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Mai 31 2015

Byung-Chul Han: »Im Schwarm – Ansichten des Digitalen«

Buchcover

Byung-Chul Han: »ImSchwarm
– Ansichten des Digitalen«
Verlag Matthes & Seitz
Berlin 2013

Buchempfehlung von Hans Schütz

Byung-Chul Han unterrichtet Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste (UDK) Berlin und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter »Müdigkeitsgesellschaft«, »Transparenzgesellschaft« und »Agonie des Eros«.

Ein lesenswertes, sehr nachdenklich stimmendes Buch zumindest für all jene, die sich noch nicht ganz dem Digitalen hingegeben haben, die dem Narrativen noch zugewandt sind, denen Wissen mehr bedeutet als Information, die noch den langen Blick haben, der bei den Dingen verweilt, ohne sie auszubeuten, die zum Handeln im emphatischen Sinne fähig sind, die widerstehen der zunehmenden Egoisierung und Narzissifizierung des Menschen, die sich zu entziehen versuchen der Totalprotokollierung des Lebens und der fortschreitenden psychopolitischen Programmierung.

Folgende Zitate mögen Lust auf die Auseinandersetzung mit dem Traktat wecken:

  • „Der allgemeine Wertezerfall lässt die Kultur des Respekts erodieren.“    (S. 12)
  • „Die neoliberalen Wirtschaftssubjekte bilden kein zum gemeinsamen Handeln fähiges Wir. Die zunehmende Egoisierung und Atomisierung der Gesellschaft lässt die Räume für gemeinsames Handeln radikal schrumpfen und verhindert dadurch die Bildung einer Gegenmacht, die die kapitalistische Ordnung wirklich in Frage zu stellen vermöchte.“    (S. 24)
  • „Es wird kaum etwas gewagt. Der Imperativ der Transparenz erzeugt einen starken Konformismuszwang.“     (S. 30)
  • „Das Medium des Geistes ist die Stille. Offenbar zerstört die digitale Kommunikation die Stille. Das Additive, das den kommunikativen Lärm erzeugt, ist nicht die Gangart des Geistes.“     (S. 32)
  • „Das Smartphone ist ein digitaler Apparat, der mit einem komplexitätsarmen Input-Output-Modus arbeitet. Es tilgt jede Art von Negativität. Dadurch verlernt man auf eine komplexe Art zu denken. Es lässt auch Verhaltensformen verkümmern, die eine temporale Weite oder Weitsichtigkeit erfordern. Es fördert die Kurzfristigkeit und Kurzsichtigkeit und blendet das Lange und das Langsame aus.“     (S. 35)
  • „Die Zeit der Muse ist eine andere Zeit. Der neoliberale Imperativ der Leistung verwandelt die Zeit in Arbeitszeit. Er totalisiert die Arbeitszeit. Die Pause ist nur eine Phase der Arbeitszeit. So nehmen wir sie nicht nur in den Urlaub, sondern auch in den Schlaf mit. Daher schlafen wir heute unruhig.“     (S. 48)
  • „Das digitale Zeitalter totalisiert das Additive, das Zählen und das Zählbare. Sogar Zuneigungen werden in Form von Gefällt-mir gezählt. Das Narrative verliert massiv an Bedeutung. (…) So hört heute alles was nicht zählbar ist, auf, zu sein.“     (S. 51)
  • „Die Information ist kommulativ und additiv, während die Wahrheit exklusiv und selektiv ist. Im Gegensatz zur Information bildet sie keinen Haufen. Man begegnet ihr nämlich nicht häufig.“     (S. 56)
  • „Die digitale Kommunikation lässt die Gemeinschaft, das Wir, vielmehr stark erodieren. Sie zerstört den öffentlichen Raum und verschärft die Vereinzelung des Menschen. Nicht die Nächstenliebe, sondern der Narzissmus beherrscht die digitale Kommunikation.“     (S. 65)
  • „Man fährt überall hin, ohne zu einer Erfahrung zu gelangen. Man zählt endlos, ohne erzählen zu können. Man nimmt Kenntnis von allen Dingen, ohne eine Erkenntnis zu erlangen.“     ( S. 70)
  • „Die Informationsflut, der wir heute ausgeliefert sind, beeinträchtigt offensichtlich die Fähigkeit, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren.“     (S. 79)
  • „Je mehr Information freigesetzt wird, desto unübersichtlicher, gespenstischer wird die Welt. Ab einem bestimmten Punkt ist die Information nicht mehr informativ, sondern deformativ, die Kommunikation nicht mehr kommunikativ, sondern bloß kumulativ.“     (S. 79)
  • „Unsere Gesellschaft wird heute immer narzisstischer. Soziale Medien wie Twitter oder Facebook verschärfen diese Entwicklung, denn sie sind narzisstische Medien.“    (S. 80)
  • „Der Gefällt-mir-Button ist der digitale Wahlzettel. Das Internet oder das Smart­phone sind das neue Wahllokal. Und der Mausklick oder ein kurzes Tippen ersetzt den Diskurs.“     (S. 89)

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