittel sollen uns gesund erhalten und möglichst naturbelassen sein.

Bioland bei Lidl?

Seit einigen Wochen führt der Discounter Lidl Produkte mit dem Bioland Label. „Das ist doch sehr schön“, werden viele Endverbraucher sagen. „Da kann ich Bio zu günstigen Preisen beim Lidl erwerben und unterstütze mit meinem Einkauf die ökologische Landwirtschaft.“ Auf den ersten Blick sieht das wie eine Win-win-win-Situation aus. Der Bioland-Landwirt erschließt sich einen größeren Markt, der Endverbraucher kann günstiger einkaufen und Lidl verschafft sich ein positives Image. Dazu passt der Satz von Jan Bock, Einkaufschef Lidl Deutschland auf dem Podium der Biofachmesse in Nürnberg am 13.2.2019: „Wir wollen Bio in die Mitte der Gesellschaft bringen.“

Ich sehe die Win-win-win-Situation nur bedingt. Natürlich verschafft sich Lidl damit ein positives Bio-Image. Ich stelle den mittel- und langfristigen Erfolg dieser Kooperation in Frage. Die Landwirte verhandeln mit einem der versiertesten Einzelhändler weltweit. Es gehört zum Prinzip von Lidl (und auch von anderen großen Einzelhändlern) Jahr für Jahr steigende Mengen abzunehmen und dadurch günstigere Preise zu fordern und in der Regel auch zu erhalten.

Die Abhängigkeiten auf der Produzentenseite werden von Jahr zu Jahr größer, der Preisdruck wächst enorm und die Konkurrenz auf der Anbieterseite auch. Lebensmittelherstellung ist ein internationales Geschäft. Lidl ist europaweit einer der größten Abnehmer von Gemüse und Obst, in Spanien ist er unangefochten der Marktführer unter den Abnehmern. Wer garantiert denn, dass Bioland-Produkte in Deutschland hergestellt werden müssen?

Regional ist in?

Alle reden von regionaler Produktion, kurzen Wegen und kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Kleinbäuerliche Betriebe können Lidl gar nicht beliefern, weil sie die Mengen, die ein Lidl Zentrallager benötigt, gar nicht herstellen können. Auch das Vertragswerk von Lidl, das bei einer Listung unterschrieben werden muss, ist auch für größere Unternehmen mit eigener Rechtsabteilung eine Herausforderung.

Mit steigendem Volumen wird der Preisdruck immer größer und es könnte durchaus sein, dass eine Minderung der Qualität zu günstigeren Herstellkosten führt, was nicht im Sinn des Verbrauchers ist. Oder man baut noch mehr Fläche an, um rationeller produzieren zu können. Großflächenanbau in Monokultur steigert auch in Bio-Qualität weder die Artenvielfalt noch hat es positive Auswirkungen aufs Grundwasser.

Alles zum Wohl des Verbrauchers?

Wenn man den Beteuerungen der Discounter Glauben schenkt, tun sie nur das, was die Verbraucher verlangen. Auch der Lidl Deutschland Einkaufschef Jan Bock auf der Biofach meint es nur gut – für Lidl, denn das steht in seinem Arbeitsvertrag. Der größte Teil der Endverbraucher ist meines Erachtens weit überfordert, um durch Konsumverzicht aktiv auf den Einzelhandel einzuwirken. Die Entwicklungen im Einzelhandel und der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten haben zu immer weniger Marktteilnehmern geführt mit den bekannten Folgen. Die verbliebenen Einzelhandelsketten haben keine Veranlassung den Trend zu ändern. Die herrschenden Parteien auf Bundes- oder Landesebene scheinen es sogar noch positiv zu bewerten, wenn der Einzelhandel Lebensmittel zu günstigsten Preisen anbietet.

Was tun?

Guter Rat ist teuer – im wahrsten Sinn des Wortes. Lebensmittel in Deutschland sind zu billig, das Discount-Prinzip hat einen wesentlichen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen, weil die Kosten für Umweltbelastungen durch Transporte von Lebensmitteln aus Ländern, die Tausende von Kilometern entfernt sind, nicht berücksichtigt werden.

Wo sollen wir denn einkaufen, wenn es gar keine Anbauer von Gemüse im Umkreis von 30 km mehr gibt? Tante Emma Läden oder Dorfläden liegen im Vergleich zur Anzahl von Discountern im Promille-Bereich. Immerhin gibt es positive Ansätze. Hofläden gehören dazu, der Eigenanbau von Kräutern und Gemüse wächst, Wochenmärkte erfahren regen Zuspruch.

Diese Entwicklungen gilt es zu fördern und permanent weiter zu entwickeln. Vorhandenes Wissen übers Anbauen von Gemüse, alte Sorten sowie das Zubereiten und Konservieren von Lebensmitteln muss praktiziert werden ganz nach dem Grundsatz: „Wissen allein genügt nicht, das Tun ist entscheidend.“

Heiner Putzier, Weilheim
Mail: Pfaffenwinkel@slowfood.de
www.slowfood.de

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