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Mrz 31 2015

Wie wollen wir mobil sein?

Schongaus längst archivierte »gute Stube« – autofreie Idylle von 1994

Schongaus längst archivierte »gute Stube« – autofreie Idylle von 1994

Motorisierte Exzesse ausbremsen – Einsatz der Beine fördern!

Bei meinem fast täglichen Einsatz der Beine im Schongauer Forchet kam es auf dem Gehsteig im Karwendelring zu einer interessanten Begegnung, als plötzlich ein Auto über einen kleinen Schneehaufen hinweg einige Meter vor mir anhielt und fast »meinen« gesamten Gehweg blockierte. Eine junge Frau stieg aus. Sie hatte es sehr eilig und tat so, als wäre ich gar nicht da. Dass sie mir mit ihrem Gefährt den Weg versperrte, war ihr offensichtlich überhaupt nicht bewusst.

Durch diesen fast nebensächlichen Vorfall wird mir wieder einmal klar, dass sich aufs Auto fixierte Menschen ganz anders entwickeln und verhalten als Menschen, die hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind.

Eine Stadt ist dann lebenswert, wenn sie nicht im Tempo der Automobile, sondern im Tempo der Gehenden und Radfahrenden tickt. Diesen schönen Satz habe ich neulich mal irgendwo gelesen. Und da ist mir dann auch wieder der Vortrag des Verkehrsexperten und Verhaltensforschers Prof. Dr. Hermann Knoflacher[1] in den Sinn gekommen, der die Ausbreitung des Autoverkehrs mit einer Virus-Infektion verglichen hat. Demzufolge ist die Auto-Gesellschaft ein fester Bestandteil pandemieartiger Erscheinungen.

Kaum jemand versucht mir zu widersprechen, wenn ich behaupte, dass das »moderne« Verkehrssystem unsere Lebensqualität in hohem Maße beeinträchtigt. Mit Ohr, Auge und Nase sind dessen Auswirkungen klar erfassbar und verlangen nach grundlegender Veränderung. Dazu ein treffendes Zitat von Prof. Knoflacher: „Wir ziehen uns mehr oder weniger freiwillig in abgedichtete Häuser mit Lärmschutzfenstern zurück, um den Außenraum dem Krach, dem Staub und den Abgasen der Autos zu überlassen.“

Pläne zur Ver­besserung der Aufenthalts­qualität in der Schongauer Altstadt aus den 1990er Jahren – in ähnlicher Form auch vorgelegt vom Seniorenbeirat – vermodern nach wie vor in der Schublade.

Pläne zur Ver­besserung der Aufenthalts­qualität in der Schongauer Altstadt aus den 1990er Jahren – in ähnlicher Form auch vorgelegt vom Seniorenbeirat – vermodern nach wie vor in der Schublade.

Zudem nimmt man – wenn auch mit Bedauern – jedes Jahr tausende von Toten und Schwerverletzten in Kauf. Weltweit sterben schätzungsweise 1,24 Millionen Menschen pro Jahr im Straßenverkehr – Tendenz steigend! Im Jahr 2030 rechnet man sogar mit 2,4 bis 3,6 Millionen Toten, wenn man den Prognosen der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Pulitzer Center glaubt. Raserei, Alkoholkonsum, Altersschwäche oder Ablenkung durch Navigationsgeräte sowie Handy-Nutzung am Steuer werden als Risikofaktoren genannt. Und wo gibt es Maßnahmen, diese Risiken zu verringern? Generelle Tempolimits sind in den allermeisten Ländern eingeführt, in Deutschland jedoch nicht hilfreich, heißt es, obwohl die schweren Unfälle im Wesentlichen auch durch überhöhte Geschwindigkeiten verursacht werden. Mit Blick auf die Auto-Konzerne zucken wir lieber mit den Schultern, lassen alles so weiterlaufen und ungebremst an die Wand fahren.

Vernunft ist im Straßenverkehr selten anzutreffen. Wenn ich vernünftig sein will und langsamer fahre, weil mich die Sonne blendet, die Straße vereist ist oder Nebel die Sicht behindert, habe ich oft das Gefühl, dass dies eine Zumutung für die anderen ist, die hinter mir (und wegen mir!) langsamer fahren müssen. Fast immer gibt es dann welche, die halten das nicht lange aus und starten die häufig zu beobachtenden riskanten Überholmanöver.

Angesichts derart verrückter Verhaltensmuster kann ich nur hoffen, dass sich bei weiter steigendem Leidensdruck doch noch was ändert. Viele Urlaubs- bzw. Kurorte bieten bereits heute eine spürbare Aufenthaltsqualität mit autofreien Bereichen und intelligentem Zubringerverkehr. Sie zeigen unverdrängbar, dass es auch anders geht.

2015_03_AufenhaltsqualitaetVorsicht Autos!

2015_03_VorsichtWenn wir das, was täglich auf unseren Straßen passiert, ernst nehmen wollten, müssten wir überall, wo häufig die zu schnell gefahrenen Autos von Unvernünftigen auftauchen, ganz große Schilder aufstellen, auf denen unübersehbar »Vorsicht vor zu schnell gefahrenen Autos« in möglichst vielen Varianten draufgepinselt ist. So könnte unmissverständlich aufgezeigt werden, wer in diesem Land die umweltfreundlich Gehenden und die spielenden Kinder ausbremst und gefährdet und vor wem eigentlich gewarnt werden müss­te. Ich habe aber noch nie ein solches Warnschild gesehen, obwohl ja in den Tageszeitungen ständig von den vielen Toten und Schwerverletzten geschrieben und dazu auch eine entsprechende Bebilderung geliefert wird.

Möglicherweise wird ja zu Recht per Schild davor gewarnt, was der Alltag so alles für uns an Gefahren und unangenehmen Dingen bereithält. Unseren ohnehin kaum noch überschaubaren »Schilderwald« – so werden die meisten gleich abwinken – können wir doch nicht noch weiter wachsen lassen. Da sind die gefährlichen Hunde, die stechenden Bienen und andere lästige Tierchen, die zur Vorsicht mahnen lassen. Nach dem vor kurzem höchst schlagzeilenträchtigen Schnee­chaos waren da auch noch die Dachlawinen, vor denen gewarnt werden muss­te. Ja, und zu guter Letzt gibt es auch noch die Dauerwarnung wegen der Kinder (»Vorsicht Kinder!«), die einfach draußen unbekümmert herumlaufen und spielen und sogar die Straßen benutzen wollen, auf denen Autofahrende und andere Motorisierte grundsätzlich die Vorfahrt haben.

Sigi Müller
Quellenangaben / Hinweise


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  1. Hermann Knoflacher ist Professor für Verkehrsplanung an der Technischen Universität in Wien und globaler Fußgehervertreter der UN.

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