Zur Klimadebatte: Versuch einer Neubewertung der Atomenergie

Dreht sich die Stimmung?

Die öffentliche Debatte um die Atomenergie nimmt gefährliche Formen an. Eine Gruppe von Atom-Fans, meist Beschäftigte aus der Atombranche, hat sich im Verein »Nuklearia« zusammengeschlossen und streitet mit Vehemenz für eine Neubewertung der Atomkraft in Zeiten des Klimawandels. Sie bedienen sich dabei der Mär vom neuen Reaktor, der angeblich sicher sei und angeblich allen Atommüll verbrenne. Den gibt es zwar nicht, wie ja im aktuellen .ausgestrahlt-Magazin nachzulesen ist. Aber das stört Nuklearia nicht.

Ein Problem: Diese falsche aber einfache Geschichte sorgt sowohl in der Klimadebatte als auch in der Atommüll-Debatte für Verwirrung: Könnten neue sichere AKW das Klima retten? Könnten neue Reaktoren ein tiefengeologisches Atommüll-Lager überflüssig machen? Gerade bei manchen jungen Leuten kommen diese Märchen erschreckend gut an.

Ein weiteres Problem: Die Medien lieben Menschen, die gegen den Mainstream argumentieren. Und da in Deutschland derzeit der Atomausstieg noch(!) Mainstream ist, räumen sie denjenigen viel Platz ein, die es anders sehen und das Blaue vom Himmel versprechen. Nuklearia-Vertreter und Vertreterinnen bekamen etwa ein großes Interview auf »Spiegel Online« oder einen ganzseitigen Gastbeitrag in der »Zeit«.

Ein drittes Problem: Die Mitglieder von Nuklearia, zum Teil Ingenieure oder Naturwissenschaftler, sind extrem aktiv in den sozialen Medien (Facebook, Twitter, YouTube), in den Kommentar-Funktionen unter Artikeln von Online-Medien und auf den Leserbrief-Seiten der Zeitungen. Ihre von Halbwahrheiten dominierte technische Argumentation ist für Laien schwer zu durchschauen oder gar zu widerlegen.

Ein Redakteur der Deister-Weser-Zeitung (Dewezet), Regionalzeitung um das AKW Grohnde, hat Gespräche mit Menschen geführt, die in den Kommentaren unter seinen Online-Artikeln pro oder kontra Atom argumentiert haben. Ich zitiere diesen Text ausführlich, denn er macht deutlich, was derzeit passiert:

Einer, der sich ebenfalls kräftig zu Wort meldete: Rainer Reelfs. Kaum einer weiß, dass er stellvertretender Vorsitzender des Vereins Nuklearia ist, der kräftig für die Kernenergie wirbt. Inzwischen dauert es manchmal nur wenige Minuten, bis der Diplom-Ingenieur als einer der ersten die Debatten nach Veröffentlichung eines Dewezet-Beitrages zum AKW auf Facebook eröffnet. (…)

Der Nuklearia-Sprecher sieht sich in seinem Ziel bestätigt. Das Thema Kernenergie „kommt aus der Tabuzone heraus“, beobachtet er selbst die Tendenz, dass sich die Einstellung zu der umstrittenen Technik wieder wandelt. „Ich habe das Gefühl, dass wir die Faktenhoheit zurückgewinnen.“ (…) Ohne es empirisch zu belegen, zeichnet die Entwicklung auf, dass die Befürworter zeitweise die Oberhand gewinnen. (…)

Einer, der im Frühjahr die Stimme gegen das AKW erhob, war Marcel M. – 30 Kommentare überwiegend von Befürwortern folgten. Selbst wenn er ebenfalls versucht, mit fundierten Erkenntnissen aus der Wissenschaft zu argumentieren: Marcel M. stand auf verlorenem Posten. (…) „Es ist aber sehr anstrengend, zeit- und nervraubend“, meint Marcel M. über die Debatten. (…)

Reelfs unterscheidet zwischen drei Gruppen, wie er sagt. Die »Hardcore-Gegner«, die für keine Argumente empfänglich seien, die zunehmende Zahl derer, die der Kernkraft positiv gegenüberstünde, und „die große Masse, die keine klare Meinung hat, sich aber oft von Medienberichten leiten lässt“. Die Unschlüssigen will Reelfs erreichen, wie er sagt. „Und ich habe das Gefühl, dass sich die Stimmung dreht.“

Quelle: .ausgestrahlt, November 2019

8 Kommentare

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    • Rainer Reelfs auf 5. Januar 2020 bei 21:13
    • Antworten

    Komisch, dass mich bisher keiner fachlich widerlegen konnte….auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird.
    Sie dürfen aber gerne mal zitieren..

