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Apr 30 2011

Die Post-Wachstumsökonomie (Wunschvision, zweiter Teil)

Herwarth Stadler

Herwarth Stadler

Zuletzt wurde das Thema »grundsätzliches Umdenken« in einer Artikelserie von Prof. Dr. Nico Paech[1] aufgegriffen, der eine Halbierung der monetär entgoltenen Erwerbsarbeit empfiehlt, was ein Gleichgewicht zwischen Selbst- und Fremdversorgung wiederherzustellen möglich werden lassen würde. Dazu wird es immer nötiger,

  1. regionale Strukturen in Form einer punktuellen Reaktivierung von Eigenarbeit und (kommunaler) Einführung marktfreier Güter und Dienstleistungen zu schaffen, anstatt dies als Schwarzarbeit zu diffamieren und zu bestrafen;
  2. gesetzlich laufend anzupassende Mindestlöhne einzuführen;
  3. schrittweise die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen zu verwirklichen;
  4. die industrielle Wertschöpfung so umzugestalten, dass der Schwerpunkt auf den Erhalt, die Um- und Aufwertung vorhandener Produktbestände und Infra­struk­turen gelegt wird, indem die Zielrichtung auf Renovierung, Umwandlung und Verbesserung/Optimierung Vorrang bekommt, sowie die Nutzung zu intensi­vieren, wie z. B. Carsharing, und die Nutzungsdauer zu verlängern durch Entsorgung erst nach einem endgültigen Ende der Betriebsbereitschaft.

Paech hält dazu drei institutionelle Re-Innovationen als flankierende Maßnahmen (ich meine möglicherweise als Absatz 3 im Artikel 14 unserer Verfassung) unverzichtbar zu ver­ankern, nämlich:

  • eine Geldreform mittels Aussetzen der kapitalistischen Zinswirtschaft,[2]
  • eine Bodenreform im Sinn einer grundsätzlichen Allmende-Regelung
  • sowie einer Orientierung an individuellen CO2– oder Ökobilanzen als einzig verläss­lichen Zielgrößen nachhaltiger Entwicklung.

Dabei sind sich die Vertreter und Vordenker der Postwachstumsökonomie voll im Klaren, dass dadurch ein dreifaches Dilemma[3] droht:

  • Der Umwälzungsprozess entwertet Artefakte aller Art, die möglicherweise durch Optimieren und nachfolgendes Weiterverwenden eine höhere Nach­haltigkeits­performance erreichen könnten als ihr zu früher Ersatz. Ein von uns miterlebtes Beispiel und Lehrstück war die sog. Abwrackprämie vor anderthalb Jahren.
  • Der ökologische Aufwand des Rückbauens zur Vermeidung eines Produktionswachstums könnte möglicherweise in ein Wachstum der Entsorgungsmasse umschlagen. Viele materielle Objekte lassen sich zudem überhaupt nicht oder nur unter extrem hohem Energieaufwand aus der Welt schaffen. Als markantes Beispiel dient augenfällig ein AKW: Die Rest-Atommüll-Frage ist noch immer nicht gelöst und die Entsorgung des Strahlen belasteten Abbruchbauschuttes ist ein Problem für sich geworden, zu dem man sich nicht gern in die Karten schauen lässt (wie z. B. beim AKW Isar I).
  • Der Kapazitätsrückbau in Form von nachhaltigeren Varianten oder Neuheiten be­deutet stets eine Verringerung der Wertschöpfung. Was so viel heißt, dass der volkswirtschaftliche Nettoeffekt dieser ökologischen Umgestaltung mit großer Wahrscheinlichkeit auf ein Null-Summenspiel bis zur insgesamt schrumpfenden monetären Volkswirtschaft hinausliefe, einen wachsenden Anteil der Arbeits­zeitmöglichkeit im (bisher so genannten) nicht-monetären Alltagsbereich.

Nicht nur meiner Ansicht nach wäre das dann der Gesamtgesellschaft zumutbar, wenn als Einübungszeitraum nach der schnellstmöglichen Einführung sozialverträglicher Mindest­löhne und danach als zweiter Schritt die Basis gelegt würde mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.[4]

Je länger diese ersten Schritte für einen ökologischen Umbau der Welt­wirtschaft hinausgeschoben werden, desto radikaler müssen die dann zu ergreifenden Maß­nahmen werden, um das einbrechende Chaos zu bewältigen. Wie das jedoch mit einer konser­vativeren CDU/CSU und nach der Mitte sich orientierenden (also auch konservativer wer­denden) SPD gegen die neoliberale FDP einer politischen Handlungsweise in Deutschland (und im Verbund mit den anderen europäischen Staaten) zugeführt werden kann, nachdem ein eindeutiger Kurs der Bündnis 90/Die Grünen in ökonomischen Fragen noch gar nicht erkenn­bar erscheint, wage ich nicht zu prognostizieren (weshalb ich von wünschbaren Visionen schreibe).

Herwarth Stadler

 

Quellenangaben / Hinweise


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  1. Humane Wirtschaft Nr. 5, 2010, S. 12
  2. Tabelle der durchschnittlichen Zinsbelastung der Haushaltausgaben 1950, 1975, 2000 in der OHA-März-Ausgabe, S. 11
  3. s. FN 12, S. 13
  4. s. zahllose Dateien im Internet und Bücher und Broschüren

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