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Feb 29 2016

Mein syrisches Tagebuch (4)

Wolfgang Fischer

Wolfgang Fischer

Mehrfach hat OHA bereits kurze Auszüge aus meinem syrischen Tagebuch abgedruckt, in dem ich meine persönlichen Eindrücke von einer dreiwöchigen Reise durch einige Landesteile Syriens kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs festgehalten habe. Bisher berichtete ich von Aleppo, der zauberhaften, uralten Metropole im Norden des Landes, in dieser Ausgabe (Teil 4) sollen Eindrücke aus Hama, einer Stadt an der Straße von Aleppo nach Damaskus, wiedergegeben werden.

4. Oktober 2010: Rundgang durch Hama

Das Frühstück in meinem kleinen Hotel ist reichlich, aber gewöhnungsbedürftig, wenn man nicht aus diesem Teil der Welt stammt: Schafskäse, saure Gurken und Perlzwiebeln, Oliven, ein steinhart gekochtes Ei, Honig … Ich beschließe, morgens künftig als erstes eine Teestube aufzusuchen, wo köstliches Gebäck in großer Auswahl zu haben ist – und köstlicher Tee natürlich auch.

Danach mache ich mich auf den Weg, stoße bald auf den Orontes – dessen Unterlauf ich ja schon von Antakya und seiner Mündung bei Samandag her kenne – und stehe vor einem der riesigen alten Wasserräder, die bereits vor Jahrhunderten sowohl die umliegenden Felder wie auch die Bewohner der Stadt mit Wasser aus dem Fluss versorgten. Angetrieben von der Strömung beförderten diese ganz aus Holz gefertigten, mächtigen Räder (»Norias«) das Wasser in Aquädukte, auf denen das Wasser in die verschiedenen Stadtteile verteilt wurde. Die Aquädukte sind heute nur noch teilweise erhalten, und die Räder sind ebenfalls nicht mehr alle in funktionstüchtigem Zustand. Ein knappes Dutzend wird aber zur Freude der Einheimischen und auch als Touristenattraktion liebevoll erhalten – sind die »Norias« doch zum Wahrzeichen der Stadt Hama geworden. Wenn man sich den Rädern nähert, hört man schon von weitem ihr Ächzen und Stöhnen, das klingt wie ein vielstimmiger Chor geknechteter Sklaven. Es ist, als würden sie Geschichten aus alter Zeit erzählen, von Glanz, Untergang und (bescheidener) Auferstehung dieser schon in der Antike gegründeten Stadt.

Auf einem Fußweg am Orontes gehe ich später durch einen hübschen gepflegten kleinen Park zur Altstadt mit ihren uralten Moscheen und stillen Gassen, in denen sich u. a. zu meiner Überraschung mehrere Künstler-Ateliers befinden. In eines dieser Ateliers, dessen Tür offen steht, werde ich von einem freundlichen älteren Mann hin­ein gebeten. Es ist der Maler selbst, der gerade mit einer Frau beim Tee saß und mein Interesse an seinen Bildern bemerkt hatte. Natürlich wird mir ein Tee angeboten und bald entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch über Malerei, Land und Leute, das Reisen, Herkunft und Familie. Ich erfahre, dass der Olivenbaum vor dem Haus auf eine alte Tradition in Syrien hinweist, nach der zu jedem Haus ein solcher Baum gehört. Auch mitten in der Stadt… Es war eine schöne, berührende Begegnung, und wieder wird mir bewusst, dass in einem der üblichen Touristen-Programme für solche Begegnungen selten Zeit bleibt …

Gegen Abend unternehme ich dann noch einen Bummel in die etwas oberhalb gelegene Altstadt. Von den Minaretten der Moscheen rufen die Muezzin zum Gebet, die Straßen und Gassen quellen nun über von geschäftig umherwuselnden Menschen.

Mein Ziel ist der Suq, der auch hier einer der Orte ist, um den das Leben der Menschen kreist: Gedränge, gestikulierende Händler, lautes Rufen und herzliches Lachen, das nie endende Gedudel arabischer Gesänge aus unzähligen Lautsprechern, Düfte der verschiedensten Art, die alle paar Meter wechseln und – natürlich – Berge von Waren auf den Tischen der Verkaufsstände, bei deren Anblick sich unsereiner fragt, wer, um Gottes willen, das alles kaufen soll.

„In einem Suq gibt es nichts, was es nicht gibt …“, für Damenwäsche und Kosmetikartikel trifft es mit Sicherheit zu! Grob geschätzt verkaufen mindestens die Hälfte aller Händler hier Damenober- vor allem aber -unterbekleidung, was auf einen enormen Umsatz in dieser Branche schließen lässt. Was hier feil geboten wird, kann einem den Schlaf, zumindest aber den Atem rauben und lässt unsere Beate Uhse-Läden alt aussehen: Durchsichtige, bis zur Hüfte geschlitzte Negligés, Röcke, die zwei Handbreit über dem Knie enden, BHs in allen Variationen, in Gold, Silber, mit Pailletten besetzt, vor allem die groß-volumigen Körbchen weisen abenteuerliche Dekors auf mit Paradiesvögeln, Schmetterlingen oder Rosen, es gibt Korsetts, die ich bisher nur aus Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert kannte … Vor all dieser sündigen Pracht stehen Gruppen von (teilweise) verschleierten Frauen, diskutieren eifrig und ernsthaft über die verführerischen Auslagen und später sieht man nicht wenige von ihnen glücklich lächelnd das Erworbene in großen Tüten nach Hause tragen. Wunder über Wunder, Fragen über Fragen! Wieso sehe ich in diesen Läden keine einzige Verkäuferin, nur (meist junge) Männer? Ich kann keine Umkleidekabinen in den winzigen Läden des Bazaars entdecken, wie funktioniert also die Anprobe? Wie verträgt sich das alles mit der (angeblich) so strengen Sexualmoral der Muslime? Mein von einer deutsch-arabischen Autorin verfasster Reiseführer gibt teilweise Antworten. Ich erfahre da, dass im Koran die Sexualität als Geschenk Allahs gepriesen wird, das beide, Mann und Frau gleichermaßen, genießen sollen (nicht nur – wie die katholische Kirche fordert – zum Zweck der Fortpflanzung!) – allerdings nur in der Ehe. So ließe sich der für uns unerklärliche Gegensatz zwischen der Reizwäsche im Suq und den verschleierten Frauen auf den Straßen erklären: Daheim geht es durchaus fröhlich und freizügig her, in der Öffentlichkeit aber verbirgt die Frau ihre Reize gegenüber den Blicken anderer Männer …

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