    • Rainer Moormann auf 5. Januar 2020 bei 22:22
    • Antworten

    Nana Herr Reelfs, auf Twitter behaupteten Sie vor einigen Wochen, in Brunsbüttel sei nie das Reaktorschutzsystem manipuliert worden, und das sei auch garnicht möglich. Bis zum Nachweis des Gegenteils…

      • Rainer Reelfs auf 17. Januar 2020 bei 09:04
      • Antworten

      Lieber Herr Moormann, wir alle kennen ihre Art der Argumentation, die nur auf Behauptungen ohne validen Nachweis ausgelegt ist. Die Zeit dieser Postfaktik nähert sich aber, und das zum Glück, ihrem Ende…..

  1. Es ist so lustig mit anzusehen, wie die verstaubte und anthroposophengetriebene Anti-Atom-Szene immer mehr am Rad dreht 🙂

    Grüße,

    ein Ex-Atomkraftgegner (es werden immer mehr..)

      • Florian auf 6. Januar 2020 bei 22:24
      • Antworten

      Also ganz überspitzt steht hier, dass freie Meinungsäußerung nur so lange gut ist, bis Kernkraftbefürworter davon Gebrauch machen.

      Lass uns lieber sachlich über die Atommüllfresser reden. In Russland läuft z.B. Schon seit Jahrzehnten der BN-Reaktor. Oder gibts den auch nicht?

  2. Wir müssen uns noch nicht mal der „Mär“ des neuen, sichereren Reaktors bedienen. Schaut man sich einfach mal die Toten pro Terawattstunde für verschiedene Energiequellen an, ist die Kernenergie etwa 6000 mal weniger tödlich als Kohle. Stichwort Datteln-4… Ca. 500 mal weniger tödlich als Erdgas, Stichwort „flexible Gaskraftwerke“, NordSteam-2… Selbst Wasserkraft ist tödlicher. Und wie tödlich eine Klimakatastrophe werden könnte, haben wir ja nun oft genug gehört. Wir gewinnen dieses Argument also bereits auf dem technischen Entwicklungsstand von etwa 1970.

    • Uwe Joestel auf 6. Januar 2020 bei 12:50
    • Antworten

    Der Artikel stellt den nervösen Zustand der Antiatombewegten dar, die sich in typisch verleumderischer Art und Weise artikulieren. So wird von Märchen der Kernenergiebefürworter gesprochen ohne auf ein einziges Sachargument einzigen.

    Jedoch sind immer mehr Menschen diesen bevormundendenStil bis hin zur dogmatischer Indoktrination leid. Die Antiatombewegten führen in Ermangelung von Sachargumenten nur noch verkrampfte Rückzugsgefechte. Denn Technikfeindlichkeit ist keine Lösung für eine moderne Industriegesellschaft!

    • Archophob auf 7. Januar 2020 bei 17:46
    • Antworten

    Das „Märchen vom neuen, sicheren Reaktor, der Endlager überflüssig macht“ ist nur insofern ein Märchen, als daß diese Reaktoren weder neu sind, noch die Endlagerung jemals alternativlos war. Wären die 80er ein bißchen anders verlaufen, würden abgebrannte LWR-Brennstäbe schon heute in Wackersdorf von kurzlebigen Spaltprodukten befreit und als Mischoxid-Brennelemente nach Kalkar weitertranportiert, um im Schnellen Natriumgekühlten Reaktor SNR als Brennstoff zu dienen. 80er Jahre Technik, geschlossener Brennstoffkreislauf. Angeblich sind Grüne immer für Mülltrennung und Recycling, aber letztlich waren es Grüne, die beides verhindert haben, um das Nicht-Problem Atommüll zu einem „unlösbaren“ Problem aufzubauschen. Klar, jedes Problem wird „unlösbar“, wenn man alle praktikablen Lösungen sabotiert.

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